Ein Wanderurlaub gehört in diesem Herbst zu den lohnendsten Wegen, Europas Topziele zu entdecken, zugleich gut für die Reisenden und die Orte selbst.
Schnüren Sie Ihre Wanderstiefel. Google-Suchen im Vereinigten Königreich nach dem Begriff „walking holiday“ sind im Jahresvergleich um sechzig Prozent gestiegen. Immer mehr Reisende entdecken die Vorzüge einer intensiven, langsameren Art des Unterwegsseins.
Ein Wanderurlaub gehört in diesem Herbst zu den lohnendsten Möglichkeiten, Europas beliebteste Reiseziele zu erleben – für Sie selbst ebenso wie für die Orte, die Sie besuchen.
Wandern: Antwort auf Overtourism?
„Overtourism hat nicht nur mit Zahlen zu tun, sondern mit Konzentration“, sagt die Spezialistin für Wanderreisen und Wahl-Griechin Annie Antonatou. Sie organisiert auch Touren nach Santorin, dem meistbesuchten Kreuzfahrthafen Griechenlands außerhalb Athens. Dort sorgt aus ihrer Sicht ein Wanderurlaub für deutlich ausgewogeneren Tourismus als die Kreuzfahrtschiffe.
„Anstatt alle Besucher zu den berühmten Aussichtspunkten in den Stoßzeiten zu lenken, verteilen sich Wandernde über Dörfer, Pfade und weniger bekannte Inseln.“
Wanderurlaube wirken wie eine Anleitung gegen Overtourism: langsam reisen, außerhalb der Hauptsaison, in weniger besuchten Regionen und mit Unterstützung lokaler Guides.
Antonatou erklärt, dass Wandernde mehr Zeit in Dörfern und abgelegenen Gegenden verbringen und ganz selbstverständlich Geld bei lokalen Unternehmen lassen – von Unterkünften über Fährgesellschaften bis zu Bäckereien und Tavernen. „Genau diese kleinen Begegnungen halten die Dorfwirtschaften am Leben“, sagt sie.
Veriano Verde arbeitet als lokaler Guide für Exodus Adventure Travels. Er ist nahe Amalfi in Italien geboren und aufgewachsen und führt Wandergruppen an der Amalfiküste. Die Region sorgte Anfang des Jahres für Schlagzeilen, als ein virales Video zeigte, wie Einwohner praktisch in ihren Häusern festsaßen, weil sich Touristinnen und Touristen in engen Gassen und an Fähranlegern Schulter an Schulter drängten.
Für Verde ist Wandern eine klassische Win-win-Situation. Die Menschen vor Ort und ihre Betriebe profitieren, seine Gäste erleben das echte Amalfi und die umliegenden Dörfer nah und unverfälscht.
„Das Schöne am Aufenthalt in einem kleinen Dorf ist, die echte Authentizität des Ortes und den Alltag wie die Einheimischen zu erleben“, sagt er. „Noch heute wohnen viele Menschen 300 bis 400 Stufen von der Hauptstraße entfernt, und in manchen Gegenden bewegt man sich fast nur zu Fuß.“
So können Sie in einigen der schönsten Regionen Europas Overtourism die Stirn bieten – und nebenbei Ihre Reise entspannter gestalten.
Europa-Hotspots zu Fuß: Tipps der Profis
Amalfiküste, Italien
Amalfis berühmter Path of the Gods gehört zu Veriano Verdes Lieblingsrouten. „Es ist fast unmöglich, ihn mit Worten zu beschreiben – man muss ihn erleben und sich zwischen Meer und Himmel verlieren.“
Besonders ist für ihn der Bezug zum traditionellen Leben. Er erzählt von den Schäfern, denen Gruppen unterwegs begegnen, und von dem Büffel-Mozzarella-Hof, den er mit Gästen in Agerola besucht, einer nahegelegenen Bergstadt.
Wer nach Amalfi reist, sollte nicht nur auf dem Hauptplatz, der Piazza del Duomo, stehenbleiben. Verde ermuntert Besucher, die Stufen vor dem Dom hinaufzugehen und sich danach in einem Labyrinth aus Gassen und immer neuen Ausblicken zu verlieren. Von Amalfi aus empfiehlt er außerdem den Wanderweg ins Nachbardorf Atrani.
Wann hinreisen: Verde empfiehlt die Nebensaison im Frühjahr (April bis Juni) oder Herbst (September und Oktober). Sein Geheimtipp ist ein Winterbesuch, „wenn es sich anfühlt, als sei die ganze Küste nur für Sie reserviert“. Eine einwöchige geführte Wanderreise mit Exodus Travels (Quelle auf Englisch) an der Amalfiküste kostet ab 1.469 £ (1.715 €) pro Person, exklusive Flüge.
Santorin und die Kykladen, Griechenland
Antonatou rät, die Caldera von Santorin mit Wanderungen auf ruhigeren Nachbarinseln der Kykladen zu verbinden, etwa Naxos, Sifnos, Milos, Andros oder Tinos. „Unterwegs treffen Sie Einheimische, lernen etwas über endemische Pflanzen und traditionelle Landwirtschaft, übernachten in familiengeführten Gästehäusern und essen in Tavernen, die mit lokalen Produkten kochen oder frischen Fisch servieren. Das Erlebnis ist intensiv und nicht gehetzt.“
Sie empfiehlt den Santorin-Caldera-Trail von Fira nach Oia – „einer der großen Küstenwege der Welt“ – mit ununterbrochenem Blick auf das Meer. Einer ihrer Lieblingswege ist jedoch der Aufstieg auf den Berg Zas auf Naxos, die höchste Erhebung der Kykladen.
