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Verborgene Gesichter: Stephan Gladieu porträtiert die Menschen Nordkoreas

Fotografie „07“ von Stephan Gladieu aus seiner größeren Bildserie „North Korea“.
Das Foto „07“ von Stephan Gladieu gehört zu seiner größeren Serie „North Korea“. Copyright  Photo by Stephan Gladieu
Copyright Photo by Stephan Gladieu
Von Anushka Roy
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Vor seiner Ausstellung im Musée des Confluences in Lyon sprach der französische Fotograf Stephan Gladieu mit European Lens über seine Serie „North Korea“, für die er das abgeschottete Land über drei Jahre auf mehreren Reisen fotografierte.

Auf einem Foto stehen fünf Schulkinder vor einer blauen Wand. Ihre gestärkten weißen Hemden heben sie scharf vom Hintergrund ab. Hinter den getönten Gläsern ihrer knallgelben Sonnenbrillen blicken sie direkt in die Kamera. So, wie auch die Betrachtenden sie ansehen.

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Als der Reiseantrag des französischen Fotografen Stephan Gladieu für Nordkorea genehmigt wurde, stand für ihn fest, dass er die Menschen in den Mittelpunkt stellen wollte. „Ich habe von Anfang an klargemacht, dass ich keine Architektur fotografiere und keine leeren Orte. Das hat mich überhaupt nicht interessiert“, sagt Gladieu gegenüber Euronews Culture.

„Ich wollte den Menschen in Nordkorea ein Gesicht geben. Sie sind völlig unsichtbar, weil das Regime kaum über sie spricht. Und auch in Europa, den Vereinigten Staaten und in Asien interessiert sich eigentlich niemand wirklich für Nordkoreaner.“

Stephan Gladieus Fotografie „10“, Teil seiner Serie „North Korea“.
Stephan Gladieus Fotografie „10“, Teil seiner Serie „North Korea“. Photo by Stephan Gladieu

In Nordkorea leben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (Quelle auf Englisch) mehr als 26 Millionen Menschen. Die Gesellschaft ist weitgehend vom Rest der Welt abgeschottet. Der Zugang zu Informationen hat sich im vergangenen Jahrzehnt sogar zurückentwickelt, wie ein Bericht von 2025 (Quelle auf Englisch) des UN-Menschenrechtsbüros zeigt.

Auf fünf Reisen zwischen 2017 und 2020 hat Gladieu eine Porträtserie mit dem Titel „North Korea“ erarbeitet. Sie öffnet ein kleines Fenster zu einer Gesellschaft, die in der weltweiten Berichterstattung nahezu nicht vorkommt.

In „North Korea“ holt Gladieu die Betrachtenden sehr nah an die Menschen vor seiner Kamera heran. „Es ist wie ein Spiegel“, sagt er. „Ich bin nur da, um vorbeizukommen und die Menschen, die sich die Bilder ansehen, vor diese Porträtierten zu stellen. Und dann lernt man vermutlich genauso viel über sich selbst wie über die Person vor einem – so wie bei einer Begegnung im echten Leben.“

Stephan Gladieus Fotografie „52“, Teil seiner Serie „North Korea“.
Stephan Gladieus Fotografie „52“, Teil seiner Serie „North Korea“. Photo by Stephan Gladieu

Gladieus frühe dokumentarische Arbeiten führten ihn um die Welt – von Rumänien nach dem Sturz von Nicolae Ceaușescu bis nach Namibia, wo die heutige Generation der Ovaherero mit den Erinnerungen an den Völkermord an Ovaherero und Nama durch deutsche Kolonialtruppen ringt. In Namibia entwickelte er die Art von „ikonischen Porträts“, wie er sie nennt, die er später für „North Korea“ übernahm.

Für diese Porträts bringt Gladieu typische Elemente der Studiofotografie wie Lichtanlagen auf die Straße. „Für mich war es als Straßenfotograf sehr spannend, Studiotechniken nach draußen zu verlagern“, sagt er.

