Wenn ein ganzes Land jubelt, entstehen dann neun Monate später mehr Babys? Nach den Weltmeisterschaften 2006 und 2014 hielt sich diese Erzählung hartnäckig. Ein Blick in Statistiken, Kliniken und Forschung zeigt, was daran wirklich dran ist.
Es klang nach der perfekten Fortsetzung des Sommermärchens: Am 13. Juli 2014 wurde Deutschland in Rio de Janeiro Weltmeister, Mario Götze traf in der 113. Minute zum 1:0 gegen Argentinien, Millionen feierten auf Straßen, Balkonen und Fanmeilen. Über 30 Millionen Zuschauer sahen das Finale in Deutschland im Fernsehen. Bald stellte sich die Frage: Müsste so ein Ausnahmezustand nicht auch Folgen für die Geburtenstatistik haben?
Der sächsische Familienpolitiker Alexander Krauß (CDU) hatte schon vor dem Finale in der Bild-Zeitung einen Babyboom vorhergesagt, wie die WirtschaftsWoche später berichtete: "Rollt der Ball, herrscht nicht nur vor dem Fernseher Hochstimmung, sondern auch im Bett. Tore für Deutschland heißt Kinder für Sachsen!" Prüfen ließ sich die These im Frühjahr 2015, rund neun Monate nach dem Triumph in Brasilien.
Die Geschichte von den WM-Babys
Neu war die Erwartung nicht. Schon nach der WM 2006 in Deutschland, dem eigentlichen "Sommermärchen", verbreitete sich die Erzählung von den Fußball-Babys. Das Land war damals in gelöster Stimmung, die Fanmeilen waren voll. Die Journalistin und Moderatorin Lena Cassel erinnert sich im NDR an die Zeit und beschreibt diese als "emotionale Entkrampfung".
Im Februar 2007 berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung über ein "Wintermärchen nach dem Sommermärchen": Geburtsvorbereitungskurse seien voll, Entbindungsstationen stark ausgelastet. Auch der Stern griff die Geschichte auf. Hamburgs Asklepios-Klinik meldete im März 2007 etwa zehn Prozent mehr Geburten.
In Berlin stieg die Zahl der Geburten im März 2007 laut Statistischem Landesamt von rund 2.400 auf 2.800. Die Vivantes-Kliniken meldeten elf Prozent mehr Geburten als im Vorjahreszeitraum, Köln registrierte im April 116 Geburten mehr als im Vorjahresmonat. 2015 wiederholte sich das Muster: Die Bild-Zeitung präsentierte einzelne "Weltmeister-Babys", einige Städte meldeten steigende Geburtenzahlen.
Einzelne Zahlen sind noch kein Trend
Wenn der WM-Sieg 2014 tatsächlich zu mehr Schwangerschaften geführt hätte, hätte sich das schon vor den Geburten zeigen können: bei Krankenkassen, Schwangerschaftstests oder im Babyhandel. Genau dort fand die WirtschaftsWoche 2015 aber kaum belastbare Hinweise.
Die Barmer GEK teilte der Zeitung damals mit: "Uns liegen keine Daten vor, die über zu erwartende Geburtenzahlen in den nächsten Monaten Auskunft geben." Auch die Techniker Krankenkasse konnte "nichts Valides aus den vorliegenden Daten ableiten".
Hersteller von Schwangerschaftstests sahen ebenfalls keinen Boom. Dolorgiet, Hersteller des Tests Hilary, erklärte, der Juli 2014 sei unterdurchschnittlich gewesen, der August durchschnittlich. Der Baby- und Kleinkindhändler BabyOne verwies zwar auf steigende Kinderwagenverkäufe, der Anstieg laufe aber bereits seit Herbst 2014.
Die Geburtenzahlen widersprachen dem Mythos
Im Frühjahr 2015 wurde aus der eingängigen Geschichte ein statistisches Problem. Eine stichprobenartige Umfrage der Deutschen Presse-Agentur bei Standesämtern und Kliniken ergab keine ungewöhnlich hohen Geburtenzahlen. Von einem Babyboom wollte keiner der Befragten sprechen.
In der Geburtsmedizin der Berliner Charité kamen rund 40 Wochen nach dem WM-Finale sogar weniger Kinder zur Welt als üblich. Vom 4. bis 6. April wurden dort 14 Babys geboren, normalerweise seien es neun bis zehn pro Tag.
