Cowboy-Realität: Fotograf Ivan McClellan zeigt Black-Rodeo-Kultur
Fotograf Ivan McClellan legt eine neue Ausgabe seines Projekts „Eight Seconds“ vor, mit 91 bislang unveröffentlichten Bildern über schwarze Cowboy- und Rodeokultur in den USA.
Kaum eine Figur ist tiefer im amerikanischen Vorstellungsvermögen verankert als der Cowboy. Er steht für Unabhängigkeit, Freiheit und Eigenständigkeit – ein nationales Symbol, verewigt in Filmen wie The Searchers und The Good, the Bad and the Ugly.
Über Generationen hinweg war dieses Bild jedoch fast ausschließlich weiß.
Der Fotograf Ivan McClellan wuchs in Kansas City auf. In seiner Straße lebte Mr. Wills, ein Mann, der Rinder hielt. Er war schwarz, trug Baseballkappe und Latzhose und hatte nichts gemein mit John Wayne oder Val Kilmer in Tombstone. McClellan wäre nie auf die Idee gekommen, ihn Cowboy zu nennen. Das Bild aus dem Kino und die Realität um ihn herum passten einfach nicht zusammen.
2015 fuhr McClellan vier Stunden zu einem Rodeo in Oklahoma. Dort sah er tausende Black Cowboys und Cowgirls, die seinen Nachbarn und Freunden viel ähnlicher waren als alles, was Hollywood gezeigt hatte: Männer mit Goldketten und Jordans, Frauen mit langen Braids und Acrylnägeln, die mit 50 Meilen pro Stunde auf Pferden über die Arena jagten, während Gospel, R&B und Hip-Hop aus den Lautsprechern dröhnten.
Dieser Moment markierte den Beginn einer jahrzehntelangen Obsession. McClellan reiste durch die USA und dokumentierte die Kultur schwarzer Cowboys und Cowgirls bei Rodeos, auf Ranches, zu Hause und bei Veranstaltungen. Sein Projekt Eight Seconds aus dem Jahr 2024 – benannt nach der Zeit, die ein Bullrider auf dem Tier bleiben muss, um gewertet zu werden – wurde schließlich zu einem vielbeachteten Buch.
Inzwischen organisiert McClellan unter dem Namen seines Projekts Eight Seconds ein eigenes Rodeo. Er stellt beträchtliche Preisgelder für schwarze Teilnehmerinnen und Teilnehmer zur Verfügung und hält die Kultur fest, von der er meint, dass sie lange übersehen wurde.
Jetzt bringt er eine neue Ausgabe seines Buches unter dem Titel Eight Seconds: Legacy in Motion heraus, mit 91 zusätzlichen Fotos, die er als „wertvoller“ und „dringlicher“ beschreibt.
Euronews Culture hat mit McClellan über sein neues Buch, seine Reise in die Welt der Black Cowboys und die Frage gesprochen, warum er inzwischen nicht mehr nur fotografiert, sondern ein eigenes Rodeo aufbaut.
Die Erstausgabe erschien 2024, die neue Ausgabe von Eight Seconds enthält 91 neue Bilder. Warum wollten Sie das Buch so schnell noch einmal aufgreifen?
Es fühlte sich an wie eine Schleife um fast zehn Jahre Arbeit: an Zäunen hängen, Cowboys hinterherjagen, Bullen ausweichen und mich vollkommen auf eine Kultur einlassen, die mich gepackt hat und die ich lieben gelernt habe.
Als das Buch erschien, dachte ich, das Projekt sei vorbei. Ich würde etwas anderes fotografieren. Stattdessen ging es weiter – und wurde intensiver. Ich begann, mein eigenes Rodeo zu veranstalten und dort zu fotografieren. Ich war auf mehr Rodeos unterwegs und mit einer Frequenz, wie ich sie in keinem früheren Jahr erlebt hatte.