Besonders faszinierte ihn das Bild der religiösen Ikone – „nicht wegen des Religiösen, sondern wegen der Bildsprache“, erklärt er. Die stark reduzierten Motive ließen sich leicht erfassen und dienten historisch dazu, Botschaften zu vermitteln. Diese Funktion der Ikone prägt seine Porträtarbeit.

„Für mich war es spannend, mit diesem ikonografischen Code zu spielen, um eine humanistische Botschaft zu entwickeln“, sagt er. „Daraus entstand der Gedanke, mit drei Farben zu arbeiten, immer denselben Bildausschnitt zu wählen und den Blitz auf die Straße zu holen – mit derselben Lichtsetzung für jedes Foto.“

Stephan Gladieus Fotografie „04“, Teil seiner Serie „North Korea“.
Stephan Gladieus Fotografie „04“, Teil seiner Serie „North Korea“. Photo by Stephan Gladieu

Die Porträts in „North Korea“ leuchten hell und wirken streng symmetrisch – fast wie Modestrecken in Hochglanzmagazinen. Die Porträtierten stehen jedoch in realen Umgebungen, etwa vor Supermarktregalen oder in Arztpraxen. Gladieu nutzt diesen Kontrast, um surreale Miniaturen des Alltags zu schaffen. Er bewegt sich dabei zwischen dokumentarischem Blick und ikonografischer Inszenierung.

Für jedes Porträt wählte er einen festen Abstand zur Person und eine identische Lichtführung. „Ich wollte Orte aussuchen, die nicht weit entfernt von dem lagen, wo ich die Menschen kennengelernt habe – alles, was man sieht, ist real“, sagt er. „Wenn es einen Ort gab, der mich besonders interessierte, bin ich dort geblieben und habe gewartet, um die Menschen dort zu fotografieren.“

Stephan Gladieus Fotografie „36“, Teil seiner Serie „North Korea“.
Stephan Gladieus Fotografie „36“, Teil seiner Serie „North Korea“. Photo by Stephan Gladieu

Im Vergleich zur klassischen Dokumentarfotografie erlaubte ihm diese ikonische Porträtform, mit einem vertrauten Bildcode zu arbeiten. Sie passte besser zum Umfeld und verlangte, dass er meist an einem Ort blieb. Das machte seine Vorgehensweise für die ihn begleitenden Guides zunächst akzeptabler. „Dadurch ist es mir wohl gelungen, mitten in all der Kontrolle eine kleine Blase der Freiheit zu schaffen, in der ich Entscheidungen nach meinen eigenen Vorstellungen treffen konnte“, sagt er.

Auf seinen fünf Reisen, die jeweils rund 15 Tage dauerten und bei denen er fast nie allein unterwegs war, versuchte Gladieu, das Land und seine Gesellschaft zu verstehen. Am Anfang führte er „lange Gespräche“, um herauszufinden, wohin er fahren durfte und wie der Alltag vor Ort tatsächlich aussieht.

Seine Rolle als Außenstehender machte es schwer, mit den Guides und den Porträtierten eine gemeinsame Ebene zu finden. Auch wegen der völlig unterschiedlichen Geschichte und sozialen Prägungen. „Wenn man keine gemeinsamen Bezugspunkte hat und dasselbe sieht, analysiert oder empfindet man es eben nicht gleich“, sagt er. „Selbst wenn wir nebeneinanderstanden, fühlten wir die Situation manchmal nicht auf dieselbe Weise.“

Das führte nach Gladieus Eindruck auch zu unterschiedlichen Vorstellungen von Ästhetik und davon, was man überhaupt fotografieren kann. „Ihr Verhältnis zur Perfektion ist sehr stark, das spürt man überall. Man fotografiert Dinge nicht, wenn sie nicht vollständig fertig sind“, sagt er. Er erinnert sich etwa an Diskussionen mit seinen Guides, als er Bauarbeiter vor einem Gebäude im Umbau porträtieren wollte. „Es ging nicht darum, dass das politisch heikel sein könnte. Es ging nur darum, dass es noch nicht fertig war – und fertig sein musste.“

Stephan Gladieus Fotografie „08“, Teil seiner Serie „North Korea“.
Stephan Gladieus Fotografie „08“, Teil seiner Serie „North Korea“. Photo by Stephan Gladieu

Dieses Streben nach Symmetrie passte mitunter erstaunlich gut zu Gladieus streng aufgebauten Porträts. Einmal durfte er einen Schießstand besuchen und wollte zunächst zwei Männer im Inneren fotografieren. Das wurde ihm untersagt, weil sie dem Militär angehörten. Stattdessen schlugen die Verantwortlichen vor, zwei Hostessen des Schießstands zu fotografieren.

