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Wirtschaft: Warum boomt Polen, während Ostdeutschland zurückfällt?

Ostdeutschlands Aufholprozess stockt – während Polen wirtschaftlich davonzieht
Ostdeutschlands Aufholprozess stockt – während Polen wirtschaftlich davonzieht Copyright  (c) dpa-Zentralbild
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Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am
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Ostdeutschland läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren, sagen Wirtschaftsexperten. Währenddessen fahren osteuropäische Nachbarn wie Polen einen Erfolgskurs. Worin liegen die Unterschiede und was braucht der Osten Deutschlands für eine Kehrtwende?

Im Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026 heißt es in diesem Jahr "Der Aufholprozess ist in Gefahr". Die neuen Bundesländer stehen vor dem Risiko, abgehängt zu werden. Währenddessen schaffen andere Länder in der osteuropäischen Region, darunter insbesondere Polen, die Zeit wirtschaftlich für sich zu nutzen.

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Während dort in den vergangenen Jahren teils dynamisches Wachstum, Industrieansiedlungen und steigende Investitionen zu beobachten waren, kämpfen viele Regionen Ostdeutschlands mit Fachkräftemangel, Investitionsschwäche und demografischem Druck.

"Der Aufholprozess in Ostdeutschland ist kein Selbstläufer mehr. Wenn Politik und Wirtschaft jetzt nicht entschieden gegensteuern, droht der Abstand wieder zu wachsen", sagt Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter des ifo Instituts Dresden. Er ist Autor der ifo-Studie, die dem Wettbewerbsreport zugrunde liegt. Dieser zeichnet ein ernüchterndes Bild: Der jahrzehntelange Aufholprozess gegenüber Westdeutschland gerät ins Stocken – und der Abstand könnte wieder wachsen.

Experten warnen vor wachsender wirtschaftlicher Lücke

Laut dem Wettbewerbsreport fehlt es Ostdeutschland vor allem an privaten Investitionen und qualifizierten Arbeitskräften. Zwischen 2019 und 2023 erreichten die privaten Investitionen pro Einwohner lediglich rund drei Viertel des westdeutschen Niveaus. Ohne Wohnungsbau und öffentliche Infrastruktur lag der Wert sogar nur bei etwa zwei Dritteln.

Hinzu kommt der demografische Wandel: Bis 2035 dürfte die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Ostdeutschland um etwa sieben Prozent sinken, in einzelnen Regionen sogar noch stärker. So geht in den Bundesländern Thüringen und Sachsen-Anhalt das Erwerbspersonenpotenzial in den kommenden Jahren um 25 Prozent zurück, erklären die Studienautoren bei einem Pressegespräch im Berliner Finanzministerium. Jede vierte Person wird künftig ausfallen, wenn es um Wirtschaftskraft und die Besetzung von Stellen geht. Letztendlich wirke sich das auch auf die flächendeckende Produktion aus. In Thüringen hätten im vergangenen Jahr mehr Unternehmen geschlossen als sie neu gegründet worden sind.

Ohne entschlossenes Gegensteuern drohe der Abstand zum Rest Deutschlands wieder größer zu werden, warnt Ragnitz. Es brauche weiterhin steuerliche Anreize, sagte auch die Beauftragte der Bundesregierung für Ostdeutschland, Elisabeth Kaiser. "Investitionen in die wirtschaftliche Zukunft Ostdeutschlands geben wirtschaftliche Sicherheit und Zukunftsperspektiven für die Menschen vor Ort", so Kaiser. Nur wenn auch die ostdeutschen Standorte gestärkt würden, werde der wirtschaftliche Erfolg des gesamten Landes gefördert.

Polen profitiert von größerer wirtschaftspolitischer Flexibilität

Besonders deutlich wird die Problematik im Vergleich mit Polen. Das Nachbarland konnte in den vergangenen Jahren erhebliche Wachstumsraten erzielen und zahlreiche Industrieinvestitionen anziehen, etwa in der Batterie-, Logistik- oder Automobilbranche.

Für den Dresdner Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz sind die strukturellen Unterschiede entscheidend. Polen verfüge über deutlich größere wirtschaftspolitische Spielräume als Ostdeutschland, sagt Ragnitz Euronews.

"Polen hat es einfacher, weil man dort das Regelsystem frei(er) gestalten kann" als in Ostdeutschland, so Ragnitz. Sonderwirtschaftszonen mit höheren Subventionen, niedrigeren Löhnen und geringerer Regulierungsdichte hätten dort Investitionen erleichtert. Ostdeutschland dagegen sei vollständig in das deutsche Rechts- und Tarifsystem eingebunden. Niedrigere Löhne oder Sonderregelungen seien politisch und gesellschaftlich kaum durchsetzbar.

Zudem sei die Mobilität innerhalb Deutschlands deutlich höher: Würden Löhne im Osten sinken, könnte die Abwanderung Richtung Westen weiter zunehmen. Aufgrund der Sprachbarriere und nationalen Landesgrenzen hatte Polen diese Faktoren nicht zu befürchten.

Frühe Sonderförderung wurde schrittweise zurückgebaut

Tatsächlich gab es nach der Wiedervereinigung zeitweise Sonderbedingungen für Ostdeutschland: höhere Fördersätze, schnellere Genehmigungsverfahren und umfangreiche Investitionshilfen.

Ragnitz zufolge wurden viele dieser Instrumente jedoch nach und nach wieder abgeschafft. Ziel war zum einen die Rückkehr zu einem einheitlichen deutschen Rechtsrahmen, doch mitunter wurden die Hebel wegen EU-rechtlicher Vorgaben zurückgebaut. Ragnitz spricht in Deutschland von einem "Umsetzungsproblem".