„Er verbindet Mythologie, dramatische Berglandschaften und weite Ausblicke über die Ägäis“, sagt sie. „Der griechischen Mythologie zufolge hat Zeus einen Teil seiner Kindheit hier verbracht.“
Sie fügt hinzu: „Wanderurlaube machen deutlich, dass berühmte Inseln wie Santorin nur ein Kapitel einer viel größeren Geschichte sind.“
Wann hinreisen: Antonatou empfiehlt die Zeit von Ende März bis Anfang Juni oder von September bis November. „Im Frühling blühen die Wildblumen, die Landschaft ist saftig grün, im Herbst ist das Meer warm genug, um nach den Wanderungen zu schwimmen“, sagt sie. Ihr Unternehmen No Footprint organisiert über Responsible Travel (Quelle auf Englisch) eine einwöchige individuelle Wanderreise auf Santorin und Naxos ab 550 £ (642 €) pro Person, exklusive Flüge.
Algarve, Portugal
Für Ricardo Estêvão, Manager des portugiesischen Wanderreise-Spezialisten Vincentina Travel, zeigt ein Wanderurlaub in der Algarve eine ganz andere Seite der Region als die Resorts und stark befahrenen Straßen, mit denen sie häufig verbunden wird.
„Die Südwestküste der Algarve, besonders entlang des Fishermen's Trail, ist noch immer eine der letzten wirklich wilden Küsten Europas“, sagt er. Dieser 78 Kilometer lange Abschnitt von Porto Covo nach Odeceixe ist Teil der Rota Vicentina, eines 450 Kilometer langen Wegenetzes, das die Algarve durchzieht und an einigen der spektakulärsten, zugleich ruhigen Strände Portugals vorbeiführt.
Estêvão liebt die Sonnenuntergänge am Cabo Sardão – einem der wenigen Orte der Welt, an denen Weißstörche auf Meeresklippen brüten. Doch einige der eindrücklichsten Momente auf dem Weg haben mit den Ausblicken gar nichts zu tun.
„Viele Reisende erzählen uns, dass ihre schönsten Erinnerungen unerwartete Begegnungen sind: Gespräche mit Fischern, die in Porto Covo ihre Netze reparieren, Treffen mit Cafébesitzern, die seit Generationen Wandernde willkommen heißen, oder frisch gegrillter Fisch in einem Familienrestaurant mit Blick auf den Atlantik.“
Er sagt: „Wanderwege brauchen ständige Pflege, Schutz und Besucherbildung. Wer offizielle Trail-Organisationen wie die Rota Vicentina und lokale Betriebe unterstützt, trägt dazu bei, diese einzigartigen Landschaften für kommende Generationen zu bewahren.“
Wann hinreisen: Estêvão empfiehlt März bis Juni oder September bis November. Im Hochsommer bietet er keine Wanderreisen an. „Wenn sich die Gäste nicht in der Hauptsommerzeit konzentrieren“, erklärt er, „ist das Erlebnis für Reisende und für die Menschen vor Ort deutlich besser.“ Eine Woche individuelle Wanderungen mit Vincentina Travel (Quelle auf Englisch) auf dem Fishermen’s Trail kostet ab 420 £ (490 €) pro Person, exklusive Flüge.
Dalmatinische Küste, Kroatien
Fahren Sie auf die Halbinsel Pelješac, wo Sie durch die mittelalterliche Stadt Ston und ihre umliegenden Weinberge wandern können. Von hier aus erreichen Sie auch die Insel Mljet, einen Nationalpark, der per Fähre zugänglich ist.
Die Wanderwege reichen von flachen Runden um die Salzwasser-Seen Veliko Jezero und Malo Jezero, die durch schattige Pinienwälder zu wunderschönen Badestellen führen, bis zu einem mittelschweren Aufstieg auf den Gipfel Montukuc mit weitem Blick über die Adria.
In Dubrovnik entkommen Sie den Kreuzfahrtmassen mit einem Aufstieg auf den Berg Srđ. Pfade beginnen östlich der Altstadt von Dubrovnik und führen bergauf zu spektakulären Ausblicken über die Stadt.
Wann hinreisen: Ideal ist die Zeit von September bis Oktober, wenn im Konavle-Tal und auf der Halbinsel Pelješac die Weinlese beginnt. Wer die Stadtmauern von Dubrovnik erwandern möchte, sollte dies vor neun Uhr morgens oder nach vier Uhr nachmittags tun, um den Kreuzfahrtgruppen auszuweichen. Eine siebentägige individuelle Wanderreise mit Responsible Travel (Quelle auf Englisch), die Dubrovnik, die Insel Mljet und die Halbinsel Pelješac verbindet, kostet ab 844 £ (985 €) pro Person, exklusive Flüge.
Sarah Faith ist Senior-Autorin für Wertefragen beim Wanderreise-Spezialisten Responsible Travel