Barcelonas steinerne Traumwelten: Gaudís Meisterwerke, die man gesehen haben muss
Fast ein Jahrhundert nach seinem Tod entdeckt Euronews Culture die spektakulärsten Werke des katalanischen Architekten Antoni Gaudí neu.
In einem Landhaus in Riudoms kämpfte der junge Sohn einer Kupferschmiedefamilie mit seiner empfindlichen Gesundheit. Die meiste Zeit verbrachte er damit, die Natur zu beobachten.
Aus dem Jungen – Antoni Gaudí – sollte später ein Architekt werden, dessen unverwechselbar naturalistischer Stil bis heute Barcelona und Menschen weit darüber hinaus fasziniert.
Die im 19. und frühen 20. Jahrhundert entstandenen Bauten Gaudís sprühen vor Fantasie und greifen Einflüsse aus aller Welt auf – vom katalanischen Modernisme und dem Jugendstil bis hin zur byzantinischen und persischen Architektur.
„Originalität besteht darin, zum Ursprung zurückzukehren“, sagte Gaudí und erklärte damit seine Inspiration aus der Natur. Die Natur war seine Muse, moderne Ingenieurkunst und Wissenschaft bildeten jedoch das Fundament. Die Gebäude des katalanischen Architekten sind zugleich spektakulär und funktional.
Im Juni jährt sich Gaudís Todestag zum hundertsten Mal. Hier sind einige seiner herausragenden Meisterwerke – sie alle gehören zum UNESCO-Welterbe.
Casa Vicens (erbaut 1883 bis 1885)
An der Carrer de les Carolines in Barcelona gelegen, ist die Casa Vicens ein Feuerwerk an Farben und Texturen. Das Haus war Gaudís erster großer Auftrag nach seinem Universitätsabschluss und deutet bereits den naturalistischen, einfallsreichen Stil an, den er später voll ausformte.
Der Bau verbindet spanische Mudéjar-, persische und byzantinische Elemente. Grüne Fliesen mit gelben Blüten schmücken Fassade und Teile des Inneren und heben sich von rostroten Wänden ab.
Die Fliesen gehen auf Gaudís erste Besuche des Grundstücks zurück, als er sich daran erinnerte, das Areal voller „kleiner gelber Blümchen“ vorgefunden zu haben. Auch das markante Gitter am Eingang, das an Palmwedel erinnert, entwarf er nach einer Palme, auf die er bei der Planung stieß.
Wichtig war ihm auch, das Haus so zu entwerfen, dass es viel Licht und frische Luft erhielt, wie er in seinen Notizen zwischen 1878 und 1883 festhielt.
Gaudís feines Gespür für die Umgebung des Hauses und seine ästhetische Faszination für die Natur spiegeln sich in diesem frühen, eklektischen Werk wider.
Casa Batlló (umgestaltet 1904 bis 1906)
Wenn die Casa Vicens Gaudís frühe Experimentierlust zeigt, dann entfaltet sich in der Casa Batlló sein fantasievoller und zugleich technisch ausgeklügelter Stil in voller Pracht.
Das Haus am Passeig de Gràcia wirkt wie eine Traumlandschaft, inspiriert vom Meer und von organischen Formen. Außen überziehen zellähnliche Gebilde in Violett-, Blau- und Grüntönen die Fensterfront. Der untere Teil der Fassade erinnert an ein Skelett – daher der treffende Spitzname „Haus der Knochen“.
Das farbige Dach gleicht den harten Schuppen eines Drachens – ein wiederkehrendes Motiv in Gaudís Werk und ein Verweis auf die Legende von Sant Jordi, dem Schutzpatron Kataloniens.
Auch im Inneren herrscht eine fast märchenhafte Atmosphäre. Decken schimmern wie Fischschuppen. Milchige Glasscheiben lassen die Konturen der dahinterliegenden Räume weicher erscheinen. Wände und Betonkanten der Innenbalkone sind zu sanften Kurven modelliert.
Am eindrucksvollsten ist jedoch der zentrale Lichthof, der sich über mehrere Stockwerke zieht und Tageslicht in das gesamte Haus lenkt.
Gaudí verkleidete den Schacht zudem mit blauen Fliesen in einem Farbverlauf, mit helleren Kacheln unten und dunkleren oben, damit die Lichtverteilung optimal zur Geltung kommt.
Der Lichthof, kombiniert mit Lüftungsöffnungen auf jeder Etage, zeigt eine Architektur, die bis ins Detail durchdacht ist und Ästhetik mit Ingenieurskunst verbindet.
Wer die Casa Batlló betritt, fühlt sich, als würde er in den Kopf des Architekten eintreten, in dem Schönheit und Wissenschaft ständig miteinander im Dialog stehen.
