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"In Ketten abgeführt": 85-Jährige nach ICE-Haft zurück in Frankreich

ARCHIV: Polizeikräfte sichern am 21. Oktober 2025 die Umgebung eines ICE-Zentrums (Immigration and Customs Enforcement) in Portland im US-Bundesstaat Oregon.
ARCHIV: Polizeikräfte überwachen am einundzwanzigsten Oktober 2025 die Umgebung eines ICE-Zentrums in Portland im US-Bundesstaat Oregon. Copyright  Jenny Kane/Copyright 2025 The AP. All rights reserved.
Copyright Jenny Kane/Copyright 2025 The AP. All rights reserved.
Von Serge Duchêne mit AP, AFP
Zuerst veröffentlicht am
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Eine 85-jährige Französin wollte in den USA mit einem früheren US-GI ein neues Leben beginnen. Nach sechzehn harten Tagen im Bundesabschiebegefängnis ist sie nun wieder in Frankreich.

Eine Französin, die in die USA gezogen war, um einen Veteranen des Vietnamkriegs zu heiraten, den sie vor rund sechzig Jahren kennengelernt hatte, ist am Freitag nach Frankreich zurückgekehrt. Zuvor war sie von US-Einwanderungsbehörden inhaftiert worden, wie der französische Außenminister mitteilte.

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Marie-Thérèse Ross, 85 Jahre alt, „ist heute Morgen nach Frankreich zurückgekehrt, und wir freuen uns sehr darüber“, sagte Jean-Noël Barrot bei einem Besuch in Montpellier.

Der Außenminister fügte hinzu, die Methoden der US-Behörde für Einwanderung und Zollvollzug (ICE) seien mit französischen Standards nicht vereinbar und aus Sicht Frankreichs inakzeptabel.

„Wir sind heute besonders erleichtert, unsere Mutter wiederzusehen, die wir heute Morgen in die Arme schließen konnten – nach allem, was sie durchmachen musste, vermutlich eine extrem schwere Zeit“, sagte ihr ältester Sohn Hervé bei einer kurzen Pressekonferenz in Orvault.

Auch der Bürgermeister von Orvault, Sébastien Arrouet, zeigte sich erleichtert über ihre Freilassung. Gemeinsam mit ihrem Sohn habe man sich für größtmögliche Diskretion entschieden, um die diplomatischen Bemühungen nicht zu gefährden, schrieb er auf Facebook. Er freue sich darauf, sie bald wieder in Orvault zu begrüßen.

Die Frau war im Juni 2025 nach Anniston im US-Bundesstaat Alabama gereist, um William B. Ross zu heiraten, einen ehemaligen Oberst der Luftwaffe. Sie beantragte eine Green Card, die ein dauerhaftes Leben und Arbeiten in den Vereinigten Staaten ermöglicht.

Rund sechzig Jahre zuvor hatten sich die beiden kennengelernt: Sie arbeitete als zweisprachige Sekretärin, er war Soldat auf einem NATO-Stützpunkt, vermutlich in Saint-Nazaire im Westen Frankreichs. Später heirateten beide andere Partner.

Jahrzehnte später, als beide verwitwet waren, fanden sie wieder zueinander.

Stiefsöhne drängen sie aus ihrem Haus

Nach Angaben der New York Times hatte die Frau auf ihre Rente verzichtet und ihr Dorf bei Nantes verlassen, um nach Alabama zu ziehen. Dort heiratete das Paar im April 2025.

Doch der Amerikaner starb im Januar im Alter von 85 Jahren völlig unerwartet. Damit wurde ihr Aufenthaltsstatus unsicher, und sie geriet ins Visier der Einwanderungsbehörde ICE, die sie in Louisiana festnehmen ließ.

Laut US-Medien löste sein Tod zudem einen Erbstreit zwischen ihr und dem Sohn ihres Mannes aus erster Ehe aus.

Da William B. Ross kein Testament hinterlassen hatte, versuchten seine beiden Söhne, die Kontrolle über sein Vermögen zu erlangen. Es wird auf rund 190.000 Dollar geschätzt und umfasst auch das Haus in Anniston, in dem Marie-Thérèse Ross lebte.

