Illegale "Baller Liquids" werden immer öfter an Jugendliche verkauft, getarnt als harmlose E-Zigaretten-Flüssigkeiten. Dabei enthalten sie starke synthetische Cannabis-Wirkstoffe. Der gefährliche Trend sorgt bundesweit für Notfälle bei Jugendlichen.
Sie schmecken nach Mango, Erdbeere oder Vanille und sind in jedem Kiosk erhältlich. In den Augen vieler Jugendlicher sind Vapes, also E-Zigaretten, ein harmloser Ersatz für Zigaretten. Doch immer häufiger werden sie mit synthetischen Cannabis-Wirkstoffen gestreckt und dadurch zum Auslöser medizinischer Notfälle.
In Oberfranken häufen sich in den vergangenen Wochen entsprechende Fälle – so sehr, dass Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft nach Angaben der Stadt Hof verstärkt ermitteln. Ein Beispiel aus Rehau: Ein 23-jähriger Berufsschüler brach im Februar während einer Busfahrt zusammen und kam ins Krankenhaus. Mitfahrende berichten, er habe zuvor eine Vape mit einem Liquid benutzt, das er von einer unbekannten Person erhalten hatte. Danach verlor er das Bewusstsein. Die Polizei prüft nun ein mögliches Delikt nach dem Betäubungsmittelgesetz.
Warum Vapes für Dealer attraktiv sind
Das Problem: Manipulierte Produkte wirken auf den ersten Blick wie normale Vapes – und riechen auch so. Liquids sind eigentlich die "Betriebsflüssigkeit" der E-Zigarette. Hinzu kommen Aromen für den Geschmack und Nikotin für den Kick. Für den illegalen Schwarzmarkt werden sie jedoch nachgebaut oder umgefüllt. In der Szene heißen sie "Baller Liquids" oder "Görke": Fruchtaromen als Tarnung für synthetische Cannabinoide oder andere gefährliche Beimischungen.
Dass Vapes als leicht zugängliche Lifestyle-Produkt gelten, spielt Dealern in die Hände. Denn die Beliebtheit wächst. Die ESPAD-Studie (European School Survey Project on Alcohol and Other Drugs), die von der Drogenagentur der Europäischen Union in Auftrag gegeben wurde, zeigt 2024: Tabak- und Alkoholkonsum sinken, das Vapen nimmt zu. 22 Prozent der 15- bis 16-Jährigen nutzen E-Zigaretten (2019: 14 Prozent), 44 Prozent haben sie schon probiert.
Bundesweites Phänomen
Vielerorts hat sich das Problem mit den "Baller Liquids" in den vergangenen Wochen zugespitzt. Eva Döhla, Oberbürgermeisterin der fränkischen Mittelstadt Hof (SPD), verweist im Gespräch mit Euronews auf eine Häufung von Vorfällen in der Region. Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft sollen verstärkt ermitteln.
Als lokaler Schwerpunkt des Handels habe sich der Sonnenplatz in Hof herauskristallisiert, erklärt Döhla. Gleichzeitig betont sie die überregionale Dimension: Das sei "kein Problem einer einzelnen Stadt sondern ein Phänomen in ganz Deutschland".
Auch in Niedersachsen häufen sich Fälle mit "Baller Liquids". Der Landkreis Oldenburg-Ostfriesland warnt laut NDR vor Drogen in Vapes, die Panikattacken und Psychosen auslösen.
Hof und der Landkreis setzen deshalb auf Prävention – in Schulen und sichtbar im öffentlichen Raum. Döhla nennt Informationsschreiben an Eltern und Lehrkräfte, Aufklärung in Schulen, Social-Media-Videos sowie eine Plakatkampagne an Treffpunkten von Jugendlichen, vom Busbahnhof bis zum Skatepark.
Ein Kernproblem bleibe die Erkennbarkeit: "Äußerlich sind 'Baller Liquids' kaum von herkömmlichen Vapes zu unterscheiden." Der starke Duft nach Süßaromen könne zusätzlich den Eindruck erwecken, es handle sich um ein normales Produkt ohne illegale Beimischung.
