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Deutschland bricht Weltrekord: Windrad erreicht 365 Meter Höhe

Das höchste Windrad der Welt entsteht gerade in Brandenburg, Deutschland.
Das höchste Windrad der Welt entsteht gerade in Brandenburg, Deutschland. -  Copyright  SPRIND GmbH/ Tillmann Franzen
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Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am •Zuletzt aktualisiert
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Die Anlage soll zeigen, wie neue Technik Europas Windkraft effizienter machen und die Energieversorgung unabhängiger aufstellen könnte.

Nach rund zwei Jahren Bauzeit ist es so weit: Im brandenburgischen Schipkau hat das nach Angaben des Dresdner Unternehmens GICON höchste Windrad der Welt seine endgültige Höhe erreicht. Die Anlage ist damit nahezu fertiggestellt. Mit 365 Metern von der Fundamentplatte bis zur Rotorspitze ist das Windrad nur drei Meter niedriger als der Berliner Fernsehturm und zählt damit zu den höchsten Bauwerken Deutschlands.

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GICON setzt mit der sogenannten Höhenwindenergieanlage auf die Nutzung stärkerer und gleichmäßigerer Winde in großen Höhen. Damit soll die Anlage einen Beitrag zu einer unabhängigeren Energieversorgung leisten.

Ob das gelingt, könnte sich schon bald zeigen: Die Inbetriebnahme ist bereits für November geplant.

Ein Stahlturm mit Rekordmaßen

Die Zahlen, die der Dresdner Ingenieurdienstleister GICON nennt, sind beachtlich: ein prognostizierter Jahresstromertrag von 30 bis 33 Gigawattstunden und Stromgestehungskosten von weniger als fünf Cent pro Kilowattstunde. Nach Unternehmensangaben ließen sich damit rund 7.500 Vier-Personen-Haushalte versorgen. Im Vergleich zu herkömmlichen Anlagen verspricht GICON in einer Pressemitteilung vom 3. März eine Leistungssteigerung von bis zu 220 Prozent gegenüber Nachbaranlagen im Windpark Schipkau.

Der Hintergrund ist physikalisch naheliegend: Je höher ein Windrad steht, desto stärker und gleichmäßiger weht in der Regel der Wind. GICON, das nach eigenen Angaben seit 2010 an der Technologie arbeitet, wollte diese Annahme wissenschaftlich absichern. Im Auftrag der beventum GmbH, einer Tochter der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND), errichtete das Unternehmen deshalb im benachbarten Klettwitz einen Windmessmast. Dabei zeigte sich, dass der Wind in 300 Metern Höhe tatsächlich stetiger und stärker weht als in den bislang üblichen Höhen.

Ende 2025 wurde der Bau durch ein Qualitätsproblem gebremst. Bei Stahlelementen eines Subunternehmens wurden Abweichungen festgestellt, woraufhin die Arbeiten gestoppt wurden. Mitte Februar 2026 begannen die Vorbereitungen für die Wiederaufnahme, seit dem 2. März läuft der Baubetrieb wieder. "Sicherheit und Qualität haben bei diesem weltweit einmaligen Projekt absolute Priorität", so GICON-CEO und Firmengründer Prof. Jochen Großmann in einer Pressemitteilung.

Von der Kohle zur Windenergie

Schipkau liegt in der Lausitz, einer Region, die über Jahrzehnte von der Kohle geprägt war und heute als Beispiel für den Strukturwandel gilt. Dass ausgerechnet hier das erste Höhenwindrad dieser Art entstanden ist, ist daher kein Zufall: Die Region bietet Fläche, Infrastruktur und politische Unterstützung für neue Energieprojekte.

Langfristig soll der Standort zu einem Hybridkraftwerk ausgebaut werden: mit zwei Ebenen Windkraft und einem Solarpark am Boden. Nach Angaben des Unternehmens soll diese Dreifachnutzung einer Fläche den Energieertrag im Vergleich zu einer reinen Solarnutzung verfünffachen. Durch die Kombination verschiedener Energiequellen soll zudem über das Jahr hinweg eine gleichmäßigere Stromerzeugung möglich werden.

