Es grollt, Gläser klirren, Betten wackeln: Im Südwesten Deutschlands bebt die Erde immer wieder. Die meisten Erschütterungen sind so schwach, dass niemand sie bemerkt. Doch wie gefährlich können stärkere Beben werden?
Immer wieder kommt es vor, dass die Menschen im Schwarzwald im Süden Deutschlands aus dem Schlaf gerüttelt werden. Gläser klirren, es ist ein undefinierbares Grollen zu hören. Betten und andere Möbel wackeln. Zuletzt hat es im Juni 2024 für deutsche Verhältnisse so richtig gebebt.
Zwischen Basel und Freiburg im Breisgau liegt die Kleinstadt Schopfheim. Nur wenige Kilometer unweit der rund 20.000 Einwohner zählenden Stadt lag das Epizentrum des Erdbebens, der Erdbebenherd lag in etwa acht Kilometern Tiefe. Der Erdstoß mit einer Magnitude von 4,2 war ein für Deutschland vergleichsweise deutlich spürbares Beben.
Das Erdbeben vom 27. Juni 2024 bei Schopfheim "zählt bereits zu den mäßig starken Erdbeben, die in Baden-Württemberg in der Regel nur alle paar Jahre vorkommen", erklärt Stefan Stange, Leiter des Landeserdbebendiensts Baden-Württemberg am Regierungspräsidium Freiburg zu Euronews.
Dabei wurden bereits leichte Schäden an Gebäuden und Bauwerken verursacht. Die Herdtiefe ist dabei ein wichtiger Faktor: Je näher der Herd unter der Erdoberfläche liegt, desto stärker ist es zu spüren. Bei dem Beben in Waldkirch sind unter der Erde etwa zwei Quadratkilometer Fläche gebrochen.
Im Jahr 2026 ist es in Baden-Württemberg bereits zu mindestens zwölf Beben mit einer stärkeren Magnitude gekommen. Mit einer Stärke von durchschnittlich 2,5 bekommen Bewohner der Region allerdings nicht immer etwas davon mit. Bei einzelnen Beben gingen beim Landeserdbebendienst dennoch bis zu 300 Meldungen von Menschen ein, die die Erschütterungen wahrgenommen hatten.
Tatsächlich kommt es alle paar Wochen zu kleineren Beben im Südwesten Deutschlands. Die Erdbewegungen sind immer wieder zwischen Main und Bodensee zu spüren. Neben der Magnitude sind es vor allem Herdtiefe, geologische Bedingungen und Bevölkerungsdichte, die die möglichen Auswirkungen eines Erdbebens beeinflussen.
Das letzte Erdbeben mit Magnitude über 5
Deutlich stärker war das Erdbeben, das Südbaden im Dezember 2004 erschütterte. "Ein Erdbeben der Stärke 5,4, so wie 2004 bei Waldkirch, ist also rund 60 mal stärker als eines wie 2024 bei Schopfheim mit 4,2", erklärt Stange Euronews. Die Richterskala wird logarithmisch angegeben, d.h., jeder Schritt bedeutet eine Verzehnfachung des Vorherigen.
Die Erdstöße vom 5. Dezember seien Medienberichten zufolge in einem Umkreis von bis zu 250 Kilometern spürbar gewesen. Auch in der Fachzeitschrift Bautechnik spricht man in einer Analyse von Schütterwirkungen in einem Umkreis von 200 Kilometern.
In der Rettungswache des Deutschen Roten Kreuzes im ehemaligen Krankenhaus von Furtwangen stürzte das Dach eines Flures ein, wie die lokale Badische Zeitung berichtete. Demnach wackelten vielerorts Regale, Wandschmuck, Bücher fielen herunter.
Das Beben hat auch an den Landesgrenzen zu Frankreich und der Schweiz nicht Halt gemacht, auch dort wurden die Menschen an einem frühen Sonntagmorgen aus dem Schlaf gerissen. Vom Potsdamer Geoforschungszentrum (GFZ), das heutige GFZ-Helmholtz-Zentrum für Geoforschung, brach eine "Deutsche Task Force Erdbeben" nach Südbaden auf.
"Glücklicherweise haben wir bisher nur drei beschädigte Häuser, zwei in Denzlingen im Kreis Emmendingen und eines in Unterkirnach im Schwarzwald-Baar-Kreis", sagte damals der Freiburger Polizeiführer vom Dienst, Herwig Studier am Morgen nach dem Beben. Spätere Auswertungen ergaben, dass etwa jedes 20. Gebäude oberflächliche Schäden aufwies.