Bundesdrogenbeauftragter Streeck**: Aromenverbot reicht nicht**
Auf Bundesebene wird bereits über schärfere Regeln diskutiert, Aromen machen die Vapes für Jugenliche attraktiv, sie schmecken einfach gut: Das Bundeslandwirtschaftsministerium plant aktuell ein Verbot von 13 Aroma- und Kühlstoffen in E-Liquids – darunter Menthol, verschiedene "Cooling Agents" und der Süßstoff Sucralose. Bundesdrogenbeauftragter Hendrik Streeck hält solche Schritte für sinnvoll, warnt aber vor einer Scheinsicherheit.
In einem Statement auf Euronews-Anfrage verweist er darauf, dass das System "E-Zigarette" technisch offen sei und der illegale Markt genau das ausnutze – mit nicht deklarierten, teils hochgefährlichen Beimischungen wie synthetischen Cannabinoiden.
Einen Satz formuliert er als klare Warnung: "Wer solche Produkte konsumiert, spielt im schlimmsten Fall mit seinem Leben." Das geplante Aromenverbot nennt Streeck einen ersten Schritt. Entscheidend seien jedoch zusätzliche Maßnahmen: mehr Aufklärung, klare Botschaften an Jugendliche und deutlich stärkerer Vollzug – gerade beim Jugendschutz. Wer nikotinhaltige Produkte an Minderjährige verkaufe, handele aus seiner Sicht nicht leichtfertig, sondern verantwortungslos; der Schutz von Kindern und Jugendlichen müsse konsequent durchgesetzt werden.
Was steckt in illegalen "Baller Liquids"?
Dr. Florian Eyer, Chefarzt der Abteilung für Klinische Toxikologie und Giftnotruf München, erklärt auf Anfrage, dass es sich bei den in "Baller Liquids" vermuteten Substanzen meist um synthetische Cannabinoide handelt. Das sind im Labor hergestellte Wirkstoffe, die – ähnlich wie THC (Tetrahydrocannabinol, der berauschende Hauptwirkstoff in Cannabis) – an Cannabinoid-Rezeptoren im Körper andocken und so Rausch- und Vergiftungseffekte auslösen können.
Die Stoffe sind häufig deutlich potenter, ihre Wirkung schwer vorhersehbar. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht geht von einer bis zu 100-mal stärkeren Rezeptorbindung aus als bei THC. Eyer ergänzt, die Substanzen würden "entweder pur oder vermischt mit anderen Bestandteilen wie etwa Nikotin konsumiert". Teils seien auch andere Medikamente oder neue psychoaktive Substanzen beigemischt.
Auch Sicherheitsbehörden sehen ein Kernproblem darin, dass Konsumenten die Beimischungen nicht erkennen. Das Bundeskriminalamt warnt, synthetische Cannabinoide würden teils auf CBD-Hanf und andere Cannabisprodukte aufgebracht, "ohne dass dies für Konsumenten äußerlich erkennbar wäre" – es entstünden "äußerst gefährliche Mischungen mit unkalkulierbarer Wirkung".
Im ersten Quartal 2021 stellte der Zoll laut Bundeskriminalamt bei Einfuhren aus der Schweiz und den Niederlanden über 150 Kilogramm solcher Mischungen sicher.
Symptome: von Psychose bis Koma
Eyer beschreibt die Bandbreite der Folgen drastisch: "Die klinische Wirkung reicht von Psychosen, Unruhe, Aggression, cerebralen Krampfanfällen, Herzrhythmusstörungen bis hin zum Koma und kann lebensbedrohlich sein."
Laut einer Bundestags-Antwort gab es 2020 neun Todesfälle durch synthetische Cannabinoide allein oder in Kombination, 2019 waren es elf.
Ein Markt, der schneller ist als die Kontrollen
Was Hof exemplarisch zeigt, ist ein strukturelles Problem. Der illegale Markt passt sich schnell an und weicht auf neue Substanzen aus, wenn der Druck steigt. Oberbürgermeisterin Döhla sagt, der Vertrieb laufe zudem oft online – über Apps, Messenger-Dienste, soziale Medien und illegale Shops. Vieles werde privat gehandelt. Das erschwert Identifikation und Strafverfolgung.