Rückblickend hielt auch die WM-These von 2006 nicht stand. Im November 2007 teilte das Statistische Bundesamt mit, die Zahl der Geburten sei im ersten Halbjahr 2007 leicht gesunken: 313.100 Kinder gegenüber 313.900 im Vorjahreszeitraum, ein Minus von 0,3 Prozent, wie der Tagesspiegel berichtete. Der zuständige Mitarbeiter Martin Conrad sagte: "Auf keinen Fall" habe es neun Monate nach der WM 2006 einen Babyboom gegeben.
Babyboom kann durch viele Faktoren entstehen
Dass sich die Geschichte hält, liegt auch am Umgang mit Zahlen. Einzelne Ausschläge in Städten oder Kliniken wirken spektakulär, sagen aber wenig über einen bundesweiten Trend aus. Köln hatte im April 2007 zwar mehr Geburten als im Vorjahresmonat, 2005 waren es aber noch mehr gewesen, ganz ohne WM-Zusammenhang. Stuttgarts Babyfieber wuchs schon in den Vorjahren.
Hinzu kommen andere Faktoren. In Berlin wurde der Anstieg im März 2007 auch mit dem neuen Elterngeld in Verbindung gebracht. Es ersetzte einen Teil des wegfallenden Einkommens nach der Geburt eines Kindes und sollte es Eltern erleichtern, Beruf und Familie zu vereinbaren sowie die Kinderbetreuung partnerschaftlicher aufzuteilen.
Was die Forschung sagt
Eine Studie des Forschungsinstituts IZA dreht die populäre These sogar um. Die Autoren untersuchten monatliche Geburtenraten aus 50 europäischen Ländern über 56 Jahre und verglichen sie mit den Leistungen der Nationalmannschaften bei 27 großen Fußballturnieren.
Das Ergebnis: Mehr sportlicher Erfolg war nicht mit mehr Geburten verbunden, sondern mit einem Rückgang. Bei einer durchschnittlichen Turnierleistung gingen die Geburtenzahlen neun Monate später um 2,13 Prozent zurück. Auf Deutschland bezogen entspräche das rund 1.000 Geburten weniger. Eine mögliche Erklärung: Wer im Stadion, vor dem Fernseher oder beim Public Viewing feiert, verbringt diese Zeit nicht im Schlafzimmer.
Ein ähnliches Phänomen untersuchte der Demograf J. Richard Udry bereits 1970 – im Zusammenhang mit dem großen Stromausfall in New York im November 1965. Damals hatten Medienberichte den Eindruck erweckt, neun Monate später seien ungewöhnlich viele Kinder geboren worden. Udry widerlegte diesen Zusammenhang in seiner Studie, die in der Fachzeitschrift Demography erschienen ist: Die Geburtenrate lag stadtweit nicht höher als üblich. Seiner Schlussfolgerung zufolge neigen viele Menschen offenbar dazu, zu glauben, dass außergewöhnliche Ereignisse, die den Alltag unterbrechen, die Menschen zur Zeugung von Nachwuchs verleiten.
Was vom erhofften Geburtenboom bleibt
Der Fall der WM-Babys zeigt, wie schnell aus Anekdoten ein beständiger Mythos wird. Einzelne Kliniken, volle Kurse, glückliche Eltern oder auffällige Monatswerte ergeben noch keine belastbare demografische Entwicklung.
Auch der Blick auf das Gesamtjahr hilft nur begrenzt: 2015 wurden in Deutschland zwar rund 738.000 Kinder geboren, etwa 3,2 Prozent mehr als 2014. Daraus lässt sich aber kein WM-Effekt ableiten. Geburtenzahlen hängen von vielen Faktoren ab: Alter und Zahl potenzieller Mütter, Familienpolitik, wirtschaftliche Lage, regionale Klinikstrukturen und langfristige Trends. Im Jahr 2026 schrumpft die Bevölkerung hierzulande weiterhin - die Geburtenraten in Deutschland und Europa sinken.
Und trotzdem lebt die Erzählung von den WM-Babys weiter. Sie verbindet Fußball-Euphorie, Gemeinschaftsgefühl und Familienglück zu einem einfachen, eingängigen Bild. Vielleicht taucht sie genau deshalb nach großen Turnieren immer wieder auf: 2006, 2014 und womöglich auch dieses Mal.