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Made in Bavaria: Wie Startups aus München Europas Raumfahrt vorantreiben

Der SIGI- Satellit startete am 14. Januar 2025 mit dem SpaceX Transporter-12 und sammelt Daten im Orbit.
Der SIGI- Satellit startete am 14. Januar 2025 mit dem SpaceX Transporter-12 und sammelt Daten im Orbit. -  Copyright  REFLEX aerospace GmbH
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Von Maja Kunert
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"Das Epizentrum der Weltraumfahrt", nennt ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher das Bundesland Bayern. Zwei Unternehmen aus dem Raum München sind dafür ein Beispiel. Mit eigenen Satelliten und einer Raumkapsel tragen sie dazu bei, dass Europa im All unabhängiger wird.

Europa will im All schon länger nicht nur Zaungast sein, sondern eigene Kapazitäten bei Raketen, Satelliten und Raumtransport aufbauen. Einen großen Teil dieser Arbeit leistet Bayern: Die Luft- und Raumfahrtbranche im Freistaat kommt nach Angaben des bayerischen Wirtschaftsministeriums auf rund 12 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigt etwa 38.000 Menschen. Das Bundesland gilt damit als einer der führenden Raumfahrtstandorte Deutschlands und Europas.

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Zwei Unternehmen aus dem Raum München zeigen dabei besonders deutlich, wie unterschiedlich der Weg ins All aussehen kann. "Reflex Aerospace" baut Satelliten so schnell wie kein anderer europäischer Hersteller. "The Exploration Company" wiederum will mit einer wiederverwendbaren Kapsel Europas Unabhängigkeit im All sichern.

Ein Satellit in zwölf Monaten

Jeder Satellit besteht laut Reflex Aerospace-Gründer und Geschäftsführer Walter Ballheimer aus zwei Teilen: der Nutzlast, etwa einer Kamera oder Antenne, und der Satellitenplattform, dem "Lebenserhaltungssystem" für die Nutzlast, das diese ausrichtet, sie kühlt, mit Strom versorgt und Daten zur Erde funkt.

"Wir konzentrieren uns auf diesen Teil, also auf die Plattform", sagt Ballheimer im Euronews-Gespräch. Die Nutzlast bringt meist der Kunde mit, Reflex Aerospace baut sie ein und liefert am Ende den kompletten, flugfertigen Satelliten aus.

Reflex Aerospace brachte SIGI, seinen ersten Satelliten, im Januar 2025 ins All. Er ist bis heute aktiv.
Reflex Aerospace brachte SIGI, seinen ersten Satelliten, im Januar 2025 ins All. Er ist bis heute aktiv. ©2026 Reflex Aerospace GmbH

Das 2021 gegründete Unternehmen wirbt dabei mit einem Tempo, das in der Branche ungewöhnlich ist: "Bei anderen Unternehmen in dieser Leistungsklasse dauert das dann auch mal vier oder fünf Jahre", so Ballheimer. Bei Reflex Aerospace sind es rund zwölf Monate für den ersten Satelliten einer Serie.

Möglich macht das ein Kniff aus der IT-Welt: "Der größte Hebel ist, dass unsere Satelliten softwaredefiniert sind." Statt für jede Mission neue Hardware zu entwickeln, passt das Startup vor allem die Software an.

Der erste Satellit, SIGI, ist seit Januar 2025 im Orbit und liefert laut Ballheimer bis heute täglich Daten. MIRI, eine Erdbeobachtungsmission mit Kamerasystem für den Kunden Marble Imaging, soll im Februar 2027 starten.

Warum Ottobrunn und nicht nur Berlin

Auch wenn Reflex Aerospace öffentlich oft als Berliner Firma wahrgenommen wird, hängt das eigentliche Herzstück der Produktion an Bayern. In Ottobrunn, auf dem Gelände des Testunternehmens IABG (Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH), montiert das Unternehmen seine Satelliten.

Der Grund liegt für Ballheimer auf der Hand: "Man findet sehr viel Talent vor allem für diese Tätigkeiten, der Montage, Integration und das Testen. Bayern hat die Automobilindustrie, Bayern hat ganz viel anderes, wo solche Fachkräfte benötigt werden. Berlin hat einfach wenige verwandten Industrien."

Sein Fazit fällt daher eindeutig aus: Bayern verstünde die Bedeutung von Raumfahrt einfach besser als andere Bundesländer.

Reflex Aerospace betreibt in München eine eigene "MicroFactory" für die schnelle Montage und Erprobung von Hochleistungs-Kleinsatelliten.
Reflex Aerospace betreibt in München eine eigene "MicroFactory" für die schnelle Montage und Erprobung von Hochleistungs-Kleinsatelliten. ©2026 Reflex Aerospace GmbH

Zivile Bilder, militärische Aufklärung

Ein Satellit, der ein Feld beobachtet, und einer, der eine Truppenbewegung erkennt, arbeiten laut Ballheimer technisch fast identisch. Genau an dieser Stelle habe sich die Nachfrage verschoben. Der Unternehmensgründer spricht offen darüber, dass ein Großteil des aktuellen Auftragsbestands inzwischen aus dem Verteidigungsbereich kommt, angetrieben von den gestiegenen Militärbudgets in Europa.