"Viele Menschen haben auch einige Nachbeben wahrgenommen, zum Teil nur als akustisches Grummeln", sagte Herwig laut eines alten Berichts des Spiegels. "Die Telefone standen nicht still. Allein bei der Polizeidirektion Freiburg gab es 230 Anrufe innerhalb von 15 Minuten." Um 2.52 Uhr bebte die Erde für mehrere Sekunden. "Vielerorts riefen besorgte Bürger:innen bei den Polizeidienststellen an und legten die Notrufleitungen zeitweise lahm", heißt es in einer Mitteilung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. In den darauffolgenden Stunden gab es noch leichtere Nachbeben.
In Waldkirch und angrenzenden Schwarzwaldtälern ist es zu kleineren Schäden an Gebäuden gekommen, beispielsweise Rissen im Mauerwerk. Gebäudeschäden wie bröckelnde Hausfassaden, verrutschte Kaminaufsätze oder herunterfallende Dachziegel hat es vor allem im Umkreis von 40 Kilometern um das Epizentrum nahe Waldkirch gegeben.
Dass nicht mehr passiert ist, führt die Fachanalyse unter anderem auf die Lage des Epizentrums zurück. Es sei in einem wenig besiedelten Waldgebiet gelegen. Größere Gemeinden waren erst in einer Entfernung von 15 bis 20 Kilometern anzutreffen. Trotzdem seien auch die Grundregeln für erdbebengerechtes Bauen eingehalten worden und hätten so präventiv gegen größere Schäden mitgewirkt.
Seismisch aktivstes Bundesland
Baden-Württemberg ist von den Erdbeben am meisten betroffen. Erdbebenkarten zeigen allerdings, dass auch stärkere Erschütterungen möglich sind. Für bestimmte Regionen wird beispielsweise ein Beben mit einer Intensität, bei der Schornsteine oder Türme beschädigt werden können, statistisch mit einer Wiederkehrperiode von etwa 1.000 Jahren angesetzt. So etwa für die Schwäbische Alb oder den Oberrhein um Basel sowie um Aachen.
Experten erklären jedoch immer wieder, dass stärkere Beben in Deutschland unwahrscheinlich sind. "Starke Erdbeben mit katastrophalen Auswirkungen sind in Baden-Württemberg zwar sehr selten, aber nicht ganz ausgeschlossen", sagte Stange. Auch gravierende Zerstörungen halten sie für nicht erwartbar.
Bei Erdbeben wie in der Türkei und in Syrien 2023 mit einer Stärke von über 7 auf der Richterskala waren die Auswirkungen hingegen verheerend. Mehr als 57.000 Menschen sind an den Auswirkungen des Bebens gestorben, über 120.000 wurden verletzt. Monatelang mussten Menschen in Notunterkünften ausharren, Nahrung und medizinische Versorgung waren in manchen Regionen knapp geworden.
Das Beben in der Türkei wurde ausgelöst durch eine Kollision der tektonischen Platten. Die anatolische und die arabische Platte haben sich horizontal zueinander verschoben und so das Gebiet zum Beben gebracht. "Am häufigsten und stärksten treten Erdbeben weltweit an den Grenzen zwischen tektonischen Platten auf", bestätigt auch Stange. Unter Baden-Württemberg gibt es jedoch keine Plattengrenzen, "die deutlich abgeschwächten Auswirkungen der afrikanisch-eurasischen Plattenkollision unter den Alpen sind aber bis nach Süddeutschland wirksam", so Stange. Die Kräfte wirken weit ins Innere der eurasischen Platte. Die Beben im Süden Deutschlands entstehen außerdem durch sogenannte Schwächezonen.
Darunter fällt beispielsweise der Oberrheingraben und die Zollernalb. Dem Landeserdbebendienst (LED) beim Regierungspräsidium Freiburg zufolge entstehen die Erschütterungen durch Druck der afrikanischen Platte auf die eurasische Platte. Die afrikanische Platte bewegt sich nach Norden und drückt gegen die europäische Platte. Das erzeugt Spannungen, die sich entlang bereits vorhandener Bruch- und Störungszonen ruckartig entladen können. Die Kollision der afrikanischen und der eurasischen Platte ist auch für die Entstehung der Alpen verantwortlich.
Erdbeben gibt es im Südwesten Deutschlands nahezu täglich – die meisten sind allerdings so schwach, dass sie von Menschen nicht wahrgenommen werden. Spürbare Beben treten Stange zufolge durchschnittlich etwa alle paar Wochen auf. Mit mittelstarken Beben rechnen Experten etwa einmal pro Jahrzehnt, heißt es in der Badischen Zeitung. Vor dem Beben 2004 waren Erdbeben über der Stärke 5 in den Jahren 1978, 1943 und 1911 zu spüren. Das stärkste überlieferte Erdbeben im Dreiländereck trat 1356 bei Basel auf. Die Stärke werde von verschiedenen Quellen auf etwa bis zu 6,9 geschätzt.