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Die Insel, die den Krieg entscheiden könnte: Warum Kharg Irans wichtigste Schwachstelle ist

 Foto von Ölleitungen und einem Tanker am Kai der Insel Kharg im Iran, dem größten Ölhafen der Welt, aufgenommen im Juli 1971
Foto von Ölleitungen und einem Tanker am Kai der Insel Kharg im Iran, dem größten Ölhafen der Welt, aufgenommen im Juli 1971 Copyright  AP Photo/Horst Faas
Copyright AP Photo/Horst Faas
Von Ekbal Zein
Zuerst veröffentlicht am
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Am Wochenende erklärte US-Präsident Donald Trump, er wolle den Krieg über militärische und nukleare Ziele hinaus ausweiten. Das Weiße Haus äußerte sich jedoch nicht zu einer möglichen Strategie in Bezug auf die Insel Kharg.

Nachdem Israel in der vergangenen Woche Ölanlagen in Teheran und in der nördlich gelegenen Provinz Alborz angegriffen hatte, sind erneut Fragen über das Schicksal der iranischen Insel Kharg aufgekommen. Die Insel gilt als wichtigste Lebensader der iranischen Ölindustrie: Mehr als 90 Prozent der iranischen Ölexporte werden über sie abgewickelt – der Großteil davon geht nach China.

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Mit der anhaltenden Eskalation rückt die im Persischen Golf gelegene Insel zunehmend auch als mögliches Ziel der USA und Israels in den Fokus. Beobachter halten es für denkbar, dass sie zur "Überraschung" des Krieges werden könnte – zu einem strategischen Schlag, mit dem die beiden Verbündeten den Konflikt entscheiden wollen.

Doch was ist über diese Insel bekannt – und welche Folgen hätte ein Angriff auf sie für die iranische Wirtschaft und den Weltmarkt?

Ein sensibler und leicht angreifbarer Punkt

Die Insel Kharg gilt seit Langem als einer der verwundbarsten strategischen Punkte Irans. Zwar wird immer wieder darüber diskutiert, dass sie jederzeit zum militärischen Ziel werden könnte, bislang blieb sie jedoch von Angriffen verschont. Dabei könnte ein Schlag gegen die Insel – zumindest auf den ersten Blick – dem iranischen Regime einen schweren Schlag versetzen und den Krieg beenden.

Der frühere US-Unterhändler mit Iran unter Präsident Barack Obama, Richard Nephew, übertrieb daher kaum, als er sagte: "Ohne sie bricht die Wirtschaft zusammen." Jede militärische Aktion zur Zerstörung oder Übernahme der Infrastruktur der Insel wäre für Teheran ein schwerer Schock.

Zugleich könnte ein solcher Schritt den Krieg weiter eskalieren lassen, zusätzliche Turbulenzen auf den Energiemärkten auslösen und eine künftige iranische Regierung schwächen. Da ein Großteil der iranischen Küste zu flach ist, um die größten Tanker der Welt aufzunehmen, kommt der Insel besondere Bedeutung zu. Die nur etwa sechs Kilometer lange Insel liegt rund 25 Kilometer vor der iranischen Küste nahe der Provinz Buschehr – und gilt daher zugleich als vergleichsweise leicht angreifbar.

Israels Mossad über X: Berichte über Gespräche zur Übernahme der Kontrolle über die Insel Kharg

Die Anlagen sind stark exponiert: Im Süden der Insel befinden sich Dutzende dicht beieinanderliegende Lagertanks, dazu kommen lange Tiefwasseranleger zum Beladen von Supertankern, Unterkünfte für Arbeiter sowie eine kleine Landebahn, die die Insel mit dem Festland verbindet.

Einem Bericht von Axios vom 7. März zufolge hat die US-Regierung neue Optionen im Umgang mit dem Iran erörtert. Dazu zählen unter anderem Kommandooperationen zur Sicherung der iranischen Bestände an angereichertem Uran sowie die mögliche Beschlagnahmung der Insel, deren Lade­kapazität bei rund sieben Millionen Barrel pro Tag liegt. Ein solches Szenario wäre zwar ein "Alptraum" für China – aber keineswegs nur für den Iran.

Die Geschichte der Insel

Als die Ölförderung im Iran im 20. Jahrhundert stark zunahm, entwickelte sich die Insel Kharg in den 1960er Jahren zu einem wichtigen Exportterminal für Rohöl und zu einer zentralen Verladeeinrichtung. In den 1970er Jahren gewann sie weiter an Bedeutung, als dort – anstelle des Hafens von Abadan – Supertanker abgefertigt wurden.

Damit wurde Kharg zum wichtigsten iranischen Tor für den Ölexport in die Welt. Während des Iran–Irak Krieg (1980–1988) griffen irakische Streitkräfte die Insel mehrfach an, wodurch der Ölterminal zeitweise beschädigt wurde. Iran reagierte jedoch rasch auf die neuen Umstände und verlagerte seine Exporte zeitweise auf kleinere Anlagen auf den Inseln Lavan Island und Siri Island.

