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Corona im Armenhaus Europas: kaum Impfdosen in Moldawien

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Corona im Armenhaus Europas: kaum Impfdosen in Moldawien
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Die Bekämpfung der Coronakrise mit zu wenig Impfdosen und einer Regierung auf schwachen Füßen: In der ehemaligen Sowjetrepublik Moldawien läuft die Impfkampagne gegen Covid-19 nur zögerlich an. In dem osteuropäischen Land, das als Armenhaus Europas gilt, gibt es Mitte März mehr als 210.000 Infizierte und rund 4500 Corona-Tote seit Pandemie-Beginn. Und das in einem Land mit weniger als 3 Millionen Einwohner, denn Hunderttausende haben das Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft verlassen. Moldawien zählt zu den Ländern mit der höchsten Corona-Infektionsrate in Europa. Die Fallzahlen steigen kontinuierlich an. Vor welchen Herausforderungen steht eines der ärmsten Länder Europas bei der Einführung der COVID-19-Impfstoffe? Unreported Europe recherchierte vor Ort.

Erst Anfang März begannen die Impfungen

Die Ärzte in Moldawiens größtem Krankenhaus in der Landeshauptstadt Chișinău sind am Rande der Belastungsgrenze. Ala Rusnac hat Covid-19 auf der Intensivstation bekämpft und war selbst daran erkrankt. Sie bekam eine schwere Lungenentzündung und war einen Monat lang arbeitsunfähig.

Am 2. März wurde sie gegen das Coronavirus geimpft. Es war der erste Tag, an dem Impfdosen im Land verfügbar waren:

"Mir ist klar, dass der Impfstoff der einzige Weg ist, um die Coronakrise in den Griff zu bekommen, die Rate der Todesfälle und auch die Zahl der Patienten mit schweren und sehr schweren Covid-19-Verläufen zu verringern und generell am Leben zu bleiben", sagt die Internistin am Republikanischen Krankenhaus der Republik Moldawien in Chișinău. "Impfstoffe sind der einzige Ausweg."

Die Impfung der Internistin ist noch eine Ausnahme in einem der ärmsten Länder Europas. Moldawien hat bisher nur 36.000 Impfdosen erhalten; kaum genug für mehr als ein Prozent seiner rund 2,6 Millionen Einwohner.

Mit den zur Verfügung stehenden Impfdosen kann noch nicht einmal das vorrangige Ziel des Landes abgedeckt werden: Die Impfung der 60.000 Mitarbeiter im medizinischen Bereich. Laut dem Koordinator des nationalen Impfprogramms gibt es eine dreistufige Einführungsstrategie. Genügend Impfdosen gibt es nicht:

"Um unser Ziel zu erreichen, 70 Prozent unserer Bevölkerung zu impfen, müssen wir unsere Verhandlungen mit (Impfstoff-) Herstellern verstärken", so Alexei Ceban. "Aber wir sind ein kleines Land mit einer kleinen Bevölkerungsgröße; wir sind für die Hersteller nicht so interessant wie andere (größere, reichere) Länder. Wir bemühen uns sehr, zusätzliche Dosen zu erhalten."

Besonders die Schwächsten der Bevölkerung leiden an den Folgen

Die Folgen sind verheerend, besonders für die Schwächsten. Euronews begleitet eine NGO bei der Verteilung von Lebensmittelpaketen an ältere allein lebende Menschen in einem Armenviertel. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Sterberate im Vergleich zur Vorwoche fast verdoppelt. Noch gibt es keine Impfstoffe.

"Die Menschen hier vertrauen uns Priestern, sie erzählen uns ihre Zweifel, sie suchen Rat bei uns", erzählt Andrian Agapi, Priester bei der NGO Diaconia. "Aber da die Impfkampagne hier noch nicht losgegangen ist, wird nicht darüber gesprochen. Es gibt Menschen, die sind für das Impfen und es gibt Impfgegner. Es gibt viele Informationen in den Massenmedien und auf sozialen Plattformen. Aber für die Menschen hier ist der Impfstoff kein Thema bei ihren täglichen Gesprächen."

