In Europa wirkt sich El Niño meist nur indirekt und milder aus als in den Tropen, doch Fachleute warnen, dass das Phänomen den Polarwirbel schwächen könnte.
Fachleute warnen, dass das diesjährige El-Niño-Ereignis das „stärkste zu unseren Lebzeiten“ werden könnte. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass 2027 als heißestes Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen endet.
Die Meeresoberflächentemperaturen im äquatorialen Pazifik haben bereits die höchsten Werte früherer El-Niño-Ereignisse übertroffen. Das Wetterphänomen dürfte seinen Höhepunkt erst im späten Herbst oder zu Beginn des Winters erreichen.
Zwischen Juni 2026 und Februar 2027 schätzen Fachleute, dass die extreme Hitze in Verbindung mit El Niño zu rund 451.000 zusätzlichen Todesfällen beitragen könnte. Die zusätzliche Erwärmung bereitet zudem den Boden für weitere Extremwetterereignisse, etwa Waldbrände und Überschwemmungen.
Südamerika, der Süden der USA, Ostafrika und Zentralasien verzeichneten bei früheren El-Niño-Phasen deutlich erhöhte Hochwasserrisiken. Dürreperioden und die Gefahr von Waldbränden nahmen dagegen in weiten Teilen Australiens, im Norden Südamerikas und in einigen asiatischen Staaten wie Indonesien zu.
In Europa fallen die Wetterfolgen von El Niño meist indirekter und weniger heftig aus. Das natürliche Phänomen erhöht aber die Chance auf unbeständigeres Wetter gegen Jahresende, etwa auf einen milderen, nasseren und windigeren Herbst sowie frühen Winter.
Warum wächst also die Sorge, dass Europa in diesem Winter in eine tiefe Frostperiode rutscht?
Was ist ein Ereignis plötzlicher Stratosphärenerwärmung?
Im Winter wehen in jeder Saison starke Westwinde hoch oben in der Stratosphäre rund um den Pol. Diese Schicht reicht von einer Höhe von etwa zehn bis 50 Kilometern über der Erdoberfläche.
Fachleute sprechen hier vom stratosphärischen Polarwirbel (SPV). Er umkreist die kalte Luft hoch über der Arktis.
Nach einem El-Niño-Höhepunkt kann dieser Polarwirbel schwächer werden. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis plötzlicher Stratosphärenerwärmung, kurz Sudden Stratospheric Warming (SSW). Das erhöht wiederum die Chance auf längere Kältephasen.
Bei einem SSW steigen die Temperaturen in der Stratosphäre innerhalb weniger Tage sprunghaft an, um bis zu etwa 50 °C. Die kalte Luft in großer Höhe verteilt sich dann anders, sinkt in die Troposphäre ab und verändert dabei die Form des Jetstreams.
„Typischerweise bildet sich dieser Effekt über dem Nordatlantik und Skandinavien“, erklärt der britische Wetterdienst Met Office.
„Dann erlebt Nordeuropa, einschließlich des Vereinigten Königreichs, häufig eine längere Phase mit trockenem, kaltem Wetter. In Südeuropa wird es dagegen eher mild, nass und windig. An der Grenze zwischen diesen Regionen entwickeln sich kalte Ostwinde, und in manchen Fällen führt der Temperatursturz zu Schneefall.“
Löst El Niño in Europa eine Kältewelle aus?
Mehrere Zeitungen warnten zuletzt vor einer „Tiefkühl“-Wetterlage in Europa, ausgelöst durch ein mögliches Abschwächen des Polarwirbels, wenn El Niño seinen Höhepunkt erreicht.
Das Winterwetter im Vereinigten Königreich und auf dem europäischen Festland hängt jedoch von vielen Einflüssen ab. Dazu gehört auch der menschgemachte Klimawandel. Eine Studie aus dem Jahr 2025 (Quelle auf Englisch) der Universität Newcastle kam etwa zu dem Ergebnis, dass die Verbrennung fossiler Brennstoffe die Veränderungen der Winterniederschläge in Großbritannien und Europa beschleunigt, fast ein Vierteljahrhundert früher als erwartet.
Viele Faktoren, die das europäische Wetter bestimmen, lassen sich so weit im Voraus nicht vorhersagen. Meteorologinnen und Meteorologen können einzelne SSW-Ereignisse verlässlich nur rund eine Woche vorher erkennen.
„Es gibt zwar eine bekannte Verbindung zwischen El Niño und einem kälteren Ende des Winters im Vereinigten Königreich, dieser Ausgang ist aber keineswegs sicher“, sagt Grahame Madge, Klimaexperte beim Met Office, gegenüber Euronews Earth.
„Das Winterwetter im Vereinigten Königreich hängt von vielen Einflussfaktoren ab, darunter El Niño. Entscheidend ist das Zusammenspiel dieser Faktoren, nicht ein einzelner Auslöser.“