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Viele gehen, manche bleiben: Wie lebt es sich gerade als Expat in Russland?

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Von Hannah McCarthy
McDonalds hat sein Geschäft in Russland vorerst auf Eis gelegt - wie viele andere ausländische Unternehmen auch.
McDonalds hat sein Geschäft in Russland vorerst auf Eis gelegt - wie viele andere ausländische Unternehmen auch.   -   Copyright  AFP

Vor einem Monat war Mark*, ein britischer Lehrer in Moskau, eigentlich dabei, Urlaubspläne mit seinen Expat-Freunden zu schmieden.

Dann, einige Tage später, befahl der russische Präsident Wladimir Putin, Truppen in die Ukraine zu schicken, und alles änderte sich.

Die meisten seiner im Ausland lebenden Freunde - einschließlich derer, mit denen er reisen wollte - seien inzwischen abgereist, erzählt Mark.

"Ich habe mit Leuten gesprochen, die seit Jahren hier waren, Familien haben und viel durchgemacht haben, aber die ukrainische Invasion war dann doch zu viel", sagt Mark, der Ende 2019 nach Russland gezogen ist. "Auch wenn man sich in Moskau geschützt fühlt, ist das Risiko, das sie eingehen, mit einem Krieg verbunden", sagte er. "Damit sollte man nicht leichtsinnig umgehen."

Es gibt keine Zahlen darüber, wie viele Ausländer das Land verlassen haben, aber viele der Personen, mit denen Euronews gesprochen hat, sagten, dass die Mehrheit der Ausländer, die sie kennen, das Land im letzten Monat verlassen haben.

Gerüchte über Kriegsrecht

Während das Leben vieler Ukrainer in den letzten vier Wochen durch Krieg und Vertreibung erschüttert wurde, ist das Alltagsleben in der russischen Hauptstadt weitgehend normal geblieben. Die Schulen in Moskau sind geöffnet, die U-Bahn fährt, Arbeitnehmer:innen gehen in ihre Büros.

Ich bin nicht übermäßig in Panik, aber ich mache Pläne.

"Kein Russe kann sich vorstellen, dass jemand Russland angreift", sagt Sebastian*, ein Langzeit-Moskauer aus Deutschland, der in einer Buchhaltungsfirma arbeitet. "Was die alltägliche Sicherheit angeht, glaube ich nicht, dass sie wirklich Angst haben."

Die Menschen seien nervös wegen der Verhängung des Kriegsrechts, glaubt Mark. Das könne die Schließung der russischen Grenzen, die Einberufung jüngerer russischer Männer und noch mehr Befugnisse des Staates zur Zensur öffentlicher Informationen bedeuten.

Der aus Armagh in Nordirland stammende Hugh McEnaney lebt seit 2007 mit seiner russischen Frau in Moskau, wo er ein Unternehmen für Englischunterricht und Coaching betreibt.

Ich möchte nicht, dass mein Kind in der Türkei aus dem Koffer lebt und sich von Hotelessen ernährt", sagt Hugh McEnaney: "Mein Zuhause, mein Geschäft und mein Leben sind hier.

"Aber wenn das Kriegsrecht verhängt wird, werde ich umgehend abreisen."

Credit: AP Photo
Polizisten nehmen eine Demonstrantin in St. Petersburg fest, die gegen die Invasion der Ukraine protestiert hatte.Credit: AP Photo

Proteste

Mark meidet das Zentrum Moskaus, wo Anti-Kriegs-Proteste stattfinden. "Überall werden Leute verhaftet", sagt er. "Es ist nicht sicher."

Nach Angaben von OVD-Info, einer unabhängigen Nichtregierungsorganisation, die die politische Verfolgung in Russland überwacht, wurden seit dem 24. Februar mehr als 13.000 Menschen bei Antikriegsdemonstrationen in ganz Russland festgenommen.

Sebastian sagt, er sei überrascht, dass überhaupt jemand zu den Anti-Kriegs-Protesten gehe: "Jeder, der auf die Straße geht, wird verhaftet, daran gibt es keinen wirklichen Zweifel."

"Man wird verhaftet, und man weiß nicht wirklich, welche langfristigen Folgen das in Form von Gefängnis, Strafanzeigen oder Verlust des Arbeitsplatzes haben wird. Wenn Sie verhaftet werden, was passiert dann mit Ihren Kindern?", sagte er.

Medienzensur

Um die Verbreitung von Informationen über die Invasion in der Ukraine zu verhindern, haben die russischen Behörden die meisten sozialen Netzwerke sowie die verbliebenen freien Presseorgane, die vom Kreml die Erlaubnis erhalten hatten, ihre Arbeit fortzusetzen, abgeschaltet.

Ohne ein VPN (ein virtuelles privates Netzwerk), das den Standort des Nutzers verschleiert, kann man in Russland nicht mehr auf Facebook, Twitter oder Instagram zugreifen.

"Der durchschnittliche 20- oder 30-Jährige, der in Moskau, St. Petersburg oder Kasan lebt, kann sich wahrscheinlich auf dem Laufenden halten, was der Westen über den Konflikt oder die "Spezialoperation" sagt, und ist sich wahrscheinlich bewusst, dass es mehr Verluste gibt, als berichtet werden", sagte Sebastian.

