Kurz vor dem ESC-Finale in Wien bleibt die Lage trotz Protesten gegen die Teilnahme Israels laut Polizei ruhig. Rund um die Veranstaltung gelten jedoch massive Sicherheitsvorkehrungen.
Mehrere Tausend Menschen haben sich in Wien versammelt, um gegen die Teilnahme Israels am Eurovision Song Contest zu protestieren.
Angemeldet waren rund 3.000 Teilnehmer. Laut dem Tagesspiegel fiel die Zahl der Demonstrierenden vor Ort bislang jedoch geringer aus - möglicherweise auch wegen des anhaltenden Regens.
Die Lage blieb zunächst ruhig, teilte die Wiener Polizei am Nachmittag der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit.
Die Protestierenden werfen den ESC-Veranstaltern Doppelmoral vor, da Israel weiterhin am Wettbewerb teilnehmen dürfe, während Russland ausgeschlossen sei. Viele Demonstrierende hielten Plakate mit Aufschriften wie "Free Palestine" oder "Block Eurovision" hoch, berichtet die dpa.
Nach Angaben des Tagesspiegel waren unter den Demonstrierenden zahlreiche Menschen mit palästinensischen Flaggen. Zudem beteiligten sich Vertreter sozialistischer, kommunistischer und antikapitalistischer Gruppen an den Protesten. Immer wieder skandierten Teilnehmer "Free, Free, Palestine".
Gleichzeitig formierte sich auch Gegenprotest. Unter dem Motto "Artists Against Antisemitism" versammelten sich Menschen, die den Boykottaufrufen kritisch gegenüberstehen.
Eine Teilnehmerin sagte dem Tagesspiegel, sie empfinde die Proteste und Boykottbewegungen als antisemitisch und bedrohlich. Die Gruppe wolle sich solidarisch mit Jüdinnen und Juden zeigen.
Umfassende Sicherheitsvorkehrungen
Seit Beginn der ESC-Woche sind die Sicherheitsmaßnahmen rund um die Veranstaltung deutlich verschärft worden. Das Polizeiaufgebot in Wien ist groß, die Stadthalle gleicht bereits Tage vor dem Finale einer Hochsicherheitszone.
Wegen angekündigter Proteste und möglicher Bedrohungen wird die israelische Delegation, die sich bereits seit Anfang Mai in Wien aufhält, besonders geschützt und weitgehend von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Insgesamt blieb die Lage bislang jedoch weitgehend ruhig.
Zu einem Zwischenfall kam es allerdings während des Halbfinales am Dienstag: Beim Auftritt des israelischen Teilnehmers Noam Bettan wurden vier Protestierende aus der Halle geführt, nachdem sie versucht hatten, die Performance zu stören.
Boykott durch fünf Länder
Bereits in den Monaten vor dem ESC hatte die Teilnahme Israels für heftige Debatten gesorgt. Schließlich entschieden sich fünf Länder dazu, in diesem Jahr nicht am Wettbewerb teilzunehmen: Spanien, Irland, Slowenien, die Niederlande und Island verzichten auf einen ESC-Beitrag.
Der Boykott gilt auch wirtschaftlich als Rückschlag für den Wettbewerb. Nach Angaben der Veranstalter verfolgten im vergangenen Jahr weltweit rund 166 Millionen Menschen den ESC. Mit nur noch 35 teilnehmenden Ländern ist das Teilnehmerfeld in diesem Jahr so klein wie seit 2003 nicht mehr.
Einige der Länder beschränken sich jedoch nicht nur auf den Verzicht auf eine Teilnahme, sondern zeigen den Wettbewerb teilweise auch nicht im Fernsehen.
Der slowenische öffentlich-rechtliche Sender TV Slovenija sendet stattdessen seit Beginn der ESC-Woche Spielfilme und Dokumentationen - darunter auch Beiträge über Palästinenser wie die Dokumentation Stimmen Palästinas.
In Spanien organisiert derweil der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein eigenes Musikprogramm. Unter dem Titel La Casa de la Música treten rund 20 bekannte spanische Künstlerinnen und Künstler auf.
Der irische Sender RTÉ2 zeigt stattdessen Wiederholungen der Kult-Comedy "Father Ted". Eine der ausgestrahlten Folgen dreht sich um zwei Priester, die an einem ESC-ähnlichen Wettbewerb teilnehmen - viele sehen darin eine satirische Anspielung auf den Eurovision Song Contest.
Die Programmauswahl sorgt in Irland allerdings auch für Kritik. Der Drehbuchautor Graham Linehan bezeichnete die Entscheidung als "antisemitische politische Geste" und forderte den Rücktritt des Senderschefs. Linehan steht selbst seit Jahren wegen transfeindlicher Aussagen in der Kritik.
Erster ESC-Boykott bereits 1969
Ein Boykott des ESC durch teilnehmende Länder ist kein Novum.
Laut dem ESC-Boykott Historiker Dean Vuletic hat der erste Boykott des Wettbewerbs habe bereits 1969 stattgefunden, wie er der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) erklärte. Damals entschied sich Österreich gegen eine Teilnahme, das unter der Diktatur von Francisco Franco keine Delegation nach Spanien schicken wollte.
"Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder stark politisierte ESC-Ausgaben erlebt", so Vuletic weiter. Als Beispiele nannte er den Wettbewerb 2009 in Russland, die Austragung in Aserbaidschan 2012 sowie den ESC 2024 in Schweden, der von Protesten und dem Ausschluss eines Teilnehmers nach einem Zwischenfall hinter der Bühne überschattet wurde.
"All diese Wettbewerbe standen massiv unter politischem Druck - und trotzdem existiert der ESC weiter", sagte er.
25 Länder im Finale
Nach einer Woche voller Proben, Halbfinals und Diskussionen steigt am Samstagabend das große Finale des Eurovision Song Contest in der Wiener Stadthalle. Insgesamt 25 Länder kämpfen dabei um die begehrte Pop-Krone Europas.
Zum 70. Jubiläum des ESC treten Künstler aus ganz Europa mit teils spektakulären Shows gegeneinander an - darunter eine finnische Geigerin mit Pyro-Show, ein moldauischer Folk-Rapper oder eine serbische Metalband.
Die Show beginnt um 19 Uhr GMT (21 Uhr deutscher Zeit) und wird in den teilnehmenden Ländern von den jeweiligen nationalen Sendern übertragen. In den USA läuft der ESC beim Streamingdienst Peacock. Außerdem ist die Show in vielen Regionen weltweit über den offiziellen YouTube-Kanal des Eurovision Song Contest verfügbar.
Zuschauer in den teilnehmenden Ländern können während der Show und kurz danach per Telefon oder SMS abstimmen - allerdings nicht für den eigenen Beitrag. Fans aus den USA und anderen nicht teilnehmenden Staaten können online über die Plattform esc.vote abstimmen.