Politische Instabilität behindert die Impfkampagne

Im Präsidentenpalast trifft der euronews-Reporter die neu gewählte, pro-europäische Präsidentin Maia Sandu. Das Nachbarland Rumänien stellte 200.000 Impfdosen zur Verfügung. Und über das WHO-Programm COVAX soll Moldawien 20 Prozent der landesweit benötigten Impfdosen bekommen. Moldawien verhandelt zudem über den Kauf von Dosen zu Vorzugspreisen über das gleiche Programm und direkt mit Herstellern. Abgesehen von finanziellen Problemen wird die Impfkampagne auch durch bürokratische Verzögerungen, soziales Misstrauen, Korruptionsvorwürfe und politische Instabilität behindert.

"Es gibt Staaten, die bei diesen Herausforderungen in einer besseren Position sind, deren Institutionen gefestigter sind", sagt Moldawiens Präsidentin Maia Sandy. "Sie können sich vorstellen, wie schwierig es für einen Staat mit schwachen Institutionen wie Moldawien ist. Unser Staat ist besonders durch Korruption unterminiert worden. Deshalb ist der Kampf gegen Korruption und die Justizreform ein so großes Thema auf meiner Agenda und so wichtig für die Menschen. Natürlich ist es mit schwachen Institutionen schwieriger, die Dinge zu organisieren und die Erwartungen der Menschen zu erfüllen. Aber das ein Grund mehr warum wir diese Reformen durchziehen müssen. Warum wir die Regierungsführung verbessern und die korrupten Leute loswerden müssen, die selbst in der jetzigen Situation versuchen, noch Geld zu machen."

Werden keine Lösungen gefunden, riskiert das Land eine zunehmende Isolation. Rund 800.000 Moldawier - etwa 30 Prozent der Bevölkerung - arbeiten im Ausland, oft mit temporärem Status in Ländern wie Deutschland oder Rumänien. Eine ineffektive Impfpolitik könnte ihre Perspektiven beeinträchtigen.

Reisen hängt von der Corona-Bekämpfung ab

Ala Tocarciuc ist eine unabhängige Expertin für Gesundheitspolitik. Sie hat in der Ukraine, Russland, der Schweiz und Irland gearbeitet. Der euronews-Reporter trifft sie nach ihrer täglichen Joggingrunde. Das Laufen begann sie nach ihrer positiven Covid-19-Diagnose:

"Es ist bereits klar, dass Reisen aus und nach Moldawien von der Impfung abhängen. Es gibt bereits viele Fragen zum europäischen grünen Impfpass. Inwieweit er das Reisen erleichtern kann, denn alle Länder hängen voneinander ab. Der Erfolg der weltweiten Impfkampagne wird den Erfolg der Impfkampagne in Moldawien bestimmen. Ebenso wird unser eigener Fortschritt auch den Fortschritt der globalen Impfkampagne beeinflussen."

Impfstoffe - Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität

Später am Tag am Zentralen Busbahnhof der Hauptstadt. Das größte Reisebüro vor Ort hatte früher täglich 10 Busse nach Bukarest im Einsatz; die Fahrgäste waren oft Arbeiter, die im Ausland arbeiteten. Jetzt gibt es nur noch zwei Linienbusse. Der Reisebüromitarbeiter erzählt, er könne froh sein, wenn er 10 Fahrkarten verkaufe.

"Wenn Impfstoffe die einzige Möglichkeit für uns sind, wieder zur Normalität zurückzukehren, die Grenzen für unsere Kunden wieder zu öffnen und unser Geschäft am Laufen zu halten, dann sind wir natürlich bereit, unsere Mitarbeiter zu impfen", so Eugeniu Galupa, geschäftsführender Direktor, Nationale Agentur für Transport und Hilfsdienste. "Viele Menschen zweifeln immer noch am Impfen, weil es eine Menge Fehlinformationen gibt. Wir brauchen mehr Details über Risiken, Nutzen und die Vorteile der Impfstoffe."

Viele in Moldawien hoffen, dass die Politiker bald die richtigen Akkorde spielen werden. Der Chef der Jazzband Trigon, Anatolie Stefanet, hat Frau, Mutter und mehrere Freunde durch COVID-19 verloren. Für seine Liebsten kommen die Impfstoffe zu spät. Aber für andere können sie die Zukunft sichern, meint der Musiker:

"Die Menschen dürfen die Hoffnung nicht verlieren. Ich habe eine persönliche Tragödie erlebt, die mich zu dieser Einstellung gebracht hat. Selbst mit eventuellen Fehlern und verbleibenden Informationslücken bin ich davon überzeugt, dass Impfstoffe uns Hoffnung geben - Impfstoffe werden uns helfen, am Leben zu bleiben."