Dank dieser Anpassungsfähigkeit konnte Kharg nach dem Ende des Krieges ihre zentrale Rolle nicht nur wieder einnehmen, sondern sogar weiter ausbauen. In den Jahren 2022 bis 2025 war der Terminal in der Lage, bis zu zehn Supertanker gleichzeitig zu beladen. Zudem wurden die Aktivitäten auf den Export weiterer Produkte ausgeweitet, darunter Schwefeldünger, Flüssiggas und andere Erdölderivate.

Ein Großteil dieser Exporte dürfte nach China gehen, das trotz der Sanktionen der wichtigste Handelspartner des Iran geblieben ist. Allein im Jahr 2024 beliefen sich die iranischen Energieexporte auf rund 78 Milliarden US-Dollar.

Die weltweite Bedrohung

Am Wochenende erklärte US-Präsident Donald Trump, er wolle den Krieg über militärische und nukleare Ziele hinaus ausweiten. Dabei deutete er an, dass künftig auch "neue Regionen und Gruppen von Menschen" ins Visier genommen werden könnten.

Das White House wollte sich jedoch nicht zu einer möglichen Strategie in Bezug auf die Insel Kharg äußern. Der israelische Oppositionsführer Yair Lapid rief unterdessen dazu auf, die Insel gezielt anzugreifen. Auf der Plattform X schrieb er: "Israel sollte alle iranischen Ölfelder und die Energieindustrie auf der Insel Kharg zerstören. Dies wird zum Zusammenbruch der iranischen Wirtschaft und zum Sturz des Regimes führen."

Analysten gehen davon aus, dass die Infrastruktur der Insel auf verschiedene Weise lahmgelegt werden könnte – etwa durch die Zerstörung der Verladeanlagen für Tanker, darunter Pumpen und Rohrleitungen, durch Schäden an den Lagertanks oder auch durch die Unterbrechung der Unterwasserpipelines, über die das Öl zur Insel transportiert wird.

29. Dezember 2025 - Präsident Trump beantwortet eine Frage der Presse in Mar-a-Lago während einer Pressekonferenz mit Netanjahu, Florida.
29. Dezember 2025 - Präsident Trump beantwortet eine Frage der Presse in Mar-a-Lago während einer Pressekonferenz mit Netanjahu, Florida. AP Photo

Die Islamische Republik hat gewarnt, dass ein Angriff auf ihren Ölsektor Vergeltungsschläge gegen Energieanlagen in den Golfstaaten nach sich ziehen könnte. Die Islamische Revolutionsgarde (IRGC) erklärte, sie verfüge über nachrichtendienstliche Erkenntnisse und operative Fähigkeiten, um entsprechende Einrichtungen anzugreifen, sollten die Angriffe auf die iranische Infrastruktur anhalten.

Auch der iranische Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf betonte, weitere Angriffe auf iranische Infrastruktur würden mit Gegenschlägen gegen Energieanlagen der Gegner beantwortet. Bislang haben die US-amerikanischen und israelischen Streitkräfte ihre Angriffe geografisch aufgeteilt: Während israelische Flugzeuge vor allem Ziele im Westen und im Zentrum des Iran angreifen, sind die US-Streitkräfte für die südliche Flanke sowie für die Hoheitsgewässer der Islamischen Republik zuständig – zu denen auch die Insel Kharg gehört.

Warum greifen weder Washington noch Tel Aviv die Insel an?

Obwohl die Insel in diesem Krieg ein "wertvoller Fang" sein könnte, warnen Analysten, dass ein Angriff erhebliche Folgen für den globalen Energiemarkt hätte. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington schätzt, dass ein Angriff auf die Insel oder eine Unterbrechung der Ölexporte die Preise um rund 100 Dollar pro Barrel nach oben treiben könnte – ein Schock, der eine beispiellose Krise auf den Energiemärkten auslösen würde.

Auch Doran Eckel, Senior Fellow am Hudson Institute und ehemaliger US-Regierungsbeamter, erklärte, Washington habe seit Langem eine Art rote Linie um die Insel Kharg gezogen. Selbst während des 12-tägigen Krieges zwischen Israel und Iran im vergangenen Jahr sei sie bewusst verschont geblieben. "Die Regierung will die wirtschaftliche Grundlage Irans nach dem Krieg nicht zerstören", sagte er.

Zugleich habe das White House kein Interesse an einem weiteren Anstieg der Ölpreise. US-Präsident Donald Trump steht innenpolitisch bereits unter Druck wegen steigender Treibstoffpreise im Vorfeld der Zwischenwahlen. Eine größere Störung der iranischen Ölexporte könnte daher erhebliche Turbulenzen auf den Weltmärkten auslösen. So bleibt die Insel Kharg vorerst ein Druckmittel in den Händen von Washington und Tel Aviv – und zugleich eine wirtschaftliche Falle, die sich gegen alle Beteiligten richten könnte, sollte der Konflikt weiter eskalieren.

Zwischen der Angst vor einem Zusammenbruch der iranischen Wirtschaft einerseits und einem möglichen sprunghaften Anstieg der globalen Ölpreise andererseits ist die Frage, ob die Insel angegriffen oder verschont wird, ein heikles strategisches Abwägungsspiel.

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