"Aber wenn es um den Durchschnittsbürger geht - die Millionen und Abermillionen von Menschen, die in kleineren Städten und Dörfern in Russland leben - die haben nur Zugang zu staatlichen Nachrichten und Zeitungen. Ihr Zugang zu den Medien wird also sehr viel eingeschränkter sein."

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Bankensystem unter Sanktionen

Nach der Invasion verhängte die EU Sanktionen gegen Russland und sperrte mehrere russische Banken von der Nutzung des SWIFT-Systems aus, das die Grundlage für internationale Banktransaktionen bildet.

Infolge der Wirtschaftsmaßnahmen hat der russische Rubel seit Beginn der ukrainischen Invasion ein Drittel seines Wertes verloren. Ausländische Bankkarten und Zahlungsplattformen wie Apple Pay und Google Pay können in Russland nicht mehr verwendet werden.

"Zuerst sagte die Zentralbank, dass man keine US-Dollar abheben könne.Dann hieß es, man könne keine US-Dollar kaufen, ohne eine hohe Provision zu zahlen, und dann gab es Beschränkungen für Rubelabhebungen", so Sebastian.

Als Mark bemerkte, dass seine britische Bankkarte in Moskau nicht mehr funktionierte, hob er den Großteil seiner Rubel von seinem Bankkonto in Russland ab.

Viele seiner Freunde haben nicht so schnell gehandelt und konnten aufgrund der von der russischen Zentralbank eingeführten Beschränkungen kein Bargeld abheben - "jeder hat eine Geschichte, wie es ihnen ergangen ist".

Steigende Preise und Einkaufsbeschränkungen in Supermärkten

Die Supermärkte haben Beschränkungen für die Anzahl der Artikel eingeführt, die eine Person kaufen kann. "Man kann nicht 100 Pakete Zucker oder 25 Pack Nudeln kaufen", sagt Sebastian. "Sie versuchen, den Leuten das Konzept des Großeinkaufs auszutreiben."

"Die Preise in den Geschäften steigen fast täglich", stellt er fest. "Selbst Grundnahrungsmittel - Kartoffeln, Karotten, Kohl, Fleisch - sind um einen deutlichen Prozentsatz teurer. Ich wollte einen Gaskocher kaufen, und der Preis ist innerhalb weniger Tage um 40 % gestiegen."

"Ich denke, dass die russische Regierung sehr schnell die Gehälter, Renten, Sozialversicherungsbeiträge und andere Zahlungen erhöhen wird, weil die Menschen davon leben", sagt er. "Der durchschnittliche Rentner, der 10.000 Rubel bekommt, kann davon nicht wirklich überleben, wenn die Preise weiter steigen."

"Ich bin nicht übermäßig in Panik, aber ich mache Pläne", sagt Hugh. "Der Großteil meines Einkommens ist in Rubel und ich habe nicht vor, mich weiter in Rubel bezahlen zu lassen."

"Es gibt viele Geschäfte, die einfach schließen werden, weil sie keine neuen Waren kaufen können", sagt Sabastian, "die Importe werden erheblich zurückgehen, und eine Reihe von Geschäften wird schließen müssen."

AP Photo
Wladimir Putin hat in der russichen Bevölkerung viel Rückhalt. Foto von einem Regierungstreffen am 10. März 2022AP Photo

Internationale Unternehmen brechen Verbindungen zu Russland ab

Infolge der von westlichen Ländern gegen Russland verhängten Sanktionen haben internationale Unternehmen aus allen Branchen beschlossen, ihre Verbindungen zu Russland abzubrechen, darunter Apple, BP, Ikea, General Motors und McDonald's.

Diese Schließungen haben junge, gebildete Russen wie Ksenia getroffen, die in der Moskauer Niederlassung eines britischen Dienstleistungsunternehmens arbeitete.

"Ein Fotograf hatte gerade mein neues Arbeitsfoto gemacht", sagt sie, "und eine Woche später wurde mir mitgeteilt, dass das Büro geschlossen wird.

"Der durchschnittliche Russe ist ziemlich arm, hat keinen hohen Bildungsstand und ist es gewohnt, von der Natur zu leben", so Sebastian. "Millionen von Menschen leben in Kleinstädten, haben Hühner, Hunde und Kaninchen und säen Kartoffeln."

"Natürlich könnte ein Krieg vieles verändern, aber die Schließung von McDonald's wird nicht wirklich viel am Leben des Durchschnittsbürgers ändern."

Unterstützung für Putin

Ksenia sagt, sie wisse "mit Sicherheit", dass die meisten Russen gegen den Krieg seien, aber Hugh und Sebastian sehen das anders.

"Meiner Meinung nach sind die Russen sehr starke Befürworter von Putin und seiner Arbeit", sagt Hugh. "Ich kann mir vorstellen, dass das jetzt etwas nachgelassen hat, aber die älteren Menschen hier haben großen Respekt vor ihm."

"Die Russen machen sich in der Regel keine Sorgen", sagte Sebastian. "Sie sagen oft: 'Wir haben Kriege und Krisen hinter uns, wir haben die Perestroika hinter uns, und dies ist nur eine weitere Sache, die wir durchstehen müssen. Der Staatschef wird entscheiden, wir werden sehen, wohin es geht, und wir werden es überstehen."

*Aufgrund der Sicherheitslage in Russland wurden einige Namen in diesem Artikel geändert.