„Als die Hostessen kamen, trugen sie braune Uniformen, mit Pistole und allem“, erzählt Gladieu. Sie erinnerten ihn sofort an eine Zielscheibe, die an einer braunen, holzvertäfelten Wand hing. „Da war für mich klar: Ich muss zu dieser Zielscheibe gehen“, sagt er.

Aus dem Vorschlag entstand ein Bild, das er so nicht erwartet hatte. Auf der Aufnahme stehen die beiden Frauen Rücken an Rücken, dazwischen die Zielscheibe. Die Farben ihrer Kleidung greifen die Töne des Hintergrunds auf, es entsteht eine Komposition mit klarer visueller Harmonie. „Für mich ist das ein unglaubliches Bild“, sagt Gladieu.

„Sie haben nie genau gesehen, was ich da mache, und ich habe nie wirklich verstanden, was sie in meinen Bildern sehen und warum sie mich mit der Zeit immer wieder haben zurückkehren und weiterarbeiten lassen“, sagt er. „Ich habe nur gemerkt, dass es ein Zeichen dafür war, dass sie sich irgendwie darin wiedererkennen – selbst wenn das manchmal kompliziert war.“

Stephan Gladieus Fotografie „65“, Teil seiner Serie „North Korea“.
Stephan Gladieus Fotografie „65“, Teil seiner Serie „North Korea“. Photo by Stephan Gladieu

Gladieu wurde von englischsprachigen Guides begleitet. Die Sprache war für ihn daher weniger das Problem. Schwerer fiel ihm, dass er nie wusste, wohin es als Nächstes ging und dass andere seine Bewegungen streng steuerten. „In Nordkorea geht man nirgendwohin – man wird gefahren, aber man bewegt sich nicht frei“, sagt er. „Psychologisch ist das sehr anstrengend.“

Die Serie vereint Einzel- und Gruppenporträts. „Sehr schwierig war es, Menschen allein zu fotografieren, weil sie fast nie solo porträtiert werden“, sagt Gladieu. Aber auch in den Gruppenbildern tritt jede Person deutlich hervor – schon allein in der Art, wie sie sich für das Foto positioniert.

Stephan Gladieus Fotografie „13“, Teil seiner Serie „North Korea“.
Stephan Gladieus Fotografie „13“, Teil seiner Serie „North Korea“. Photo by Stephan Gladieu

„Ich versuche, sie kaum zu bitten oder zu dirigieren und nehme mir mehr Zeit, als ich eigentlich bräuchte, um meine Szenen vorzubereiten oder so zu tun, als müsste ich das Licht noch einstellen“, sagt er über seine Arbeitsweise. „So gebe ich ihnen die Zeit, ganz in ihrer eigenen Haltung anzukommen.“

Stephan Gladieus Fotografie „14“, Teil seiner Serie „North Korea“.
Stephan Gladieus Fotografie „14“, Teil seiner Serie „North Korea“. Photo by Stephan Gladieu

„Ich hatte das Glück, diesen Menschen im wirklichen Leben zu begegnen“, sagt Gladieu. „Diejenigen, die sich die Serie ansehen, bekommen vielleicht die Chance, ihnen in den Bildern zu begegnen.“

„North Korea“ erschien 2020 zunächst als Buch unter demselben Titel.

„North Korea“ von Stéphan Gladieu ist vom zwölften Juni 2026 bis zum zweiten Januar 2028 im Musée des Confluences in Lyon zu sehen.

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