Eilmeldung

Eilmeldung

Gerald Knaus: "Europa müsste die derzeitige Migration bewältigen können"

Sie lesen gerade:

Gerald Knaus: "Europa müsste die derzeitige Migration bewältigen können"

Gerald Knaus: "Europa müsste die derzeitige Migration bewältigen können"
Schriftgrösse Aa Aa

Migrationsexperte Gerald Knaus gilt als Vordenker des "Merkel-Plans", des Flüchtlingsabkommens zwischen der EU und der Türkei. Der in Österreich aufgewachsene Politikberater ist Gründer und Vorsitzender der Europäischen Stabilitätsinitiative (ESI), einer Denkfabrik in Berlin. Er studierte Politik und Wirtschaft in Oxford, Bologna und Brüssel. Gerald Knaus schreibt den Blog "Rumeli Observer".

Euronews-Reporterin Sophie Claudet:"Gerald Knaus, vielen Dank, dass Sie bei uns sind. Unser Bericht zeigt, dass Migranten jetzt eine etwas andere Route durch den Westbalkan nehmen, um nach Europa zu kommen. Liegt das daran, dass die europäischen Länder ihre Migrationspolitik verschärft haben?"

Gerald Knaus:"Alle Balkanländer erklären, dass sie ihre Grenzen geschlossen haben. Österreich sagt, seine Grenzen seien dicht. Aber das kann irgendwie nicht stimmen, denn wo kommen am Ende die Syrer, Iraker, Iraner, Afghanen und Pakistanis her, die nach Deutschland kommen, woher kommen diese Menschen? Sie kommen unbemerkt, ohne Fernsehbilder, mit viel Geld, das an Schmuggler gezahlt wird, aber sie schaffen es."

Euronews:"Wollen Sie damit sagen, dass das, was wir an der kroatischen Grenze erleben, wo die Grenzbeamten manchmal gewalttätig werden, mehr ein Fotomotiv für die Medien ist?"

Gerald Knaus:"Ich glaube nicht, dass es sich um eine Inszenierung für die Medien handelt. Aber klar ist, dass alle europäischen Länder eine Botschaft an die Menschen senden wollen, die sich noch nicht auf den Weg gemacht haben, dass es fast unmöglich ist, durchzukommen. Die Realität ist jedoch, dass diejenigen, die es bis nach Bihac geschafft haben. die bereits fünf oder sechs internationale Grenzen überschritten haben, die nur 300 Kilometer von Österreich entfernt sind, sich nicht von der kroatischen Polizei abschrecken lassen."

Euronews:"Und doch sagt die Internationale Organisation für Migration (IOM), dass sie Menschen in ihre Heimatländer zurückführt."

Gerald Knaus:"Ja, und die Internationale Organisation für Migration (IOM) führt auch Menschen aus Griechenland zurück, sie führt jeden zurück, der aufgeben will und merkt, dass die Schmuggler vielleicht gelogen haben, das ist vielleicht eine gute Option. Aber solange - wie wir in der ersten Hälfte dieses Jahres gesehen haben -, mehr als 90.000 Menschen erfolgreich in Deutschland ankommen, wird es die Nachricht geben, dass es noch möglich ist, nach Mitteleuropa zu gelangen. Und das bedeutet auch, dass Menschen, die eine sehr schwierige Reise nach Bosnien gemacht haben, die sehr nah an ihrem Endziel sind, die meisten von ihnen, sehr wahrscheinlich nicht aufgeben werden."

Euronews:"Unsere Reportage zeigt, dass viele Menschen nicht die Möglichkeit bekamen, Asyl zu beantragen, unabhängig davon, ob es sich um Wirtschaftsmigranten oder Kriegsflüchtlinge handelt. Ist das legal, zu verhindern, dass Menschen Asyl beantragen?"

Gerald Knaus:"Im vergangenen Jahr haben nur sehr wenige Menschen in Kroatien Asyl beantragt, was bemerkenswert ist. In der ersten Jahreshälfte 2018 haben etwa 400 Personen in Kroatien Asyl beantragt, was bedeutet, dass offenbar weder die kroatischen Behörden noch ein Großteil der Migranten, die Kroatien durchqueren, ein Interesse daran haben, dort einen Antrag zu stellen. Entweder stecken sie vorübergehend in Bosnien fest, oder sie machen sich auf den Weg durch Kroatien und Slowenien in reichere Länder wie Österreich und Deutschland."

Euronews:"Abschließend die Frage, wie ist Ihre Prognose, wie wird sich die Migration Richtung Europa in den nächsten Jahrzehnten entwickeln - wenn man berücksichtigt, dass es wahrscheinlich nach wie vor Konflikte und Armut geben wird und man auch den Klimawandel miteinbezieht."

Gerald Knaus:"Der Trend der vergangenen Jahrzehnte zeigt uns, dass Massenanstürme selten sind. Es gab einen aufgrund des Syrienkriegs 2015, und es gab auch drei Jahre lang viele Flüchtlinge von Libyen nach Italien. Aber die durchschnittliche Anzahl der Menschen, die in den vergangenen Jahrzehnten über das Mittelmeer flüchteten, ist weniger als 300 Menschen pro Tag. Das sind Zahlen, die Europa bewältigen müsste: Man sollte in der Lage sein, die Ankommenden human zu behandeln, faire und schnelle Asylantragsverfahren zu gewährleisten und auch diejenigen abzuschieben, die nicht schutzwürdig sind. Doch obwohl weniger Menschen ankommen, scheitert Europa derzeit an all diesen Aufgaben. Wenn die Zahlen aufgrund zukünftiger Krisen, aufgrund von Kriegen, von denen wir jetzt noch nichts wissen, wieder steigen, fürchte ich, dass die Europäische Union - betrachtet man die gegenwärtige Situation - wieder Probleme hätte und wieder einmal nicht vorbereitet wäre."