UNESCO-geschützte Altstädte und Hansestadt-Geschichte locken in Lettland und Estland. Feine Unterschiede helfen Ihnen, das passende Ziel zu wählen.
Coolcations liegen seit einigen Jahren im Trend. Da immer mehr Hitzewellen große Teile Europas treffen, wirken diese „coolen“ Reisen inzwischen noch attraktiver (Wortspiel ausdrücklich beabsichtigt).
Bislang stand meist Skandinavien im Fokus. In den letzten Jahren rücken jedoch die baltischen Staaten durch ihre im Vergleich günstigen Preise immer stärker ins Blickfeld.
Viele Reisende besuchen alle drei Hauptstädte auf einmal – Litauens Vilnius, Lettlands Riga und Estlands Tallinn. Jede dieser Städte eignet sich aber auch einzeln hervorragend für einen verlängerten Wochenendtrip.
Vilnius liegt rund 300 Kilometer im Landesinneren. Tallinn liegt am Finnischen Meerbusen, Riga am Rigaer Meerbusen. Ein direkter Vergleich bietet sich deshalb eher zwischen den beiden Küstenstädten an.
Ich war im Sommer 2025 in beiden Städten. Tallinn wirkte auf mich touristischer, wohl auch, weil die UNESCO-geschützte Altstadt kompakter ist und sich die Besucherinnen und Besucher stärker drängen.
Beide Städte lassen sich sehr gut zu Fuß erkunden. In Tallinn nutzte ich allerdings deutlich häufiger die öffentlichen Verkehrsmittel als in Riga.
Estland gilt insgesamt als Vorreiter der Digitalisierung und beherbergt viele Tech-Unternehmen. Tallinn machte auf mich entsprechend einen etwas moderneren Eindruck als Riga.
Sprachlich und kulturell steht Estland Finnland näher, denn Estnisch gehört zu den uralischen Sprachen. Lettisch und Litauisch sind hingegen baltische Sprachen.
Trotz dieser Unterschiede haben die Städte vieles gemeinsam. In beiden gibt es viel zu entdecken und zu lieben – mehr dazu weiter unten.
Riga, Lettland
Riga ist ein Paradies für Architektur-Fans. Im Zentrum treffen Baustile vom Mittelalter bis in die Gegenwart aufeinander.
Die „Drei Brüder“ gehören zu den ältesten erhaltenen Wohnhäusern der Stadt. Eines stammt aus dem 15. Jahrhundert, die beiden anderen aus dem 17. Jahrhundert. Heute beherbergen die drei Häuser das Lettische Architekturmuseum, das die bekanntesten Architektinnen und Architekten des Landes vorstellt.
Ein Sprung ins 19. und frühe 20. Jahrhundert: Rund ein Drittel der Gebäude im Stadtzentrum entstand im Jugendstil. Darunter sind mehrere Varianten, etwa der für Lettland typische nationalromantische Stil, den man im „Quiet Centre“ findet. An der Alberta iela steht zudem das Jugendstil-Museum, das zeigt, wie diese Wohnungen ursprünglich eingerichtet waren.
Die Silhouette der Stadt prägen zahlreiche Kirchtürme. Am höchsten ragt die Petrikirche, deren Turm man für den besten Ausblick über Riga erklimmt. Der Hahn auf den Kirchturmspitzen gilt als Symbol der Stadt und ziert viele Kirchen, auch die Petrikirche. Dort steht seit 1491 ein Wetterhahn – die heutige Version stammt aus dem Jahr 2009.
Wie zu erwarten, findet man den Frühaufsteher als Motiv auf vielen Souvenirs. Traditionell gibt es außerdem den Zuckerhahn, eine süße Leckerei in Hahnenform.
Ein Muss für Genießerinnen und Genießer ist der Zentralmarkt von Riga, einer der größten Europas. In seinen fünf Pavillons bieten Händler frische Lebensmittel, Fleisch, Fisch und vieles mehr an. Die Hallen dienten früher als Hangars für Militärluftschiffe.
Sehr empfehlen kann ich auch den Markt Āgenskalns. Das historische Gebäude von 1898 wurde zwischen 2018 und 2022 vier Jahre lang renoviert und hat damit neuen Schwung bekommen. Im Erdgeschoss verkaufen Stände Milchprodukte, Obst und Gemüse und andere Spezialitäten, im Obergeschoss lädt ein Food-Court mit lokalen Gerichten ein.
Lettland entwickelt eine lebhafte Craft-Beer-Szene: Rein rechnerisch kommt eine unabhängige Brauerei auf 25.000 Einwohner. In Riga bieten etwa Nurme und Labietis einen guten Einstieg in die Vielfalt.
Die Metropolregion Riga reicht bis an den Rigaer Meerbusen. Die inneren Stadtviertel, in denen man sich als Besucherin oder Besucher überwiegend aufhält, liegen jedoch weiter landeinwärts an der Daugava – Strände sollte man also nicht erwarten. Statt der allgegenwärtigen roten Touristenbusse bietet sich eine Bootsfahrt auf dem Rigaer Kanal und der Daugava an.
Tallinn, Estland
Wie Riga besitzt auch Tallinn eine Altstadt aus dem 13. Jahrhundert, die zum UNESCO-Welterbe gehört. Beide Städte waren bedeutende Zentren der Hanse.
Spuren dieser Geschichte findet man an vielen Orten: auf Schloss Toompea, das man montags bis freitags auf einer kostenlosen, vorab gebuchten Führung besucht, im Befestigungsmuseum Kiek in de Kök und in der Großen Gilde, die heute das Estnische Geschichtsmuseum beherbergt.
Wer Geschichte mit Aussicht verbinden möchte, steigt im Tallinner Rathaus auf den Turm, der 64 Meter hoch ist. Der Aufstieg kostet einen kleinen Aufpreis, belohnt aber mit einem weiten Blick über die Stadt.
Alternativ gibt es oben auf dem Domberg zwei Aussichtsplattformen, Kohtuotsa und Patkuli. Am besten kommt man früh morgens oder spät am Abend, denn tagsüber wird es voll, sobald die Kreuzfahrtgäste in die Stadt strömen.
Der Stadtteil Kalamaja direkt am Finnischen Meerbusen lohnt einen Abstecher. Hauptanziehungspunkt ist das Estnische Seefahrtsmuseum. Wer von der Altstadt weiter in Richtung Küste läuft, stößt außerdem auf viele Restaurants, Cafés, Bars und kleine Läden.
Mein Besuch in Tallinn fiel mit der Sänger- und Tanzfeier zusammen, die alle fünf Jahre stattfindet. Das beeindruckende Festivalgelände kann man aber das ganze Jahr über besichtigen.
Gesungen haben die Estinnen und Esten schon immer gern. Unter sowjetischer Herrschaft wurden die Feste jedoch auch zu einem Mittel des Protests: Auf den Bühnen erklangen nationale Lieder statt der offiziell gewünschten Botschaften. Daraus entwickelte sich die „Singende Revolution“, in deren Folge alle drei baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit zurückerlangten.
Diese Geschichte erschließt sich besonders gut im Vabamu-Museum für Besatzung und Freiheit, das sowohl die nationalsozialistische als auch die sowjetische Besatzung beleuchtet. Ergänzend lohnt sich ein Besuch der ehemaligen KGB-Untersuchungsgefängnisse.
Wie schon erwähnt, lassen sich die drei baltischen Hauptstädte gut zu einer größeren Reise kombinieren. Von Tallinn aus ist man zudem nur etwa zwei Stunden mit der Fähre von Helsinki entfernt.