Bereits 2002 hatten Wirtschaftsforscher in einem Gutachten für das Bundesfinanzministerium erneut Sonderwirtschaftszonen für Ostdeutschland vorgeschlagen. Die Politik lehnte dies jedoch ab. Heute sei es vermutlich zu spät, ein vergleichbares Modell noch einmal einzuführen, so Ragnitz. Abhilfe können ihm zufolge Förderungen von Großansiedlungen schaffen. Doch eine gezielte Steuerung nach Ostdeutschland bestehe hierbei nicht.

Leuchtturmprojekte, aber große regionale Unterschiede

Zwar konnte Ostdeutschland zuletzt einige milliardenschwere Industrieansiedlungen gewinnen wie die Tesla-Fabrik im brandenburgischen Grünheide, den Ausbau des Halbleiterstandorts Dresden durch Infineon und ESMC oder die Batterieproduktion von CATL bei Erfurt, "aber große Teile Ostdeutschlands haben da eben nicht viel davon", so Ragnitz. Das zeigt sich auch in der aktuellen Stimmung der Unternehmen: Laut einer Umfrage unter ostdeutschen Firmen sehen viele zwar wirtschaftliche Chancen, beklagen aber hohe Bürokratie, steigende Energiekosten und fehlende politische Unterstützung.

Im Berliner Umfeld steht ein großes Tesla-Werk, bei Dresden hat sich Infineon angesiedelt.
Im Berliner Umfeld steht ein großes Tesla-Werk, bei Dresden hat sich Infineon angesiedelt. (c) dpa-Zentralbild

Die Großprojekte zeigen nach Ansicht vieler Ökonomen dennoch, dass Ostdeutschland durchaus wettbewerbsfähige Standorte bieten kann. Einen Pluspunkt bringen etwa große verfügbare Flächen, vergleichsweise günstige Energie oder die Nähe zu Forschungseinrichtungen.

Ost-West: Vermögenslücke von 75 Prozent

Während die Ost-West-Linie nicht mehr so deutlich erkennbar ist und sowohl in den alten als auch neuen Bundesländern Strukturschwache und -starke erkennbar sind, zeigt sich beim Thema Vermögen ein massiver Unterschied. Ostdeutsche Haushalte verfügen im Median über rund ein Viertel des westdeutschen Vermögens, wie die Studienautoren herausfanden.

"Vermögen wirkt wie ein ökonomisches Sprungbrett", stellt Achim Oelgarth, Geschäftsführer des Ostdeutschen Bankenverbands, im Pressegespräch im Bundesfinanzministerium fest. Private Vermögensbildung sei dem ifo-Bericht zufolge zentral für die wirtschaftliche Dynamik, individuelle Aufstiegschancen und die regionale Stabilität.

Doch 2023 lag das Medianvermögen ostdeutscher Haushalte bei rund 35.900 Euro, während das im Westen bei 143.200 Euro lag. Die Lücke tendiert zudem dazu, größer zu werden. Als Grund dafür nennen die Studienautoren unter anderem niedrigere Einkommen, geringere Wohneigentumsquoten und weniger Unternehmensvermögen sowie Erbschaften. Sie fordern eine bessere Finanzbildung, denn heutzutage ist Vermögensbildung auch die Rentenvorsorge unerlässlich.

Ostdeutschland schwächer als der Bundestrend

Während die deutsche Gesamtwirtschaft nach schwierigen Jahren zumindest leichte Stabilisierungssignale zeigt, bleibt die Entwicklung im Osten fragiler. Der ifo-Geschäftsklimaindex für Ostdeutschland verschlechterte sich im Frühjahr zunächst deutlich und erholte sich zuletzt nur leicht.

Vor allem Industrie, Bau und Handel stehen weiter unter Druck. Gleichzeitig leiden viele ostdeutsche Regionen stärker unter Abwanderung und Fachkräftemangel als westdeutsche Länder.

Im Jahr 2025 lag das BIP in den ostdeutschen Flächenländern bei rund 85 Prozent des westdeutschen Durchschnittswertes. Vor zehn Jahren waren es 78 Prozent, 1991 lag das Pro-Kopf-BIP bei 34,5 Prozent. Man könne pauschal nicht mehr von einer Benachteiligung Ostdeutschlands sprechen, erklärten die Studienautoren in einem Pressegespräch vorab.

Mitherausgeber des Wettbewerbsreports, Frank Nehring, sprach deshalb auch davon, das Narrativ weiterzuentwickeln. Man solle künftig nicht mehr von einem Aufholprozess sprechen, sondern vielmehr von der Gestaltung einer Zukunftsregion. Man müsse mutig, aber nicht übermütig sein.

Ab Sonntag und für drei Tage treffen sich Branchenvertreter und Politik in Bad Saarow beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum. Im Fokus steht die Frage, wie neue Wachstumsimpulse entstehen können. Die sollen unter anderem auch aus Polen kommen, so beispielsweise in der Keynote von Professor Marcin Piatkowski von der Universität Warschau. Piatkowski war Senior Economist bei der Weltbank und hat zuletzt den wirtschaftlichen Erfolg Polens seit den 1990er Jahren in einem Buch analysiert. Er beschreibt Polen als eine der unterschätzten Wachstumsgeschichten Europas. Im Mittelpunkt stehen dabei die Rolle von EU-Integration, Institutionen, Bildung, Industriepolitik und wirtschaftlicher Transformation.

Auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sowie Bundeskanzler Friedrich Merz werden vor Ort mitdiskutieren.

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