Europäische Öl- und Gaskonzerne meldeten im ersten Quartal dank der Krisenpreise im Nahen Osten Rekordgewinne. Von London bis Paris wächst nun der Druck, diese Übergewinne stärker zu besteuern.
Europäische Öl- und Gaskonzerne haben von höheren Energiepreisen profitiert, ausgelöst durch die Lieferstörungen im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt. Das hat die Gewinne in der gesamten Branche nach oben getrieben.
Der Energieriese Shell plc meldete am Donnerstag für das erste Quartal einen Gewinnanstieg um 24 Prozent. Konkurrent BP legte bereits im Vormonat höhere Gewinne vor. Der französische Konzern TotalEnergies steigerte seinen Nettogewinn im ersten Quartal sogar um 51 Prozent auf 5,8 Milliarden Dollar.
Analystinnen und Analysten rechnen damit, dass die Erträge auch im weiteren Jahresverlauf hoch bleiben.
Nach Berechnungen von Oxfam dürften die sechs größten fossilen Energiekonzerne – Chevron, Shell, BP, ConocoPhillips, ExxonMobil und TotalEnergies – im Jahr 2026 im Schnitt täglich 37 Millionen Dollar (31,5 Millionen Euro) mehr verdienen als 2025.
Kursschwankungen treiben Gewinne
Der Iran-Konflikt brachte die Schifffahrt durch die Straße von Hormus durcheinander, eine Schlüsselroute für die weltweite Energieversorgung. Dadurch schwankten die Ölpreise stark.
Brent-Öl als globale Referenzsorte stieg im Verlauf der Kämpfe auf rund 100 Dollar je Barrel und kletterte zeitweise sogar über 126 Dollar. Vor Beginn der Kampfhandlungen Ende Februar hatte der Preis noch bei etwa 70 Dollar gelegen.
Von diesen Ausschlägen profitierten vor allem die europäischen Ölriesen BP, Shell und TotalEnergies mit ihren großen Handelsabteilungen. Ihre US-Konkurrenten ExxonMobil und Chevron setzen stärker auf die Förderung von Öl und Gas.
„BP, Shell und TotalEnergies profitierten nicht nur von höheren Ölpreisen, sondern auch von der Markt-Turbulenz selbst“, sagte Stephen Innes von SPI Asset Management.
„Die europäischen Konzerne wirkten in diesem Quartal weniger wie klassische Ölunternehmen, sondern eher wie hochspezialisierte Volatilitätshändler im globalen Energiesystem“, fügte er hinzu.
Europa: Rufe nach Übergewinnsteuern werden lauter
Die starken Zahlen heizen in Europa die Diskussion über Übergewinnsteuern auf Energieprofite erneut an, ähnlich den Abgaben nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022.
Anfang April forderten Deutschland, Österreich, Spanien, Italien und Portugal die Europäische Kommission in einem gemeinsamen Vorstoß auf, eine EU-weite Abgabe auf Übergewinne einzuführen, die Energieunternehmen infolge des Iran-bedingten Ölpreisschocks erzielen.
Die fünf Staaten argumentierten, eine solche Abgabe könne Hilfsprogramme für Verbraucherinnen und Verbraucher finanzieren, die Inflation dämpfen und die öffentlichen Haushalte entlasten.
Einen Monat später, nachdem die größten Energiekonzerne ihre kräftigen Quartalsgewinne vorgelegt hatten, gewann die Debatte weiter an Schärfe.
„Schon wieder streichen die fossilen Energiegiganten enorme Profite ein“, sagte Danny Gross von Friends of the Earth und verlangte höhere Steuern für die Branche.
Im Vereinigten Königreich unterliegen Unternehmen, die in der Nordsee fördern, weiterhin der sogenannten Energy Profits Levy, einer befristeten Übergewinnsteuer aus dem Jahr 2022.
Der Satz liegt derzeit bei 38 Prozent bis 2030 und kommt zu den bestehenden Branchensteuern hinzu. Er gilt allerdings nur für Gewinne aus der Öl- und Gasförderung im britischen Hoheitsgebiet.
Der jüngste Gewinnsprung bei Shell und BP hat neue Forderungen nach einer Anhebung der Abgabe ausgelöst. Der britische Energieminister Ed Miliband kritisierte, die Konzerne erzielten „übermäßige Gewinne“.
In Frankreich brachten sozialistische und grüne Abgeordnete im April einen Gesetzentwurf für eine Übergewinnsteuer auf Energieprofite ein.
Premierminister Sébastien Lecornu erklärte laut Le Monde, er habe „keinen grundsätzlichen Einwand“ gegen eine Besteuerung dieser „außergewöhnlichen“ Gewinne. Eine abgestimmte EU-weite Lösung wollte er jedoch nicht ausdrücklich unterstützen.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderte unterdessen eine europäische Antwort auf aus seiner Sicht überzogene Gewinne und spekulatives Verhalten an den Energiemärkten.
Höhere Ölpreise: Folgen für Energiesicherheit
Analystinnen und Analysten gehen davon aus, dass die großen Energiekonzerne auch im zweiten Quartal hohe Gewinne ausweisen.
„Selbst wenn die Spannungen nachlassen, kehren die Märkte nicht über Nacht zur Normalität zurück“, sagte Innes.
„Ich bezweifle, dass sich dieser Konflikt so schnell lösen lässt“, sagte Adi Imsirovic, Dozent für Energiesysteme an der Universität Oxford. Das dürfte die Preise länger hoch halten.
Ein solches Szenario dürfte neue Öl- und Gasprojekte anstoßen. TotalEnergies plant etwa kleinere Felder, die sich rasch erschließen lassen.
Innes erwartet, dass die Unternehmen eher auf kostengünstige Projekte setzen, statt „blind“ in große Ausbauprogramme zu stürmen.
„Gewinner werden vermutlich Projekte sein, die günstig, flexibel und geopolitisch vergleichsweise sicher sind – nicht Großprojekte, die nur um des Wachstums willen aufgelegt werden“, fügte er hinzu.
In den vergangenen Jahren haben BP und Shell mehrere ihrer Klimaziele zurückgeschraubt, um die Öl- und Gasförderung stärker fortzuführen.
Kürzlich erklärte auch TotalEnergies, das Unternehmen könne sich nicht länger klar zum Ziel der Klimaneutralität bis 2050 bekennen. Die Welt sei noch nicht bereit, auf Öl zu verzichten, betonte der Konzern.
Der Konflikt hat dennoch die Bedeutung erneuerbarer Energien für die Energiesicherheit wieder stärker in den Fokus gerückt.
„Das ist in den Hauptstädten rund um den Globus nicht unbemerkt geblieben“, sagte Imsirovic.