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Trotz kontrollierter Inflation: Warum der Einkauf im Supermarkt weiter schmerzt

ARCHIV: Kunden kaufen am Donnerstag, 14. Mai 2026, in einem Supermarkt in Schaumburg im US-Bundesstaat Illinois ein. (AP Photo/Nam Y. Huh)
ARCHIV: Kunden einkaufen in einem Supermarkt in Schaumburg im US-Bundesstaat Illinois am Donnerstag, den 14. Mai 2026. (AP Photo/Nam Y. Huh) Copyright  Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Una Hajdari
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Die Lebensmittelinflation ist seit ihrem Höchststand 2023 stark gesunken. Trotzdem liegen Europas Einkaufspreise fast ein Drittel über dem Vorkrisenniveau – aus strukturellen Gründen.

Die Inflation ist gesunken, die Europäische Zentralbank ist weitgehend zufrieden, und die Folgewirkungen des Iran-Kriegs bleiben vorerst größtenteils unter Kontrolle. Trotzdem fühlt sich jeder Einkauf im Supermarkt noch immer an wie ein kleiner Akt finanzieller Selbstschädigung.

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Der einfache Grund: Niedrigere Inflation bedeutet nicht automatisch niedrigere Lebensmittelpreise. Eine niedrige Inflation heißt nur, dass die Preise langsamer steigen als zuvor. Der Schaden durch den heftigsten Lebensmittelschock seit einer Generation steckt bereits in den Preisen – und dieser Effekt verschwindet so bald nicht.

1. Preisniveau bleibt hoch - Anstieg verliert nur Tempo

Hier liegt der Trick der Inflationsstatistik. Wenn Analysten sagen, die Lebensmittelinflation sei auf 2,8 % gefallen, heißt das: Essen wird weiter teurer, nur langsamer. Die Preise drehen sich bei fallender Inflation nicht zurück, sie klettern nur nicht mehr so schnell. Der Berg bleibt, auch wenn der Aufstieg langsamer wird.

In der EU haben Lebensmittel und alkoholfreie Getränke in den vergangenen zehn Jahren den größten kumulierten Preisanstieg aller Konsumgüter verzeichnet. Laut den harmonisierten Inflationsdaten von Eurostat stiegen sie zwischen 2016 und 2025 um 33,2 % – mehr als Energie, Dienstleistungen oder andere Warenkörbe.

Weltweit zeigen OECD-Daten, dass das allgemeine Lebensmittelpreisniveau Mitte 2025 fast 46 % höher lag als im Dezember 2019. Für diesen Sprung brauchte es nur sechs Jahre; vor der Pandemie dauerte ein ähnlich hoher Anstieg noch sechzehn Jahre.

Wichtig ist auch die Psychologie. Die Umfrage zu den Verbrauchererwartungen der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt: Lebensmittelpreise prägen das allgemeine Inflationsgefühl überproportional stark. Menschen kaufen häufig ein, sie geben einen großen Teil ihres Budgets für Essen aus, und es gibt nur begrenzte Möglichkeiten auszuweichen.

Nach Angaben der EZB macht sich inzwischen etwa jeder dritte Verbraucher im Euroraum Sorgen, ob er sich die Lebensmittel leisten kann, die er möchte.

2. Löhne steigen - und landen auf Ihrem Kassenbon

Nachdem sich Energiepreise und Lieferketten beruhigt hatten, rückte ein anderer Kostendruck in den Vordergrund: Arbeit. Entlang der gesamten Lebensmittelkette – von Erntehelfern über Fabrikbeschäftigte und Logistik bis zur Kassiererin – sind die Löhne gestiegen.

Im Grundsatz ist das positiv. Es kostet aber Geld, und am Ende zahlen die Kunden mit.

Forschungen der EZB zu den Preistreibern bei Nahrungsmitteln im Euroraum zeigen, wie stark dieser Effekt ist. In der Landwirtschaft legten die Löhne 2022 um 6,2 % zu und 2023 noch einmal um mehr als fünf Prozent.

Im Transport und in der Lagerhaltung, einem entscheidenden Bindeglied auf dem Weg ins Regal, stiegen die Löhne 2022 um 4,3 % und in den ersten drei Quartalen 2023 um 6,3 %. Laut ING Research entfallen in der Lebensmittelverarbeitung typischerweise 10 bis 15 % der Gesamtkosten auf Arbeit.

Europaweit stiegen die Arbeitskosten 2025 im Schnitt um 5,1 % und lagen damit weiterhin über der Lebensmittelinflation, so der Bericht „State of Grocery Europe 2026“ von McKinsey.

In Deutschland legten die Löhne um 4,0 % zu, die Nahrungsmittelinflation lag nur bei 2,2 %. Händler fingen also einen Teil der Differenz ab – aber eben nur einen Teil.

Der Lohnindikator der EZB prognostiziert, dass sich das Wachstum der Tariflöhne bis 2026 bei rund 2,6 % einpendelt. Der strukturelle Druck bleibt also bestehen, auch wenn er etwas nachlässt.

ARCHIV - Der Eierpreis ist am Rand eines Regals in einem Lebensmittelgeschäft in Schaumburg, Illinois, zu sehen, Donnerstag, 14. Mai 2026. (AP Photo/Nam Y. Huh)
ARCHIV - Der Eierpreis ist am Rand eines Regals in einem Lebensmittelgeschäft in Schaumburg, Illinois, zu sehen, Donnerstag, 14. Mai 2026. (AP Photo/Nam Y. Huh) Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved.

