Frankreich richtet in dieser Woche gemeinsam mit Deutschland einen großen Weltraumgipfel aus. Europa steht dabei an einem strategischen Wendepunkt.
Astronautinnen und Astronauten, Staats- und Regierungschefs sowie zentrale Akteure der Raumfahrtwirtschaft kommen am Mittwoch und Donnerstag im Grand Palais in Paris zum internationalen Weltraumgipfel zusammen, den Frankreich und Deutschland gemeinsam ausrichten.
Mehrere US-Unternehmen haben ihre Teilnahme dem Vernehmen nach abgesagt. Hintergrund ist Druck aus Washington wegen befürchteter Unterstützung für „EU-Positionen“.
Trotz der Absagen findet der Gipfel in einer strategisch wichtigen Phase für die europäische Raumfahrt statt. Präsident Emmanuel Macron bezeichnete das Treffen bei der Ankündigung im Oktober 2025 als Chance, „die Europäer um eine gemeinsame Ambition zu versammeln“ und eine „gemeinsame Vorstellung von Europas Platz auf der Landkarte der globalen Raumfahrtsmächte bis 2035“ zu entwickeln.
Nach Angaben des Élysée-Palasts steht beim Gipfel die internationale Zusammenarbeit im All und die Stärkung der Weltraumsicherheit im Mittelpunkt. Europa versucht seit einigen Jahren verstärkt, die Dominanz der USA auf dem globalen Raumfahrtmarkt herauszufordern: mit eigenen Trägerraketen und deutlich höheren Investitionen in Raumfahrtprogramme auf nationaler und EU-Ebene.
Historisch flossen in Europa rund 0,07 % des Bruttoinlandsprodukts in Raumfahrtprogramme, in den USA sind es 0,24 %.
Doch 2025 markierte einen Wendepunkt: Die Europäische Weltraumorganisation ESA genehmigte im November einen Rekordetat von 22,3 Milliarden Euro für den dreijährigen Finanzrahmen 2026 bis 2028. Zusätzlich wurden 35 Milliarden Euro für Raumfahrtprojekte im Bereich Sicherheit und Verteidigung veranschlagt.
Auch der Abbau von Rohstoffen auf dem Mond gilt inzwischen als mögliche Quelle für saubere Energieträger und kritische Materialien. Europa will so seine Abhängigkeit von China und Russland verringern.
Frankreich und Deutschland: unterschiedliche Raumfahrtstrategie
Fast ein Jahr nach Macrons Ankündigung bekam der Gipfel schon vor Beginn erste Dämpfer. Deutschlands Kanzler Friedrich Merz bestätigte am Freitag, dass er wegen Terminen im Inland nicht nach Paris reist. Stattdessen vertreten ihn Verteidigungsminister Boris Pistorius und Raumfahrtministerin Dorothee Bär.
Im Hintergrund streiten Frankreich und Deutschland seit Längerem über Raumfahrt- und Rüstungsprojekte. Im Juni 2026 gaben beide Länder nach jahrelangen Differenzen das gemeinsame Kampfflugzeugprogramm FCAS (Future Combat Air System) auf.
Macron hebt immer wieder hervor, wie wichtig eine eigenständige europäische Strategie ist. Er setzt auf Programme wie die Trägerrakete Ariane 6, statt sich auf US-Anbieter wie Elon Musks SpaceX zu verlassen.
Deutschland zeigt sich dagegen offener für günstigere US-Angebote wie SpaceX. Am Samstag brachte das deutsche Start-up Isar Aerospace die erste kommerzielle Rakete von kontinentalem Boden Europas aus in eine Umlaufbahn. Das gilt als wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem unabhängigen europäischen Zugang zum All. Merz sprach von „dem Beginn einer neuen Ära“.
US-Unternehmen sagen Teilnahme ab
Mehrere US-Firmen sagten ihre Teilnahme zudem ab, nachdem ein Vertreter des Weißen Hauses sie dem Portal „Politico“ zufolge gewarnt hatte, ihre Präsenz könne „wie eine stillschweigende Unterstützung für EU-Positionen wirken“.
Ein Sprecher des französischen Hochschul- und Forschungsministeriums, das die nationale Raumfahrtpolitik koordiniert, erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, SpaceX, Blue Origin, Stoke Space und Starcloud hätten ihre Zusage zurückgezogen. „Es fällt schwer, das nicht mit den Berichten über politischen Druck in der Presse in Verbindung zu bringen“, sagte er.
Im Gespräch mit Euronews bezeichnete Hermann Ludwig Moeller, Direktor des European Space Policy Institute, Frankreich als „treibende Kraft“ der europäischen Raumfahrt, die der Branche „starke politische Unterstützung“ biete. Die Bedeutung des Weltraums nehme „stetig zu“, betonte er.
„Der Weltraum wird zunehmend zu einem militärischen Operationsraum. Zugleich ist auch der breiten Öffentlichkeit klar geworden, dass Konflikte heute hybrid geführt werden, etwa durch Angriffe auf kritische Infrastruktur in Verkehr, Energieversorgung oder digitaler Vernetzung. Genau hier kann die Raumfahrt für mehr Widerstandsfähigkeit sorgen.“
Moeller verwies vor allem auf Raumfahrttechnologien wie Satellitennavigation, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden.
„Sie sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, und der Krieg in der Ukraine hat ihre strategische Bedeutung für die moderne Kriegsführung zusätzlich hervorgehoben“, sagte er.
Die Abhängigkeit von Kyjiw von Elon Musks Satellitennetz Starlink seit der russischen Großoffensive gegen die Ukraine zeigt dies exemplarisch. Das System stellt selbst dann eine stabile Internetverbindung bereit, wenn Bodennetze beschädigt oder zerstört sind.
Diese Erfahrungen haben Europa zusätzlich angetrieben, eigene unabhängige Satellitennetze aufzubauen, allen voran die sichere Internetkonstellation IRIS².