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Black Lives Matter - Kommt ein Kulturkampf nach Europa?

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Black Lives Matter - Kommt ein Kulturkampf nach Europa?
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State of the Union, unser europäischer Wochenrückblick, diese Woche mit folgenden Themen: China als militärische Bedrohung, Rassismus in Europa und die Vorzüge eines Hauses aus dem 3D-Drucker. Dazu das folgende Interview mit der anglo-kanadischen Historikerin Magaret MacMillan an den Universitäten Toronto und Oxford.

Euronews: Sie sind Spezialistin für die Geschichte des britischen Imperialismus, einer Epoche, in der viele der jetzt geschändeten Denkmäler errichtet wurden. Was ging in Ihnen vor, als Sie die Bilder von der Zerstörung sahen?

MacMillan: Das hängt vom Einzelfall ab. Ich mag es nicht, wenn Menschen entscheiden, welche Statuen sie nicht wollen, ohne den dafür vorgesehenen Prozess einzuhalten.

Aber es gibt natürlich Situationen von starken Emotionen in der Bevölkerung, Statuen loszuwerden.

Wenn ich 1989 in Osteuropa gelebt hätte, dann wäre ich gegen die ganzen Lenin- und Stalinstatuen gewesen, weil ich sie von Anfang an abgelehnt hätte.

Ähnliche Emotionen gab es in Bristol über den Sklavenhändler, dessen Statue gestürzt wurde.

Ich wäre dafür, die Statue stehen zu lassen oder ins Museum zu stellen als Anregung, sich mit Geschichte zu befassen.

Aber manchmal nehmen Menschen die Dinge eben in die eigenen Hände.

Euronews: Nicht nur haben Demonstranten Denkmäler zerstört, Gegendemonstranten haben auch Denkmäler verteidigt. Ist das die nächste Phase eines Kulturkampfes?

MacMillan: Ich hoffe nicht. Ich denke, wir haben größere Sorgen - angefangen mit der weltweiten Pandemie, aber auch dem Klimawandel.

Manchmal glaube ich, dass das Hin und her über Statuen nur eine Ablenkung von den dramatischen sozialen Veränderungen ist, mit denen wir uns eigentlich beschäftigen müssten.

Oftmals sind die Menschen, die Statuen stürzen oder verteidigen nur eine sehr kleine Minderheit, denen wir etwas zu viel Aufmerksamkeit schenken.

Euronews: Der Ursprung dieser Bilderstürmerei waren natürlich die Proteste in den USA gegen Polizeigewalt und Rassismus. Wir hören nun das Argument, dass Dinge in Europa völlig anders sind. Stimmt das? Gibt es systemischen Rassismus in Europa?

MacMillan: Ich halte das Konzept des systemischen Rassimus für etwas schwierig, denn er ist schwer zu definieren.

Wenn es ein System ist, das Menschen bestimmter Hautfarbe und ethnischen Ursprungs diskriminiert, dann ist es ganz klar.

Wenn es aber isolierte Beispiele von Rassisten sind, die gehässig zu anderen sind und sie auf einer Rassen-Basis diskriminieren, dann nenne ich das nicht systemisch.

Ich denke aber, dass wir bisweilen Beispiele von Institutionen sehen, die es Menschen aus Minderheiten schwer machen, im Leben voranzukommen.

Auch hier müssen wir also von Fall zu Fall urteilen. Was ich interessant über diese Debatte finde, ist, dass sie von Ereignissen in den USA angetrieben wird.

Es sollte für Europäer wichtiger sein, sich mit den Zuständen bei sich zu Hause zu befassen, und nicht so sehr mit dem, was im Ausland geschieht.

Euronews: Wie können wir es besser machen?

MacMillan: Wie können wir es besser machen... Vor allem durch Erziehung und Bildung. Je gebildeter Menschen sind, desto mehr könne sie einander verstehen.

Auf politischer Ebene sollten wir denjenigen helfen, die in der Vergangenheit unterprivilegiert waren und vernachlässigt wurden.

Dann ist das Klassenkonzept natürlich ebenso wichtig. Rasse und ethnische Herkunft können bei der sozialen Vernachlässigung eine große Rolle spielen, aber auch die soziale Klasse.

Und das ist ein ewiger Kampf. Es wird immer Menschen geben, die von unserer Gesellschaft unfair behandelt werden, und darüber sollten wir uns im klaren sein.