3. Kosten am Anfang der Kette steigen wieder - Preise im Regal hinken hinterher

Kaum hatten sich die Rohstoffmärkte beruhigt, folgten neue Schocks. Nach Eurostat-Daten für das erste Quartal 2025 verteuerte sich Milch im Jahresvergleich um 12,6 %, Eier um 10,7 % und Getreide um 9,6 %.

Diese Posten liegen weit vor dem Supermarktregal und brauchen Monate, bis sie dort ankommen. Unter den 64 von Eurostat erfassten Lebensmitteln verzeichneten 2025 alle außer acht Preissteigerungen. Schokolade wurde um 17,8 % teurer, tiefgekühltes Obst um 13 %, Rind- und Kalbfleisch um 10 %.

In fünf EU-Staaten stiegen die Eierpreise um 20 % oder mehr, darunter um 29 % in Tschechien und 27 % in der Slowakei.

Noch weiter hinten in der Kette baut sich neuer Stress auf. Die Weltbank warnte in ihrem „Food Security Update“ vom April 2026 vor einem fast 46 %igen Preissprung gegenüber dem Vormonat bei Harnstoff, einem wichtigen Dünger. Ursache seien Störungen an den Energiemärkten durch den Konflikt im Nahen Osten.

Die EZB hat ausdrücklich auf „verzögerte Effekte früherer Preisanstiege bei internationalen Agrarrohstoffen“ hingewiesen. Nach Einschätzung der Notenbank wird die Nahrungsmittelinflation deshalb bis 2027 erhöht bleiben; die Projektionen sehen sie „etwas über 2 %“.

Zwischen höheren Kosten für Landwirte und höheren Preisen im Laden vergeht oft Zeit. Preisschocks, die im Frühjahr an den Hoftoren ankommen, treffen die Verbraucher regelmäßig erst im Herbst.

4. Supermärkte machen keine Übergewinne - Kosten landen trotzdem beim Kunden

Der Reflex, Gier von Konzernen verantwortlich zu machen, ist verständlich und politisch attraktiv. Er hält einer genaueren Prüfung aber nicht immer stand.

Eine im Januar 2025 veröffentlichte, begutachtete Studie hat fast 89.000 europäische Lebensmittel- und Getränkehersteller für den Zeitraum 2013 bis 2022 analysiert. Ergebnis: Die Preisaufschläge, also die Margen oberhalb der Grenzkosten, sind in dieser Zeit sogar gesunken.

Der McKinsey-Bericht zum europäischen Lebensmitteleinzelhandel 2026 weist die durchschnittliche EBIT-Marge der Branche bei nur 2,8 % aus. Die Autoren sprechen von „einer Verschnaufpause, nicht von einer Erholung“ nach Jahren des Margendrucks. Auch eine Analyse von S&P Global kommt zu dem Schluss, dass mehr als die Hälfte der bewerteten europäischen Händler ihre Margen aus der Zeit vor der Pandemie selbst bis 2025 nicht wieder erreicht.

Diese Branchen schwimmen nicht im Geld. Sie verfügen über kaum Puffer. Steigen Kosten – etwa für Löhne, Energie, Verpackungsauflagen oder Agrarrohstoffe –, gibt es fast keinen Ort, an dem sie hängenbleiben können, außer bei höheren Verkaufspreisen. Die Frage lautet selten, ob Kosten weitergereicht werden, sondern wie schnell.

5. EU-Durchschnitt verschleiert härtere Realität im Osten

Eine EU-weite Lebensmittelinflation von rund 2,8 % im Jahr 2025 klingt verkraftbar – zumindest, wenn man in Paris oder Rom lebt. In Bukarest oder Tallinn wirkt die Lage deutlich düsterer.

Frankreich verzeichnete 2025 bei Lebensmitteln nur 0,7 % Inflation, Rumänien 6,7 %. Jahresraten erfassen jedoch nur das Tempo der Veränderung. Der von Eurostat berechnete HVPI-Lebensmittelindex, der die kumulierten Preisniveaus seit 2015 misst, zeigt deutlicher, wo die Preise tatsächlich stehen.

Ungarn steht bei 204,56 Punkten: Lebensmittel sind dort seit 2015 mehr als doppelt so teuer geworden. Estland liegt bei 180, Litauen bei 177, Polen bei 174. Frankreich kommt auf 135.

Besonders hart trifft das, dass Haushalte in Osteuropa einen deutlich größeren Teil ihres Budgets für Lebensmittel ausgeben als im Westen.

In Rumänien fließen laut den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen von Eurostat rund 25 % des Einkommens in Essen und alkoholfreie Getränke. In Bulgarien sind es etwa 21 %, in Lettland 20 %.

In Deutschland liegt der Anteil bei 11,5 %, in Luxemburg bei 9,3 % und in den Niederlanden bei 11,7 %.

Ein Land, in dem Lebensmittel zweieinhalbmal so viel kosten wie 2015 und in dem ein Viertel des Haushaltseinkommens in den Einkaufskorb geht, erlebt eine völlig andere Realität als Frankreich – selbst wenn beide im selben Währungsraum liegen, in dem die EZB eine Inflationsrate von rund 2 % anstrebt.

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