Zwei Jahre später stellte ich fest, dass ich tausende Fotos gesammelt hatte – auf Ranches, in Privathäusern, bei meinem eigenen Event und bei anderen Veranstaltungen. Die Porträts waren viel persönlicher geworden, viel näher an den Menschen. Ich hatte das Gefühl, dass auch diese Arbeiten einen Platz in der Welt verdienen.
Also habe ich sie zu einem Buch zusammengestellt. Es wirkt wie eine Fortsetzung, ein zweiter Teil des ersten Bandes, aber doch ganz anders – deutlich kostbarer und dringlicher als der Auftakt.
Sie sind in Kansas City aufgewachsen. Hat Sie überrascht, was Sie über die Cowboy-Kultur herausgefunden haben?
Ich bin in Kansas groß geworden. Wir haben Brombeeren gepflückt, sind auf Bäume geklettert, sind Glühwürmchen nachgerannt – all die Dinge, die man sich darunter vorstellt. Es gab Tornados. Vieles fühlte sich sehr ländlich an, aber nichts erinnerte an das, was ich in Cowboy-Filmen im Fernsehen gesehen hatte. Es hatte einfach keinen Bezug, keinen Anschluss, vor allem, weil alle um mich herum schwarz waren.
Der Mann die Straße hinunter, Mr. Wills, hielt zwar Rinder, aber er war ein Schwarzer. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, ihn Cowboy zu nennen, weil er überhaupt nicht wie John Wayne aussah. Auch nicht wie Val Kilmer in Tombstone. Er stand draußen mit Baseballkappe und Latzhose und trieb sein Vieh zusammen. Nebenan züchtete Junebug Hunde und Hühner und war in einer Straßengang. Er wirkte genauso wenig wie ein Cowboy.
Erst 2015 fuhr ich zu einem Rodeo, vier Stunden entfernt von meinem Heimatort. Dort sah ich tausende Black Cowboys, die den Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin, viel ähnlicher waren als die Figuren aus den Filmen. Da begriff ich: Das Bild im Film ist falsch. Nicht meine Umgebung, nicht meine Kultur. Der Film übertreibt oder verzerrt diese Welt.
Ich sah Schwarze mit Cowboyhüten, ohne Hemd, mit Goldketten, auf Pferden in Basketballshorts. Ich sah Frauen mit langen Braids und Acrylnägeln, die mit 50 Meilen pro Stunde ritten. Es fühlte sich vertraut an. Es fühlte sich wie zuhause an. Ein bisschen wie im Film, aber nicht genug, um mir das alte Bild aus Kino und TV noch als korrekt verkaufen zu können.
Was fasziniert Sie so sehr an der Kultur der Black Cowboys und Cowgirls?
Der Cowboy ist in den USA weit mehr als Unterhaltung. Es geht nicht nur um Geschichten, sondern um Mythos. Er ist zentral für unser Selbstbild als Amerikaner. Eigenschaften, die wir Cowboys zuschreiben – Widerstandskraft, Härte, Unabhängigkeit – gehören zu unserer Definition von uns selbst.
Dass Schwarze aus diesem Symbol und aus dieser Erzählung ausgeschlossen wurden, verhindert, dass wir diese Eigenschaften auch uns selbst zuschreiben. Die Botschaft lautet: Ja, Amerikaner sind zäh, widerstandsfähig und unabhängig, aber Schwarze sind das nicht, weil sie in diesem Bild nicht vorkommen.
Als mir klar wurde, dass das nicht stimmt, wollte ich diesen Mythos aufbrechen. Ich wollte Bilder und Filme zeigen, Geschichten erzählen und Live-Events in Arenen veranstalten, damit die nächste Generation schwarzer Menschen in diesem Land keinen Zweifel daran hat, dass sie unter all diesen edlen Eigenschaften steht, die wir uns gern zuschreiben.
Frauen sind in dieser Welt entscheidend. In der Cowboy-Kultur haben sie meist das Sagen. Bei den großen Rodeos und Veranstaltungen sind die Präsidentinnen in der Regel Frauen, ebenso ihre Teams. Wenn ein Cowboy Preisgeld bekommt, steht ein weiblicher Name auf dem Scheck.
