„Wir verschwenden Energie, für die wir bereits bezahlt haben.“
Das Auffangen und Nutzen von Abwärme könnte zum nächsten „Durchbruch“ für Europas Energieversorgung und Wettbewerbsfähigkeit werden – und die Abhängigkeit von Gas deutlich verringern.
Ein neuer Bericht des dänischen Technologiekonzerns Danfoss zeigt: Im Jahr 2024 ging weltweit rund zwei Drittel der globalen Energie als Wärme verloren. Mit weiter wachsendem Energiebedarf soll dieser Anteil bis 2030 auf 55 Prozent steigen.
Fachleute sprechen deshalb inzwischen von Abwärme aus Supermärkten, Fabriken, Kläranlagen und Rechenzentren als der „größten unerschlossenen“ Energiequelle der Welt. Doch Regierungen kommen bei der Nutzung dieses Potenzials kaum voran.
Wie viel Wärme Europa vergeudet – und wie sie sich nutzen lässt
Abwärme ist überschüssige Wärme, die bei alltäglichen Prozessen entsteht, etwa wenn ein Supermarkt seine Kühlanlagen betreibt. Statt sie in die Umgebungsluft entweichen zu lassen und damit Hitzeinseln in Städten zu verstärken, kann diese Wärme eingefangen werden.
Meist übernehmen das Wärmepumpen. Sie „heben“ die Temperatur an und leiten die Wärme zurück in dasselbe Gebäude oder in ein nahegelegenes Fernwärmenetz, das Wohnungen und Büros mit Heizung und Warmwasser versorgt.
Ein Aluminiumhersteller in Dänemark hat so seinen Gasverbrauch am Standort vollständig eingestellt. Die Anlage spart so viel Gas ein, wie jährlich für Heizung und Warmwasser in 132 dänischen Haushalten benötigt wird.
Die Analyse (Quelle auf Englisch) kommt zu dem Schluss: Wenn Europa seine Abwärme konsequent nutzt, könnte es pro Jahr beeindruckende 140 Milliarden Euro einsparen. Grundlage sind rund 3.100 TWh Wärme, die 2023 ungenutzt blieben. Allein diese Abwärme würde ausreichen, um die gesamte Stadt Paris 48 Jahre lang mit Energie zu versorgen.
In Deutschland könnten bestehende Quellen industrieller Abwärme mehr als 30 Prozent des Fernwärmebedarfs decken. Rechenzentren sind dabei noch nicht eingerechnet. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass ihr Beitrag den Anteil deutlich erhöhen könnte – in Deutschland stehen bereits mehr als 3.000 Server.
Europa kann sich Verschwendung von Wärme nicht leisten
„Wir werfen Energie weg, für die wir bereits bezahlt haben“, sagt Kirstian Strand, Präsident von Danfoss Climate Solutions.
„Abwärme gehört zu den größten unerschlossenen Energiequellen der Welt, und ihre Nutzung ist einer der schnellsten Wege, Europas Wettbewerbsfähigkeit, Energieversorgung und Krisenfestigkeit zu stärken. Wir können es uns nicht leisten, diese Energie weiter zu verschwenden.“
Strand fordert, dass die Industrie Wärmerückgewinnung zur „Standardpraxis“ macht. Energieversorger müssten zudem Anschlüsse an Wärmenetze erleichtern. Und Regierungen sollten Hürden abbauen, die Strom für solche Investitionen teurer machen als Gas.
„Wenn diese Bausteine zusammenkommen, ist Abwärme keine Verschwendung mehr“, sagt er. „Sie wird zu einer Quelle günstiger Energie, größerer Widerstandsfähigkeit und stärkerer Wettbewerbsfähigkeit.“