Laut einer europaweiten Studie gibt es in Deutschland besonders viele Menschen, deren Tod vermeidbar gewesen wäre. Besonders betroffen: Männer. Viele Nachbarländer schneiden in der Studie besser ab.
Deutsche Männer sterben öfter an vermeidbaren Ursachen als Frauen und als ihre europäischen Nachbarn. Das zeigt eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) sowie der Universitäten Groningen und Oldenburg.
"Im Gegensatz zu vielen anderen westeuropäischen Gebieten weisen viele deutsche Regionen kontinuierlich höhere Zahlen bei der vermeidbaren Sterblichkeit auf", erklärt Dr. Michael Mühlichen, Mitautor der Studie und wissenschaftlicher Mitarbeiter am BiB.
Zwar sei der Wert der vermeidbaren Sterblichkeit in Deutschland insgesamt gesunken, doch im Verlgiech zu Westeuropa liege er weiter auf einem relativ hohen Niveau.
Die sogenannte "vermeidbare Sterblichkeit" gilt als Indikator für die Qualität eines Gesundheitssystems und das Verhalten von Menschen in Bezug auf ihre Gesundheit. Was sagt es über Deutschland aus, dass die Zahlen in einigen Regionen schlechter sind als in anderen westlichen Ländern Europas?
"Vermeidbare Sterblichkeit": Deutschland im Europavergleich
Wer vor dem 75. Geburtstag verstirbt und durch Maßnahmen wie etwa eine rechtzeitige und angemessene medizinische Behandlung, bessere Vorsorge oder Früherkennung oder auch eine gesunde Lebensweise länger hätte leben können, gilt demnach als Fall von "vermeidbarer Sterblichkeit".
Hauptursachen für vermeidbare Todesfälle sind beispielsweise Herzkreislauferkrankungen, bestimmte Arten von Krebs sowie Folgen von Lebensstilfaktoren wie Rauchen oder ein erhöhter Alkoholkonsum. Auch Unfälle zählen zu den vermeidbaren Todesfällen.
Der Studie zufolge sei ein klares Muster zu erkennen: In der Schweiz sowie in weiten Teilen von Italien, Frankreich und Spanien sterben vergleichsweise wenige Menschen an vermeidbaren Ursachen. Die Forschenden bezeichnen diese Gebiete als stabile "Coldspots".
In Deutschland gibt es davon nur wenige: Die Region zwischen Tübingen und Ulm sei zeitweise ein sogenannter Coldspot gewesen, trägt diese Bezeichnung nun aber nicht mehr. Im Gegenteil dazu gibt es in "Hotspot"-Gebieten vergleichsweise hohe Sterblichkeiten, die vermeidbar gewesen wären.
Neben Deutschland gelten besonders Regionen in Belgien, im Norden und Nordosten Frankreichs, im Osten Österreichs und im Südwesten Spaniens als "Hotspots". Für die Forscher gibt es auch eine Erklärung für die regionalen Unterschiede.
Demnach seien die Regionen unterschiedlich effizient, wenn es um die Früherkennung und Behandlung von Krankheiten gehe. "Gerade im Bereich Prävention besteht in Deutschland noch Aufholpotenzial, um den häufigsten Risikofaktoren wie Rauchen, übermäßigem Alkoholkonsum, ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel entgegenzuwirken", erklärt Mühlichen.
Diese Regionen in Deutschland sind besonders betroffen
Viele deutsche Regionen verzeichnen höhere Zahlen bei der vermeidbaren Sterblichkeit als andere westeuropäische Gebiete, heißt es in der Studie. In Deutschland ist demnach besonders der Nordosten betroffen – darunter Nordthüringen, Ostniedersachsen sowie größere Gebiete von Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.
Außerdem haben die Forschenden herausgefunden, dass nicht allein der Zustand des nationalen Gesundheitssystems zu Ungleichheiten in Europa führt. Denn die Regionen mit hoher und niedriger vermeidbarer Sterblichkeit unterscheiden sich auch innerhalb von Ländern.
Eine wichtige Rolle spielen demnach auch sozioökonomische Faktoren wie Einkommen, Bildung und Beschäftigungsperspektiven. "Um vermeidbare Todesfälle langfristig zu verringern, sollten gesundheitspolitische Maßnahmen daher noch stärker an regionalen Bedarfen ausgerichtet sein, die sich etwa aus den sozialen Bedingungen oder gesundheitsrelevanten Verhaltensweisen ergeben", sagte Forschungsgruppenleiter und Mitautor Dr. Pavel Grigoriev vom BiB.
So definieren es die Forschenden in den Ergebnissen der Studie, die in der Fachzeitschrift European Journal of Population erschienen sind.
Verglichen wurden Daten aus zehn europäischen Ländern zwischen 2002 und 2019, diese wurden in 581 Regionen unterteilt. Die Jahre der Coronapandemie wurden außen vor gelassen, um die Statistiken durch die pandemischen Entwicklungen verursachte Todesfälle nicht zu beeinflussen.