Wir sprechen in einer Zeit, in der die USA so gespalten wirken wie selten zuvor. Welche Reaktionen haben Sie auf die Erstausgabe bekommen?
Die erste Ausgabe erschien – ohne dass wir es geplant hätten – am selben Tag wie Beyoncés Album Cowboy Carter. Exakt am gleichen Tag, zur gleichen Uhrzeit. Das Buch schlug ein wie ein Feuer. Journalistinnen und Journalisten suchten nach Nebenstories, nach Quellen und kulturellen Bezügen, aus denen Beyoncé schöpft. Und mein Buch tauchte unter fast jeder Geschichte über sie auf – weltweit. Es war ein Geschenk des Zufalls, vielleicht auch ein bisschen Schicksal. Wahrscheinlich das Einzige, was ich mit Beyoncé gemeinsam habe, aber darauf bin ich enorm stolz.
Bis heute liegt das Buch auf Esstischen und in Wohnzimmerregalen. Viele Schwarze und Weiße sehen darin einen Grund zum Stolz. Weiße Menschen sagen: „Das ist ein Teil des Landes, in dem ich lebe. Darauf kann ich auch stolz sein.“ Schwarze Menschen sehen darin eine Bestätigung, einen Beleg für eine Identität, die sie ohnehin in sich tragen.
Es gab auch negative Stimmen, aber ich schenke dem wenig Aufmerksamkeit. Manchmal rufen Leute an und sagen: „Ich suche Karten für dieses Affen-Rodeo.“ Dann lege ich einfach auf und mache weiter. Ich lasse so etwas nicht überhandnehmen, denn es gibt tausende und abertausende Menschen, die das Buch positiv aufnehmen und nichts Anstößiges daran finden, dass jemand seine eigene Kultur feiert.
Der Titel „Eight Seconds“ bezieht sich auf die Zeit, in der man sich auf einem Bullen oder Pferd halten muss. Haben Sie es selbst ausprobiert – jetzt, wo Sie ein eigenes Rodeo haben?
Ich habe nie versucht, einen Bullen oder einen buckelnden Bronco zu reiten. Das interessiert mich überhaupt nicht. Ich werde ständig gedrängt. Wir veranstalten inzwischen Trainingscamps für Cowboys, denn es geht beim Bullriding nicht nur darum, sich festzuhalten. Es gibt Technik, es gibt Methoden, um die Chancen zu erhöhen, oben zu bleiben.
Ich organisiere diese Camps, lasse Coaches kommen, die den Athletinnen und Athleten beibringen, wie sie ihr Können verbessern. Und jedes Mal sagen die Cowboys: „Ivan, jetzt bist du dran. Zieh die Weste an, steig auf den Bullen.“ Dann antworte ich: „Mein Name steht auf der Vorderseite des Schecks, nicht auf der Rückseite. Ich mache das nicht. Ich trete nicht für euch auf.“
Ich bin alt, ich bin groß. Diese Phase ist vorbei. Ich werde das auch in absehbarer Zeit nicht tun.
Sie fotografieren die Kultur nicht mehr nur, sondern organisieren ein eigenes Rodeo. Warum war Ihnen das so wichtig?
Ich habe viel Ungleichheit gesehen. Schwarze Cowboys traten für ein paar hundert Dollar an, während weiße Athletinnen und Athleten bei denselben Disziplinen Zehntausende bis Hunderttausende Dollar verdienten – für die gleichen Bullen, die gleichen Events. Also beschloss ich, die Lücke zu verkleinern, indem ich ein eigenes Rodeo ausrichte und 60.000 Dollar Preisgeld ausschütte. Summen, die diese schwarzen Sportlerinnen und Sportler noch nie gesehen hatten.
