Russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur treffen die Ukraine im Winter hart. Viele Menschen frieren. Deutschland hat bereits Hilfe zugesagt, doch reicht sie aus?
Minus 22 Grad in Kyjiw – und in hunderten Wohnungen bleibt die Heizung kalt.
Nach erneuten Störungen im ukrainischen Stromnetz haben viele Menschen in der Hauptstadt weiterhin keinen verlässlichen Zugang zu Strom, Wasser oder Wärme. Während die Stadt noch versucht, sich von den Ausfällen des vergangenen Wochenendes zu erholen, verschärft der Frost die Lage dramatisch. Berichten zufolge könnten neben den anhaltenden russischen Angriffen eingefrorene Übertragungsleitungen die jüngsten Störungen ausgelöst haben.
Das Energiesystem der Ukraine gilt jedoch seit Langem als stark destabilisiert, nicht zuletzt durch anhaltende russische Angriffe auf die Energieinfrastruktur.
In seiner täglichen Ansprache kritisierte der ukrainische Präsident, Wolodymyr Selenskyj, dass "unabhängig davon, ob es Angriffe gibt oder nicht, hunderte Gebäude in Kyjiw immer noch ohne Heizung sind".
Das bedeutet dem Präsidenten zufolge, "dass die in der Stadt geleistete Arbeit nicht ausreicht."
"Ich friere zu Hause"
Auf Euronews-Nachfrage berichtet der ukrainische Journalist, Denys Glushko, dass die Temperatur in seiner Wohnung nur sieben Grad beträgt. "Ich friere zu Hause", so Glushko, und ergänzt, dass er nie weiß, wann er Strom hat.
"Manchmal ist er den ganzen Tag lang da, manchmal fällt er tagelang aus. Gestern, am 1. Februar, beispielsweise war der Strom von 12:00 bis 15:00 Uhr da, also drei Stunden lang", erklärt er.
Fast bereits einen Monat lang leben Ukrainer wie auch Glushko in einer kalten Wohnung: "Nach dem ersten massiven russischen Angriff am 9. Januar fiel meine Heizung zum ersten Mal aus, dann versuchten die Versorgungsunternehmen, die Stromversorgung wiederherzustellen, und sie funktionierte einige Tage lang", erzählt er.
"Dann, vor dem massiven Angriff auf das Energiesystem am 20. Januar, wurde am 19. Januar das gesamte Wasser aus dem Heizungssystem abgelassen. Seit diesem Tag, also seit zwei Wochen, habe ich keine Heizung mehr in meiner Wohnung."
Nach fast vier Jahren russischer Invasion hat Glushko gelernt, mit Stromausfällen zu leben. "Ich habe mir eine Powerstation zugelegt, um wichtige Geräte zu betreiben: Kühlschrank, Kaffeemaschine oder einen Boiler zum Erhitzen von Wasser und Powerbanks, um Glasfaser-WLAN und kleine Geräte wie den Laptop oder das Telefon am Laufen zu halten, wenn der Strom tagelang ausfällt", erklärt er.
Die Gewöhnung an ein Leben ohne Heizung ist für ihn jedoch aufgrund der niedrigen Temperaturen viel schwieriger. Wenn die Heizung ausfällt, wird für Glushko und viele seiner Landsleute Gas zur wichtigsten Lebensader, da es hilft, die Küche zu beheizen, während die Isolierung an Türen und Fenstern und eine stetige Versorgung mit heißen Getränken die Kälte etwas erträglicher machen.
Hanna Ustynova erklärt auf Anfrage von Euronews, dass sie aufgrund der Kälte zu ihren Eltern ziehen musste. Generell zieht sie sowohl zu Hause, als auch draußen mehrere Kleidungsschichten an. "Einmal habe ich auch von zu Hause aus gearbeitet und dabei eine Mütze getragen, weil es so kalt war", erzählt sie und erklärt, dass sie Kerzen verwendet, um die Temperatur in der Wohnung wenigstens ein bisschen zu erhöhen.