Für ihn ist das vor allem eine Frage des Geldes: Mit den geplanten 35 Milliarden Euro, die Deutschland künftig investieren wolle, erreiche die Branche Größenordnungen, von denen sie seit den 1990er-Jahren nicht einmal habe träumen können. Von diesem Geld werde am Ende auch die zivile Industrie profitieren, etwa beim autonomem Fahren - davon ist Ballheimer überzeugt.

Gleichzeitig betont er, sein Startup wolle kein reines Rüstungsunternehmen werden: Firmen, die sich komplett vom zivilen Geschäft verabschieden, hätten es später schwer, wieder im zivilen Markt Fuß zu fassen.

Der Reflex-Aerospace-Gründer Walter Ballheimer will Satelliten so selbstverständlich bauen wie andere Autos vom Band laufen lassen.
Der Reflex-Aerospace-Gründer Walter Ballheimer will Satelliten so selbstverständlich bauen wie andere Autos vom Band laufen lassen. ©2026 Reflex Aerospace GmbH

Dieser doppelte Nutzen ist längst auch politisches Programm. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger erklärte im März diesen Jahres: "New Space und Dual Use sind wichtige Faktoren, denn in den nächsten Jahren werden Revolutionen in der kommerziellen, aber auch in der sicherheitspolitischen Nutzung passieren. Bayern hat die Karten in der Hand, die wir nun ausspielen müssen."

Mit "New Space" ist in der Branche die Kommerzialisierung und der Wandel der Raumfahrt hin zu privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen und innovativen Geschäftsmodellen gemeint.

Was die Raumfahrt Bayern wirtschaftlich bringt

Ein wichtiger Hebel hinter den bayerischen Erfolgszahlen ist der sogenannte Georeturn: Wer als Staat Geld in die ESA einzahlt, bekommt einen entsprechenden Anteil der Aufträge an die eigene Industrie zurück.

Deutschland ist mit rund 21 Prozent der größte einzelne ESA-Beitragszahler, und von den deutschen Aufträgen ging zwischen 2015 und 2024 knapp 40 Prozent nach Bayern.

Bundesweit zeigt sich derselbe Trend, nur noch deutlicher: Die gesamte deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie kam laut Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie e.V. (BDLI) 2025 auf 62 Milliarden Euro Umsatz, ein Plus von 19 Prozent zum Vorjahr, bei 130.000 Beschäftigten.

Allein der Raumfahrtanteil daran wuchs um 17 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro. "Technologische Souveränität bestimmt unsere wirtschaftliche und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit", kommentierte BDLI-Präsident Michael Schöllhorn die Zahlen.

Nicht nur Bayern prägt Europas Raumfahrtambitionen

Auch andere Regionen wollen von diesem Wachstum profitieren. Darmstadt zählt dank des europäischen Raumfahrtkontrollzentrums (kurz ESOC für European Space Operations Centre) und des Centrums für Satellitennavigation Hessen zu den wichtigsten deutschen Anlaufstellen für Raumfahrt-Start-ups, mit einer in diesem Jahr ausgerufenen hessischen Start-up-Strategie, die Luft- und Raumfahrt als eines von drei strategischen Clustern benennt.

Wie praktisch das wirkt, zeigt das Beispiel SuperVision Earth: Das Darmstädter Start-up nutzt europäische Satellitendaten, um etwa Pipelines automatisiert auf Schäden zu überwachen, und wurde einst mit 50.000 Euro von Land und ESA gefördert. "In Hessen haben wir schon 150 solcher Start-ups auf den Weg gebracht und von denen sind zehn Prozent sehr erfolgreich", sagte Andreas Kanstein vom Centrum für Satellitennavigation Hessen der Tagesschau.

Die Erdfunkstelle Usingen ist eine Bodenstation zur Kommunikation mit Satelliten und wird von MBS betrieben.
Die Erdfunkstelle Usingen ist eine Bodenstation zur Kommunikation mit Satelliten und wird von MBS betrieben. © MBS GmbH

Auch abseits der Start-up-Szene bündeln sich in Hessen gerade Kräfte: Der Raumfahrtdienstleister Media Broadcast Satellite (MBS) aus dem hessischen Usingen hat sich mit 20 Prozent am Münchner Antennenspezialisten High Performance Space Structure Systems (HPS) beteiligt, nach einem ähnlichen Einstieg beim Berliner Satellitenbauer Berlin Space Technologies im Mai 2026 bereits der zweite Schritt dieser Art.