Ich wollte das Ganze kunstvoll gestalten. Die Arena sollte wie ein Fotostudio ausgeleuchtet sein. Das Event sollte geistig berühren und körperlich mitreißen. Ein Live-Erlebnis, wie man es noch nicht gesehen hatte. Ich persönlich hatte nicht einmal jemals eine Geburtstagsparty organisiert. Ich hatte keinen Grund zu glauben, dass ich eine Arena mit mehreren tausend Menschen füllen kann. Aber ich habe den Sprung gewagt – und es wurde ein großer Erfolg.
Im ersten Jahr kamen 2.000 Menschen. Wir haben 60.000 Dollar Preisgeld vergeben. Ich sah Athletinnen und Athleten, die sich neue Trucks und Anhänger kauften, ihre Profi-Lizenzen bekamen und den Sommer über auf Tour blieben, um das zu tun, was sie lieben. Im Jahr darauf zogen wir in eine Eishockey-Arena und verkauften 7.200 Tickets. Die Halle war voll, die Leute tanzten und genossen diese Kultur zum ersten Mal so, wie ich sie einst erlebt habe – in einem Umfeld, das ihnen kulturell vertraut war.
Im dritten Jahr gingen wir nach Portland in Oregon zurück, wo alles begonnen hatte, und nach Philadelphia an die Ostküste. Zwei Veranstaltungen, und wir wachsen weiter, verfeinern das Rodeo, erreichen mehr Menschen und holen sie unter dieses gemeinsame Dach. Das ist aus meiner Sicht unglaublich wichtig, gerade jetzt, bei der aktuellen Debatte in den USA.
Die Haltung ist: „Ihr sagt uns nicht, wer wir sind, und ihr schreibt uns nicht vor, wohin wir gehen dürfen.“ Was, wenn 7.000 von uns in einer Arena stehen? Das ist ungeheuer kraftvoll. Wir werden weiter zusammenkommen, weiter Menschen sammeln und diese Geschichte so vielen wie möglich erzählen.
Hoffen Sie auf eine Zukunft, in der die Trennung zwischen schwarzen und weißen Rodeos verschwindet?
Das wäre der Traum.
Alles, was mit Westernkultur, Landwirtschaft und Rodeo in den USA zu tun hat, ist extrem gruppenbezogen. Mexikanische Communities machen ihr eigenes Ding und pflegen ihre eigenen Traditionen. Es gibt Rodeos von Native Americans, es gibt weiße Rodeos, schwule Rodeos, reine Frauen-Rodeos. Alles ist stark segmentiert und kulturell sehr reich.
Innerhalb dieser Identitäten liebe ich mexikanische Rodeos. Sie machen enorm Spaß. Menschen tanzen im Sand, während andere Bullen reiten, eine 32-köpfige Band spielt. Es ist ein fantastisches Erlebnis. Aber ich fühle mich dort nicht unbedingt zugehörig. Es ist nicht dasselbe wie bei einem Black Rodeo.
Ich wünsche mir, dass diese Veranstaltungen ihre Identität und ihren kulturellen Reichtum behalten. Gleichzeitig sollten wir erkennen: „Wir machen alle dasselbe.“ Und wir tun es zu einer Zeit, in der Cowboys immer seltener werden. Die Zahl schrumpft schnell. Immer weniger Menschen gehen in die Landwirtschaft, immer weniger leben in ländlichen Regionen. Vieles Farmland in den USA wird zu Rechenzentren umgebaut.
Über alle Gruppen hinweg – über alle Ethnien – steht etwas auf dem Spiel, das sie lieben: ein Erbe, das über Generationen weitergegeben wurde und in den nächsten zehn Jahren verschwinden könnte. Es könnte komplett weg sein.
Darum glaube ich, dass es nötig sein könnte, dass wir uns zusammentun und stärker aufeinander angewiesen sind, damit diese Tradition weiterbesteht. Damit wir weiterhin Vieh halten, Menschen die Kunst des Reitens und des Umgangs mit Pferden beherrschen und wir weiterhin einigermaßen lokale Lebensmittel haben.
Eight Seconds: Legacy in Motion von Ivan McClellan ist im Verlag Damiani Books erschienen.