Mehr Waffen, stärkere Luftverteidigung und neuer Druck auf Moskau: Beim G7-Gipfel in Frankreich hat Wolodymyr Selenskyj wichtige Zusagen für die Ukraine erreicht. Vor dem EU-Gipfel in Brüssel wächst damit die Hoffnung, Russland zu direkten Gesprächen mit Kyjiw zu bewegen.
Die Ukraine hat sich beim G7-Gipfel in Frankreich umfangreiche neue Zusagen der Staats- und Regierungschefs gesichert. Diese stärken sowohl ihre Verteidigung als auch ihre diplomatische Position gegenüber Russland – nach Monaten heftiger transatlantischer Debatten.
Von Évian-les-Bains reist Wolodymyr Selenskyj mit Zusagen für eine verstärkte ukrainische Luftverteidigung und zusätzlichen Druck auf Moskau zum EU-Gipfel nach Brüssel. Ziel ist es, den Kreml zu direkten Gesprächen mit Kyjiw zu bewegen.
"Der G7-Gipfel in Frankreich hat für die Ukraine wichtige Ergebnisse gebracht. Am wichtigsten ist, dass wir eine zusätzliche Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung vereinbart haben", schrieb Selenskyj auf X.
"Unsere Partner werden unsere Verteidigung und unsere Energieversorgung absichern", fügte er hinzu. Außerdem würden sie neue Sanktionen gegen Russland verhängen und den Druck auf Moskau erhöhen.
Mehr Luftverteidigung
Die G7-Staats- und Regierungschefs verabschiedeten eine gemeinsame Erklärung. Darin sagen sie höhere Waffenlieferungen zu, darunter zusätzliche Luftverteidigungssysteme und weitreichende Waffen.
Noch bedeutsamer könnte sein, dass die Ukraine erstmals die Möglichkeit erhalten könnte, Abfangraketen gegen ballistische Raketen im eigenen Land zu produzieren.
In ihrer Erklärung teilten die G7-Staaten mit, sie seien "bereit zu prüfen", der Ukraine entsprechende Rüstungslizenzen zu erteilen.
"Wir würdigen die Widerstandskraft der Ukraine und ihre Fortschritte auf dem Schlachtfeld in den vergangenen Monaten und betonen, dass es nun eine neue Dynamik gibt. Um diese neue Dynamik zu stützen und zu beschleunigen, vereinbaren wir, die Lieferung von Luftverteidigungskapazitäten, zusätzlichen Systemen und Abfangraketen sowie weitreichenden Fähigkeiten zu erhöhen", heißt es in dem Papier.
"Wir sind außerdem bereit zu prüfen, der Ukraine Lizenzen zu gewähren, um ihre militärische Produktion auszuweiten."
Kyjiw möchte Abfangraketen für Patriot-Systeme zur Abwehr ballistischer Raketen im eigenen Land herstellen. Selenskyj bestätigte am Dienstag, dass er dieses Thema beim G7-Gipfel erneut mit US-Präsident Donald Trump angesprochen habe.
Das Patriot-Luftabwehrsystem ist nach wie vor das einzige Boden-Luft-Raketensystem im ukrainischen Arsenal, das russische ballistische Raketen wirksam abwehren kann.
Die in den USA von Raytheon und Lockheed Martin produzierten Patriot-Systeme gelten für viele Verbündete der USA – besonders in der Golfregion, aber auch für die Ukraine – als zentrale Säule der Luftverteidigung.
Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat jedoch fast ein Drittel der weltweiten Bestände an Patriot-Abfangraketen aufgebraucht. Schätzungen zufolge haben Golfstaaten in den vergangenen Monaten zusammen mehr als 1.100 Abfangraketen abgefeuert.
Lockheed Martin stellt pro Jahr rund 600 Abfangraketen her; nach Angaben Selenskyjs liegt die monatliche Produktion bei höchstens 60 bis 65 Lenkflugkörpern. Kyjiw geht davon aus, dass Russland etwa doppelt so viele ballistische Raketen produzieren kann – rund 120 pro Monat, zusätzlich zu anderen Raketentypen.
Moskau nutzt den Mangel der Ukraine an Abfangraketen bei seinen jüngsten Angriffen aus und feuert nachts mehr als 30 ballistische Raketen auf ukrainische Städte.
"Russland sollte ein Abkommen schließen"
Seit Donald Trump ins Weiße Haus zurückgekehrt ist, investiert Selenskyj viel Zeit und Energie, um den US-Präsidenten davon zu überzeugen, dass das Haupthindernis für ein Friedensabkommen – oder auch nur für einen Waffenstillstand – nicht Kyjiw, sondern Moskau ist.
Zwischenzeitlich schien Washington jedoch eher Druck auf die Ukraine als auf Russland auszuüben. Die US-Regierung drängte Kyjiw, einen Kompromiss zu akzeptieren, der weithin als nachteilig für die Ukraine galt.
Beim G7-Treffen am Dienstag erklärte Trump, "Russland sollte ein Abkommen schließen" – ein Satz, der auf einen möglichen Kurswechsel in Washington hindeuten könnte.
"Sie machen einfach weiter, kämpfen und verlieren Soldaten. Sie verlieren so viele Soldaten. So etwas hat es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben", sagte der US-Präsident am Dienstag.
Doch selbst wenn Trump bereit wäre, Russlands Präsident Wladimir Putin zu direkten Gesprächen mit Kyjiw zu drängen, lehnt der Kreml solche Gespräche weiterhin ab.
Selenskyj wiederum begrüßt, dass unter den G7-Staats- und Regierungschefs – einschließlich des US-Präsidenten – zunehmend Einigkeit darüber herrscht, dass Putin den Krieg bewusst in die Länge zieht.
"Alle sehen, dass Russland keinerlei Interesse daran hat, diesen Krieg zu beenden – dass es taktiert und dass es Putin ist, der kein Ende will. Aber er muss dazu gezwungen werden", sagte Selenskyj.