Auch Ustynova bekräftigt, dass die aktuelle Situation "nicht stabil" ist. "Es gibt keine festen Strompläne. Wegen der Angriffe und der Lage im Energiesystem weiß man nie, ob man an einem Tag Strom hat oder nicht, ob Wasser da ist oder die zentrale Heizung funktioniert. Deshalb nutzen wir jede Gelegenheit: Wir duschen, laden unsere Geräte auf und versorgen die Stromgeneratoren, die wir zu Hause haben", ergänzt sie.
Hilfe aus Deutschland
Der derzeitige Winter ist nicht der erste, in denen Menschen in der Ukraine von regelmäßigen Stromausfällen und kalten Wohnungen betroffen sind.
Ende vergangenen Monats hat die deutsche Botschaft in Kyjiw verkündet, dass Deutschland die Notfall-Energiehilfe in diesem Winter auf 120 Milliaren Euro erhöht hat. Die ersten beiden Blockheizkraftwerke, die dazu beitragen sollen, rund 86.000 Einwohner der ukrainischen Hauptstadt mit Wärme und Licht zu versorgen befinden sich bereits vor Ort, so die Botschaft in einem Beitrag auf X.
Doch auch die Zivilgesellschaft innerhalb, sowie außerhalb des Landes starten Spendenaktionen, um den Menschen vor Ort zu helfen.
Für den Berliner Verein Bravery e.V. war schnell klar, dass sie helfen müssen, erklärt der Vorsitzende Chris Knickerbocker auf Anfrage von Euronews. Sowohl er als die anderen beiden Vorsitzenden, Isa Zalitatsch und Jan Spiegelberg, haben zu Beginn der Kältewelle die vermehreten russischen Angriffe miterlebt.
Nirgends haben sie so gefroren, wie in Kyjiw, so Knickerbocker.
"Trotz mehrmaliger Orts- und Wohnungswechsel haben wir nicht geschafft uns aufzuwärmen. Wir haben mit unseren Partnern gesprochen und direkt dem Team in Berlin Bescheid gegeben", ergänzt er.
Seitdem hat Bravery e.V. verschiedene Hilfsmittel an die Ukraine geliefert, darunter Powerstations, Infrarotheizungen, Generatoren, Inverter und Solaroptionen, die Knickerbocker jedoch "eher langfristig als kurzfristig" helfen. Bereits seit fast vier Jahren, also ungefähr seit Beginn des russischen Angriffs 2022, liefert der Verein Hilfsgüter an die Ukraine.
"Jeder Generator, jede Lieferung wird mit Fotos oder Videos belegt", erklärt Knickerbocker, der ergänzt, dass weitere Informationen aus Sicherheitsgründen nicht geteilt werden können. "Intern haben wir dann jedoch die Gewissheit, das alles passt", bestätigt er.
Doch nicht nur von Nichtregierungsorganisationen erreichen Hilfsgüter die Ukraine, auch das Technische Hilfswerk (THW) hat Kyjiw seit Beginn des Krieges mit Hilfsgütern versorgt.
Eigenen Angaben zufolgen hat das THW in den vergangenen drei Jahren Hilfsgüter im Wert von mehr als 138 Millionen Euro beschafft und einen Großteil an die Ukraine geliefert, so auch eine Vielzahl an Fahrzeugen, Geräten und Materialien, die unter anderem für die Instandsetzung zerstörter Infrastruktur gebraucht werden.
Stabile Stromversorgung noch nicht in Sicht
Auch in den kommenden Tagen bleibt es mit frostigen Minusgraden in der ukrainischen Hauptstadt winterlich.
Die Sprecherin der Kyjiwer Militärverwaltung (KMVA), Kateryna Pop, erklärte jedoch, dass es weiterhin "zu früh" sei, um über eine Rückkehr zu stabilen Stromausfallplänen, da die schwierige Wetterbedingungen und Spannungsschwankungen die Wiederherstellung der Netze erschwerten.
Allein im Januar hat Russland nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe insgesamt 4.577 Langstreckendrohnen und Raketen auf die Ukraine abgefeuert. Rund 83 Prozent der Drohnen sowie etwa 51 Prozent der Raketen konnten abgefangen oder neutralisiert werden.