Carney drängt laut Medien auf eine „assoziierte“ EU-Mitgliedschaft. Die Beziehungen zwischen Ottawa und Washington erreichen einen neuen Tiefpunkt. Nächste Woche spricht er im Europaparlament.
Kanadas Premierminister Mark Carney prüft engere Beziehungen zur Europäischen Union. Nach einem Bericht des Wall Street Journal vom Sonntag erwägt er sogar einen Status als „assoziiertes Mitglied“ des Blocks.
Eine solche Kategorie gibt es bislang nicht. Laut Zeitung denken EU-Vertreterinnen und -Vertreter sowie kanadische Regierungsstellen jedoch über besondere Formen der Anbindung nach. Die Europäische Kommission hat eine Anfrage nach einer Stellungnahme bislang nicht beantwortet.
Der Bericht erscheint kurz vor einer Rede Carneys vor dem Europäischen Parlament in Straßburg am Donnerstag. Dort will er seine Vorstellung für die künftigen Beziehungen zwischen Kanada und der EU in einem angespannten geopolitischen Umfeld darlegen.
Ottawa steckt in einem historischen Handelskonflikt mit den Vereinigten Staaten. Hohe Zölle belasten den Austausch, ein Ende der Eskalation ist nicht in Sicht.
Die EU und Kanada wollen ihren Handel mit Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräften ausbauen. Im Fokus stehen laut Bericht Energie, künstliche Intelligenz, Verteidigung und kritische Rohstoffe.
Beide Seiten sprechen demnach auch über große gemeinsame Projekte, etwa Unterseekabel, Datenzentren, Cloud-Infrastruktur und Satellitennetze. Kanada möchte außerdem seine Energieexporte nach Europa deutlich erhöhen, schreibt das Wall Street Journal.
Dennoch dürfte es schwer werden, irgendeine Form eines „assoziierten Mitglieds“ zu vereinbaren. Die EU hat strenge Aufnahmebedingungen und ändert ihre bestehenden Regelwerke nur in langen, komplexen Verfahren.
Die Erfahrung mit der Präsidentschaft von Donald Trump, geprägt von Zöllen und Drohungen auf beiden Seiten des Atlantiks, könnte die Union jedoch zu mehr Flexibilität bewegen.
Deutschlands Kanzler Friedrich Merz hat zu Jahresbeginn sein eigenes Modell eines „assoziierten Mitglieds“ skizziert. Es war ursprünglich für die Ukraine gedacht, könnte aber auch auf Kanada passen. Die Idee zielt darauf, die Bindung an die EU zu vertiefen, ohne eine Vollmitgliedschaft zu verlangen.
Macron und Carney: Gemeinsamer Besuch in Saint-Pierre-et-Miquelon
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Kanadas Premierminister Mark Carney reisen in der kommenden Woche in das französische Überseegebiet Saint-Pierre-et-Miquelon, rund 20 Kilometer vor der Atlantikküste Kanadas. Paris spricht von einem gemeinsamen Zeichen für die engen Beziehungen beider Länder inmitten der Spannungen mit US-Präsident Donald Trump.
Trump hatte am Montag auf seiner Plattform Truth Social eine Karte Nordamerikas veröffentlicht. Darauf war die US-Flagge über mehreren französischen Überseegebieten zu sehen, darunter Saint-Pierre-et-Miquelon, Guadeloupe und Martinique. Die Karte zeigte außerdem Island, Grönland, Mexiko, Kanada sowie große Teile Mittelamerikas und der Karibik.
Der Besuch soll die gemeinsamen Werte Frankreichs und Kanadas hervorheben, darunter „Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Achtung der Souveränität der Staaten“, wie der Élysée mitteilte.
„In einer Welt, die von der Rückkehr der Machtpolitik, von geopolitischen Spannungen und neuen Abhängigkeiten geprägt ist, verfolgen Frankreich und Kanada eine gemeinsame Ambition“, heißt es weiter. Beide Länder wollen ihre Fähigkeit stärken, eigenständig zu handeln.
Es ist der erste Besuch eines kanadischen Regierungschefs auf dem Archipel, erklärte die Präsidentschaft. Zuletzt war im Jahr 2014 François Hollande als französischer Präsident dort.