Nach drei Tagen Schweigen reagiert die Präsidentschaftskandidatin des "Rassemblement National" auf neue von Mediapart veröffentlichte "Beweise“ für antisemitische Äußerungen des Parteichefs.
Auf ihre Reaktion hatten viele gewartet. Marine Le Pen hat nun ihr Schweigen gebrochen und Jordan Bardella öffentlich erneut den Rücken gestärkt. Er ist in schwere Turbulenzen geraten, seit neue Enthüllungen über ihm zugeschriebene antisemitische und verschwörungsideologische Nachrichten bekannt wurden.
Drei Tage nach Veröffentlichung dieser zweiten Enthüllungswelle durch das Investigativportal Mediapart erklärt die Präsidentschaftskandidatin in der Zeitung La Tribune Dimanche, sie habe in ihn "vollstes Vertrauen“. Bardella gilt als ihr designierter Premierminister, falls sie die Präsidentschaftswahl 2027 gewinnt.
Le Pen hatte Bardella bereits zuvor verteidigt und die Vorwürfe nach der ersten Veröffentlichung durch Mediapart am Montag zurückgewiesen. "Damit werden Sie niemanden überzeugen“, entgegnete sie und brach ein kurzes Gespräch mit Journalistinnen und Journalisten bei einem Rundgang auf einer Fachmesse rasch ab. "Es ist nicht so, dass das kein Thema wäre (...), aber das ist doch irre“, sagte sie zum Schluss.
Mediapart zufolge, das nach eigenen Angaben die Rechtschreib- und Grammatikfehler der Originalnachrichten beibehalten hat, soll Bardella im Alter von damals siebzehn oder achtzehn Jahren in einem Chat über die angebliche Absicht "des Juden“ hergezogen sein, andere Völker "zu beherrschen“, sie "zu zermalmen“ und "auszurauben“. Er habe zudem geschrieben, "ein Zionist ist zwangsläufig Jude, und zwar in der Tiefe“. Außerdem soll er mehrere Minister des Mandats von François Hollande als "Menschen, für die Israel und Bankinteressen über den Interessen Frankreichs stehen“, bezeichnet haben.
Der Artikel hebt zudem den Einfluss des rechtsextremen Ideologen Alain Soral hervor, der wegen Aufstachelung zum Rassenhass, antisemitischer Beleidigungen, Homophobie und Holocaustleugnung mehrfach verurteilt wurde und Bardellas politisches Weltbild geprägt haben soll.
Bardella selbst bezeichnet die Zitate als "plumpe Fälschungen“ und spricht von „den Anfängen eines totalen Krieges“, der seine Präsidentschaftskampagne für den RN zum Entgleisen bringen solle. Die Gegenoffensive läuft auch vor Gericht: Seine Anwälte kündigten zwei Klagen an, eine wegen Verleumdung und eine wegen Urkundenfälschung und der Nutzung gefälschter Dokumente.
Der zweite Mediapart-Text versteht sich als Antwort auf das, was die Redaktion als "heftigen Angriff“ auf ihre Arbeit beschreibt. "Jordan Bardella hat zu Beginn seiner politischen Laufbahn nicht nur antisemitische Texte verfasst. Er hat auch ganz Frankreich belogen, indem er sich nicht zu der Urheberschaft seiner eigenen Texte bekannt hat“, schreibt das Online-Medium. Zur Untermauerung veröffentlicht Mediapart Bildschirmfotos, die angeblich aus dem Umfeld Bardellas stammen. Das Portal erklärt, Meta habe die aus dem Jahr 2013 stammenden Nachrichten anhand einer Auswertung von Facebook-Archiven authentifiziert.
Affäre um Bardella: Umfragewerte für Le Pen stabil
Nach Recherchen der Zeitung Le Parisien ist Marine Le Pen „nicht unbedingt von der Ehrlichkeit ihres Schützlings überzeugt“. Das Blatt zitiert ein Mitglied ihres Wahlkampfteams mit den Worten: "Für sie ist es ziemlich wahrscheinlich, dass die Chats echt sind. Es sind die Nachrichten eines siebzehnjährigen Jungen, der von Soral vergiftet wurde und heute nicht mehr derselbe ist.“
Diese Darstellung steht im Widerspruch zu dem knappen Kommentar, den Marine Le Pen in La Tribune Dimanche abgegeben hat.
Das Wochenblatt betont zudem unter Berufung auf eine Quelle aus dem Wahlkampfstab, "diese Debatten schmälern die 30 bis 35 Prozent Wahlabsicht für Marine Le Pen in keiner Weise“.
„Wenn unsere Wählerinnen und Wähler aufmerksam verfolgen würden, was die Presse über uns schreibt, lägen wir bei zwei Prozent“, winkt sie ab.
Die Vorwürfe gegen Jordan Bardella kommen zu einem Zeitpunkt, an dem Marine Le Pen in Umfragen mit 31 bis 36 Prozent der Stimmen für den ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahl geführt wird. Sie liegt damit vor dem früheren Premierminister Édouard Philippe und dem Kandidaten der Bewegung La France insoumise, Jean-Luc Mélenchon, die sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um Platz zwei liefern.
Mehrere Medien berichten, dass Marine Le Pen und Jordan Bardella am Dienstag gemeinsam vor die Presse treten wollen. Bei der Pressekonferenz wollen sie einen Gegenentwurf zum Haushaltsplan der RN-Kandidatin vorstellen, nachdem die Regierung am Donnerstag ihren eigenen Budgetentwurf präsentiert hat.
Das Journal du dimanche (JDD) stellt unter Berufung auf einen RN-Abgeordneten die Frage, ob die Affäre dazu führen könnte, dass die Partei die Regierung nicht stürzt, falls diese ihren Haushalt über Artikel 49.3 der Verfassung durchsetzt. Dieses Instrument erlaubt die Verabschiedung eines Gesetzes ohne Abstimmung, es sei denn, ein Misstrauensantrag findet eine Mehrheit.
Ein von Euronews befragter Experte hält den Rückgriff auf dieses Verfassungsinstrument für wahrscheinlich.
"Auch wenn wir davon ausgehen, dass Jordan unschuldig ist an den ihm vorgeworfenen Taten, existiert die Affäre nun einmal, ob man will oder nicht. Man sollte vielleicht nicht noch mehr Unordnung zu der schlechten Presse hinzufügen“, schreibt das JDD.