Die skulpturale Struktur greift Gaudís Leitsatz auf: „Die Gerade gehört den Menschen, die Kurve gehört Gott.“
Park Güell (angelegt 1900 bis 1914)
Ursprünglich als Wohnsiedlung für die wohlhabende Stadtgesellschaft geplant, bot der Park Güell Gaudí die Möglichkeit, seine Formensprache weiterzutreiben und Architektur eng mit der Landschaft zu verschmelzen.
Überall im Park finden sich Flächen mit leuchtendem Trencadís – einer von Gaudí perfektionierten Mosaiktechnik aus zerbrochenen Keramikfliesen. Der Park beherbergt mehr als 400 Drachenfiguren als Verweis auf die Legende des katalanischen Schutzpatrons und spiegelt Gaudís Versuch wider, Geschichte und kulturelle Identität der Region in seinem Werk einzufangen.
Gaudí plante zudem Systeme zur Sammlung und Speicherung von Wasser, um die Vegetation zu bewässern und Erosion zu vermeiden.
Im Park Güell greift die Architektur die umgebende Flora und Fauna auf und verwandelt das Gelände in einen Raum zwischen Realität und Fantasie.
Casa Milà (erbaut 1906 bis 1912)
Mit der Casa Milà lotete Gaudí die Möglichkeiten der verwendeten Materialien neu aus und stellte gängige Vorstellungen davon infrage, wie ein Gebäude gebaut sein sollte.
Das Gebäude, auch La Pedrera („der Steinbruch“) genannt, besitzt eine Fassade aus grob behauenem Stein, der zu wellenartigen Formen modelliert ist. In der Casa Milà scheint das sonst starre Material beinahe fließend.
Die schmiedeeisernen Balkongeländer winden sich in algenähnlichen Formen und nehmen die Bewegung des Steins auf. Die Außenansicht bewahrt die zurückhaltende Natursteinfarbe.
Der Entwurf der Casa Milà war für seine Zeit radikal: Das Gebäude kommt ohne tragende Innenwände aus und stützt sich stattdessen auf Träger und Säulen. So konnte Gaudí großzügige, offene Grundrisse schaffen. Das Haus war zudem das erste am Passeig de Gràcia und eines der ersten Gebäude des 20. Jahrhunderts mit einer unterirdischen Garage für Kutschen.
Die Casa Milà besitzt außerdem eine auffällige, skulpturale Dachterrasse mit Lüftungsschächten und eigenwillig gestalteten Schornsteinen, die fast wie Schachfiguren wirken. Die geschwungene Dachlandschaft sorgt zugleich für eine bessere Lichtverteilung im Gebäude.
Basílica de la Sagrada Família (im Bau)
Im Jahr 1926 wurde Gaudí von einer Straßenbahn erfasst – ein Unfall mit tödlichem Ausgang. An jenem Junimorgen war er auf dem Weg zu seinem jüngsten und zugleich ehrgeizigsten Projekt: der Basílica de la Sagrada Família.
Gaudí übernahm das Projekt, das ursprünglich ein anderer Architekt begonnen hatte. Ab 1914 nahm er keine weiteren Aufträge mehr an, um sich ganz auf den Bau der Kirche zu konzentrieren. Seine Entwürfe verbinden gotische und Jugendstil-Elemente mit seiner unverkennbar persönlichen Handschrift.
Im Inneren erinnern die Säulen an Bäume, deren Äste sich nach oben hin verzweigen, und die Decke gleicht einem Blätterdach. Gaudí stellte sich „einen Tempel der Natur vor, der bis in den Himmel reicht“.
Seine Entwürfe für die Basílica de la Sagrada Família mit geometrischen Mustern, bunten Glasfenstern und zahlreichen hohen Türmen waren ein ambitioniertes, atemberaubendes Spätwerk.
Der Architekt hinterließ detaillierte Zeichnungen und Anweisungen für seine aufwendigen Pläne, die es ermöglichten, den monumentalen Bau auch nach seinem Tod fortzuführen.
Im vergangenen Jahr wurde die Kirche zur höchsten Kirche der Welt, und neue Elemente an der Außenfassade im Februar ließen sie noch weiter in die Höhe wachsen.
Sie misst inzwischen etwas mehr als 172 Meter und hat ihre endgültige Höhe erreicht, seit vor Kurzem das 17 Meter hohe Kreuz auf die Spitze des Turms Jesu Christi gesetzt wurde.
Die Arbeiten an dem Projekt gehen weiter, doch das Gerüst rund um die Außenseite soll noch vor der Einweihung des Turms im Juni fallen – und damit pünktlich zum hundertsten Todestag Gaudís.
Auch nach einem Jahrhundert schwingt Gaudís Werk im lebendigen Barcelona der Gegenwart mit. Die Stadt wurde von der UNESCO und der Internationalen Architektenunion (UIA) zur Welthauptstadt der Architektur dieses Jahres ernannt.