Im Sommer soll das weltgrößte Windrad erstmals Strom erzeugen.
Im Sommer soll das weltgrößte Windrad erstmals Strom erzeugen. SPRIND GmbH/ Tillmann Franzen

Kritik: Wenn der Wind zu stark wird

Das Projekt verweist jedoch auch auf ein strukturelles Problem der Energiewende. Das Stichwort lautet Redispatch – und dahinter verbirgt sich ein teures Paradox: Wenn in windreichen Regionen Nordostdeutschlands mehr Strom ins Netz fließt, als die Leitungen in den verbrauchsstarken Süden abtransportieren können, müssen Windräder zwangsweise gedrosselt oder abgeschaltet werden. Gleichzeitig springen andernorts andere Kraftwerke ein, um die Lücke zu füllen. Kurz gesagt: Sauberer Strom wird weggeworfen, damit das Netz stabil bleibt – und die Kosten dafür zahlen die Verbraucher über die Netzentgelte.

Allein 2023 gingen dadurch laut einer Analyse des Tagesspiegels rund 9,3 Terawattstunden Windstrom verloren. Die Kosten für das Engpassmanagement lagen demnach bei knapp drei Milliarden Euro und werden über die Netzentgelte von den Verbrauchern getragen.

GICON und Auftraggeber SPRIND argumentieren, dass Höhenwindtürme dieses Dilemma langfristig mildern könnten: Weil Höhenwind gleichmäßiger wehe und Anlagen auch dort wirtschaftlich betrieben werden könnten, wo Bodenwinde zu schwach seien, ließe sich der Ausbau dezentraler gestalten.

Europa setzt auf Windkraft

Der europäische Kontext, in dem das Projekt entsteht, ist klar: Ende 2025 waren in Europa insgesamt rund 304 Gigawatt Windkraft onshore und offshore installiert, wie der Bundesverband WindEnergie auf Basis von Branchendaten angibt. Deutschland lag mit rund 77,7 Gigawatt installierter Leistung vor Großbritannien mit 31,6 Gigawatt und Spanien mit 31,2 Gigawatt. Mit 5.735 Megawatt neu installierter Kapazität baute Deutschland 2025 zudem mehr zu als jedes andere europäische Land.

Gleichzeitig gelten große Teile Europas, von Ostpolen bis zur Iberischen Halbinsel, wegen vergleichsweise schwacher Bodenwinde als schwierig für den Ausbau der Windkraft. Höhenwindtürme könnten solche Regionen künftig wirtschaftlich erschließen. SPRIND betont: "Europa braucht eine starke Position im Windradbau, um die eigene Energieerzeugung zu gewährleisten."

Das Höhenwindrad in Schipkau soll starke Höhenwinde für die Energieerzeugung nutzbar machen
Das Höhenwindrad in Schipkau soll starke Höhenwinde für die Energieerzeugung nutzbar machen SPRIND GmbH

Politischer Rückenwind aus Berlin

Auch politisch erhält das Projekt Unterstützung. Bundesumweltminister Carsten Schneider stellte am 26. März 2026 im Bundestag das Klimaschutzprogramm 2026 vor: 67 Maßnahmen, mit denen bis 2030 zusätzlich mehr als 25 Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden sollen. In den anstehenden Ausschreibungen sollen laut Schneider rund 2.000 Windräder mehr als bislang geplant vergeben werden. Zusätzlich werden zwölf Gigawatt Windkraftkapazität ausgeschrieben, die bis 2030 ans Netz gehen sollen. "Das wird uns helfen, uns unabhängig zu machen von Öl und Gas aus anderen Regionen der Welt", so Schneider.

Ob der GICON-Höhenwindturm tatsächlich als Vorbild für europäische Projekte taugt, wird sich zeigen, sobald das Windrad ans Netz geht. In einer Zeit, in der Europa seine Abhängigkeit von importierten Energieträgern schmerzlich spürt und Energiesouveränität längst auch eine geopolitische Frage ist, steht das Projekt für mehr als einen Rekord: Es zeigt, ob aus einer innovativen Idee am Ende eine tragfähige industrielle Lösung werden kann.

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