Die Söhne veranlassten, dass die Post von dieser Adresse umgeleitet wurde. Dadurch verpasste ihre Stiefmutter einen Termin bei den Einwanderungsbehörden, berichtete Nachlassrichterin Shirley A. Millwood aus dem Bezirk Calhoun in einem Beschluss Anfang des Monats. Millwood warf einem der Söhne vor, seine Stellung missbraucht zu haben, um die Festnahme seiner Stiefmutter wenige Tage vor einer Anhörung im Nachlassverfahren zu erreichen. Er ist ehemaliger Polizist im Bundesstaat Alabama und heute Bundesbeamter.

Vor Gericht bestritt der Stiefsohn jede Beteiligung an der Festnahme. Millwood erklärte jedoch, die Beweise deuteten darauf hin, dass er bereits im Vorfeld informiert gewesen sei und kurz danach eine SMS erhalten habe, die die Festnahme bestätigte. Sein Bruder sei anschließend zum Haus gefahren und habe die Schlösser ausgetauscht – kurz nachdem Bundesbeamte die Stiefmutter abgeführt hatten.

„Gefesselt und in Ketten“

Das US-Heimatschutzministerium teilte der Nachrichtenagentur AFP am Dienstag mit, die Frau sei am 1. April festgenommen worden.

Den Angaben zufolge nahmen Beamte der Einwanderungsbehörde Ross in Alabama fest, weil sie ihr Visum überzogen hatte. Sie war im Juni 2025 mit einem Touristenvisum eingereist, das einen Aufenthalt von 90 Tagen erlaubte, hielt sich jedoch nach Angaben der Behörden noch sieben Monate später im Land auf.

Anschließend wurde sie in ein Abschiebezentrum in Louisiana gebracht. Französische Behörden äußerten in dieser Zeit Sorge um ihr Wohlergehen.

Gestützt auf Aussagen von Nachbarn sagte ihr Sohn Hervé Goix der AFP, seine Mutter sei „in Handschellen und Ketten“ abgeführt worden.

Gerichtsunterlagen zufolge wurde Marie-Thérèse Ross im Nachthemd festgenommen. Sie durfte weder ihr Telefon noch ihren Pass oder andere Ausweispapiere mitnehmen.

„Sie ist sehr müde, ihr geht es nicht gut, das alles ist sehr schwer für sie“, sagte Goix. „Wir sind sehr glücklich, aber wir sind erschöpft.“

Ihre Anwältin Kim Willingham erklärte, Ross habe im Abschiebezentrum nicht die Medikamente erhalten, die sie benötige.

„Sie hat das Gefühl, dass weder sie noch die anderen Insassinnen in dieser Einrichtung gut behandelt werden“, sagte Willingham der Nachrichtenagentur AP. „Sie hat alles getan, was nötig war, um ihre Green Card zu bekommen.“

In einem Beschluss vom 10. April ordnete Richterin Millwood an, die Stiefsöhne müssten Marie-Thérèse ermöglichen, in das Haus ihres verstorbenen Mannes zurückzukehren und dort ihre persönlichen Gegenstände abzuholen.

Zudem forderte sie die Bundesregierung in Washington auf, die Umstände der Festnahme zu untersuchen. Angesichts aktueller Debatten über Misstrauen gegenüber Bundesbehörden und laufender Korruptionsermittlungen sei dies notwendig.

Kritik an ICE

Die US-Behörde für Einwanderung und Zollvollzug ICE gilt als zentrales Instrument der restriktiven Einwanderungspolitik von Präsident Donald Trump. In den Vereinigten Staaten steht sie wegen ihres harten Vorgehens gegen Migranten in der Kritik.

Kurz nach Bekanntwerden der Festnahme erklärte eine diplomatische Quelle der Nachrichtenagentur AFP, das französische Generalkonsulat in Atlanta verfolge den Fall und gewähre konsularischen Schutz.

Auf die Arbeitsweise der ICE angesprochen, kritisierte Barrot die Methoden der US-Behörden, ohne den Fall ausdrücklich zu erwähnen.

„Es hat Gewalttaten gegeben, die uns beunruhigt haben. Entscheidend ist aber, dass sie wieder in Frankreich ist – und darüber sind wir sehr erleichtert“, sagte er.

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