Ziel sei es, wie es in der Mitteilung heißt, "souveräne Weltraumfähigkeiten aus dem deutschen Mittelstand heraus" aufzubauen, für kommerzielle wie für behördliche und militärische Kunden. Bayern mag der größte deutsche Raumfahrtstandort sein, aber auch in anderen Bundesländern passiert derzeit viel.

Eine Raumkapsel für Europas Unabhängigkeit

Während Reflex Aerospace auf kleine, schnelle Satelliten setzt, verfolgt The Exploration Company ein größeres Projekt: eine wiederverwendbare Kapsel namens Nyx, die Fracht zur Internationalen Raumstation bringen und zurückholen soll.

Das 2021 von Hélène Huby gegründete Unternehmen hat seinen Hauptsitz in München und sammelte im September 2026 mit 450 Millionen US-Dollar die bislang größte Finanzierungsrunde ein, die je ein europäisches Raumfahrtunternehmen erhielt. Wenige Tage später unterschrieb die ESA einen Vertrag über 760 Millionen Euro für die Nyx-Kapsel im Rahmen des Programms ALADDIN, dem größten Kapseltransport-Auftrag, den die Agentur je an ein europäisches Unternehmen vergeben hat.

Nyx, die wiederverwendbare Raumkapsel von The Exploration Company, soll künftig Fracht zur Internationalen Raumstation bringen und wieder zur Erde zurückholen.
Nyx, die wiederverwendbare Raumkapsel von The Exploration Company, soll künftig Fracht zur Internationalen Raumstation bringen und wieder zur Erde zurückholen. © 2024 The Exploration Company GmbH

ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher beschrieb die Vereinbarung als Beispiel dafür, "wie die ESA als Ankerkunde agieren kann, um den kommerziellen Raumfahrtsektor Europas zu stärken." 40 Prozent der ersten Demonstrationsmission trägt The Exploration Company selbst, die übrigen 60 Prozent die ESA.

Für Gründerin Huby ist das historisch: Es sei das erste Mal in Europa, dass ein fünf Jahre altes Weltraum-Start-up einen offenen Wettbewerb um einen Auftrag im Wert von mehreren hundert Millionen Euro gewinnt.

Auf schriftliche Anfrage von Euronews erklärte Victor Maier, bei The Exploration Company zuständig für die Beziehungen zur deutschen und britischen Politik: "Beide Meilensteine geben uns die Grundlage, unsere Entwicklung mit Planungssicherheit und deutlich größerer Geschwindigkeit voranzutreiben. Nyx bleibt dabei unsere unmittelbare Priorität: Wir arbeiten auf die erste vollständige orbitale Demonstrationsmission hin, bei der Nyx an der Internationalen Raumstation andocken wird und anschließend zur Erde zurückkehren soll."

Auch für dieses Unternehmen spielt Bayern eine Schlüsselrolle: In Oberpfaffenhofen wird die Kapsel als komplettes System zusammengebaut und getestet, an einem Ort, der laut Maier "hoch spezialisierte Raumfahrtentwicklung mit den industriellen und ingenieurtechnischen Stärken" Bayerns verbindet.

© 2024 The Exploration Company GmbH
© 2024 The Exploration Company GmbH Handarbeit fürs All: Techniker montieren die Nyx-Kapsel im Münchner Werk von The Exploration Company.

Was Bayern der ESA und Europa bringt

Der Nutzen ist keine Einbahnstraße. ESA-Chef Josef Aschbacher erklärte im vergangenen Jahr: "Bayern ist wirklich das Epizentrum der Weltraumfahrt, zumindest in Deutschland, wenn nicht gar in Europa."

Das beschreibt eine strategische Notwendigkeit, denn Europa ist gegenüber privaten Anbietern wie SpaceX und staatlichen Akteuren wie China inzwischen ins Hintertreffen geraten. Das Problem sei laut Aschbacher: Europas Anteil am weltweiten Raumfahrtmarkt liege bei rund 10 Prozent, sein Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung dagegen bei etwa 20 Prozent.

Auch Ballheimer von Reflex Aerospace arbeitet nach eigenen Worten von Anfang an mit der ESA zusammen, die Agentur sei in mehrere seiner Projekte involviert. Ganz reibungslos verläuft diese Partnerschaft aber nicht immer: Bei kommerziellen Vorhaben empfindet er die Zusammenarbeit oft als zäh, weil die Agentur eher auf große, langfristig geplante Programme ausgerichtet sei, während sein Unternehmen in deutlich kürzeren Zyklen denke und arbeite.

Die Partnerschaft lohne sich am Ende trotzdem, etwa bei einem gemeinsamen Projekt mit dem Berliner Unternehmen LiveEO: Wenn die ESA am Ende zufrieden sei und das öffentlich mache, sei das ein "Gütesiegel" für die eigene Arbeit.

Ob Tempo oder Geduld am Ende den Unterschied macht, werden Reflex Aerospace und The Exploration Company in den kommenden Jahren zeigen, aus Bayern heraus, für ganz Europa.

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