Zwei Jahre nach der umstrittenen Teillegalisierung von Cannabis sprechen Minister von einem politischen Fehlgriff. Hintergrund ist eine ernüchternde Zwischenbilanz: Zwar ist der Schwarzmarkt leicht zurückgedrängt, aber es ist ein gigantischer, kaum kontrollierter Cannabismarkt entstanden.
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) wird anlässlich des neuen Berichts zum Cannabiskonsum deutlich: "Die Teillegalisierung von Cannabis zu Genusszwecken war ein Fehler!" Am Mittwoch wurde der zweite Zwischenbericht zur Evaluation des Konsumcannabisgesetzes vorgestellt.
Ein Forschungsprojekt der Universitäten Düsseldorf, Hamburg und Tübingen beschäftigt sich mit den Auswirkungen des Gesetzes auf den Jugendschutz, die Gesundheit und Kriminalität. Das Cannabisgesetz (KCanG) der Ampelkoalition aus SPD, FDP und Grünen war am 1. April 2024 in Kraft getreten.
Besonders alarmierend sei seitdem der Rückgang von Präventionsangeboten für Jugendliche. Wer diese Entwicklung ignoriere, riskiere die Gesundheit junger Menschen, so die Gesundheitsministerin.
Noch deutlicher wird Innenminister Alexander Dobrindt (CSU). Das Gesetz sei ein „vollkommener Rohrkrepierer“ – mit gravierenden Folgen für die innere Sicherheit. Der Schwarzmarkt boome weiter, während Polizei und Ermittler zunehmend Schwierigkeiten hätten, Dealer zu fassen.
Deutschland wurde zu Europas „XL-Markt“
Auch Familienministerin Karin Prien (CDU) sieht die Reform kritisch und spricht von einem „Bärendienst“ für die Suchtprävention.
Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung Prof. Dr. Hendrik Streeck fordert ebenfalls Korrekturen: Die erlaubten Besitzmengen seien zu hoch, Missbrauch weit verbreitet. "Das weiterlaufen zu lassen, wäre fahrlässig", so Streeck.
Besonders brisant sei die Entwicklung auf dem legalen Markt. Laut wissenschaftlicher Evaluation habe Deutschland inzwischen den größten legal-kommerziellen Cannabismarkt Europas geschaffen. Allein 2025 wurden rund 200 Tonnen medizinisches Cannabis importiert – ein Anstieg von fast 200 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Experten sehen darin eine gefährliche Dynamik: Der Markt wachse schneller als die Regulierung. Zudem fehle es an Transparenz darüber, woher die steigenden Mengen stammen und wie sie letztlich verwendet werden. Hinweise, dass Deutschland zu einem europäischen Verteilzentrum geworden ist, mehren sich.
"Über dubiose Onlineplattformen und unzulässige Werbung ist ein großer Markt entstanden, der sich nicht an Kranke richtet, sondern an Freizeitkonsumierende. Das hat mit Medizin nichts mehr zu tun", so Hendrik Streeck.
Mehr Risiken für die Gesundheit und Jugend
Der Zwischenbericht zur Evaluation des Konsumcannabisgesetzes sieht außerdem eine Zunahme gesundheitlicher Probleme. Besonders kritisch sei der Trend zu hochpotentem Cannabis mit hohem THC-Gehalt. Studien zeigen, dass damit ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen einhergehe.
Tatsächlich würden psychiatrische Kliniken von steigenden Fallzahlen berichten – sowohl bei Abhängigkeit als auch bei cannabisbedingten Psychosen.
Ein zentrales Ziel der Legalisierung war es, den Jugendschutz zu stärken. Doch auch hier zeige sich ein ambivalentes Bild. Zwar sei der Konsum unter Jugendlichen langfristig nicht gestiegen, gleichzeitig würden Präventionsangebote deutlich seltener genutzt.
Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck sagt dazu: "Wer wegen Cannabis auffällt, bekommt heute seltener frühzeitig Beratung und Unterstützung als vor Inkrafttreten des Gesetzes. Der Bericht zeigt auch warum. Die Weiterleitung durch Polizei, Justiz und Jugendgerichtshilfe ist entfallen. Hier müssen wir nachsteuern. Denn wer nicht früh eingreift, lässt junge Menschen und ihr Umfeld mit dem Problem allein."
Mit der Entkriminalisierung sind auch verpflichtende Maßnahmen weggefallen. Polizei, Jugendhilfe und Präventionsstellen arbeiten weniger eng zusammen als zuvor. Die Folge: weniger Eingriffe – und weniger Unterstützung für gefährdete Jugendliche.
Illegaler Handel schwerer zu bekämpfen als vorher
Auch die Strafverfolgung stehe vor neuen Herausforderungen. Ermittler berichten, dass Dealer ihre Aktivitäten leichter verschleiern können – nicht zuletzt wegen der großzügigen Besitzgrenzen.
Zwar gebe es Hinweise darauf, dass legale Angebote den Schwarzmarkt teilweise verdrängen. Gleichzeitig bleibe der illegale Handel bestehen – und sei für die Behörden schwerer zu bekämpfen als zuvor.
Die endgültige Bewertung des Gesetzes steht noch aus, der Abschlussbericht wird erst 2028 erwartet. Doch schon jetzt zeichnet sich ab: Die Politik will nachsteuern – oder das Gesetz grundlegend ändern.