In Frankreichs Städten haben am Dienstag Schüler gemeinsam mit Lehrern für mehr Mittel für die Bildung protestiert. Nachdem am Vortag einen 15-Jährigen die Hand abgerissen wurde, unterstrichen viele, der Protest solle friedlich bleiben.
Paris, Marseille, Lille, Lyon, Strasbourg, Toulouse, Rennes, Nîmes - An diesem Dienstag, dem 6. Oktober, haben in ganz Frankreich rund 30 Kundgebungen stattgefunden. Laut Organisatoren beteiligten sich landesweit mehr als 450.000 Personen, das Innenministerium geht von 256.000 Teilnehmenden aus.
Für diesen neuen Protesttag rief die Schülergewerkschaft Union syndicale lycéenne „die ganze Jugend auf die Straße, überall in Frankreich“. Auch der Studierendenverband und eine Gewerkschaftsallianz im Bildungswesen (FSU, CGT, FO, CFDT, Unsa, Sud und Solidaires) schlossen sich an und verstärkten die Reihen der demonstrierenden Schülerinnen und Schüler.
Fall des schwer verletzten 15-Jährigen wird untersucht
Viele Protestierende erklärten, dass die Proteste friedlich bleiben sollten. Denn in Lens wurde am Vortag ein 15-Jähriger schwer verletzt, da die Hand abgerissen wurde, nachdem vor einer Schule eine Granate explodierte, wie der Präfekt des Départements Pas-de-Calais, François-Xavier Lauch, und der Staatsanwalt von Béthune, Étienne Thieffry, mitteilten. Die Polizeiaufsichtsbehörde IGPN ermittelt, ob der Schüler die Granate aufgehoben hatte oder ob sie ihn an der Hand traf. Es sei eine „erschütternde“ Situation, erklärte Innenminister Laurent Nuñez.
In der vergangenen Woche verlor im Département Val-d’Oise ein 14-Jähriger das Augenlicht auf einem Auge. Die Staatsanwaltschaft sprach von Verletzungen, die „vereinbar“ mit einem Schuss aus einer LBD-Gummigeschosswaffe seien. Insgesamt hat die IGPN zehn Ermittlungen eingeleitet.
„Unser oberstes Ziel ist es, unsere Schülerinnen und Schüler zu schützen“, versicherte Bildungsminister Édouard Geffray.
Viele Schulen bleiben geschlossen
Nach Angaben der Union syndicale lycéenne waren bereits am Morgen rund „1 800 Gymnasien“ blockiert, entweder durch „Demonstrationen oder von der Bildungsverwaltung von Amts wegen geschlossen“. Zudem sind laut dem Studierendenverband „57 Universitätsstandorte“ im Land blockiert.
Das Bildungsministerium meldet seinerseits, dass an 891 Schulen, davon 250 in der Hauptstadt-Region Île-de-France, der Unterricht ganz oder teilweise ausgesetzt.
Die Kundgebungen begannen bereits am Morgen. In Marseille marschierten nach Angaben der Gewerkschaft CGT 30 000 Menschen im Demonstrationszug mit, der am späten Vormittag den Alten Hafen verließ; die Präfektur spricht von 4 800 Teilnehmenden. Entlang der Strecke wurden zwar einige Sachschäden festgestellt, insgesamt verlief die Versammlung aber ruhig, wie France 3 Provence-Alpes-Côte d’Azur berichtet.
In Lyon zogen nach Angaben der Organisatoren 20 000 Menschen durch die Straßen. Auch dort blieb die Mobilisierung ohne Zwischenfälle.
Insgesamt beteiligten sich nach Angaben des Innenministeriums bis zum späten Vormittag 86 000 Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte und weitere Demonstrierende an Aktionen „in den Regionen“.
Die Gewerkschaft CGT teilte der Nachrichtenagentur AFP mit, sie habe am Dienstag um 13.30 Uhr landesweit, ohne Paris, mehr als 260 000 Demonstrierende gezählt.
Auch die Schülerinnen und Schüler auf La Réunion und in Mayotte machen mobil. Zwar blieben die meisten Schulen in diesen beiden Départements geöffnet, dennoch kam es zu zahlreichen Blockaden.
Plattform für Beschwerden
Die Schülerinnen und Schüler prangern auch zu lange Unterrichtstage und unzureichende Bedingungen an, etwa überfüllte und marode Klassenräume. Sie fordern mehr Mittel für das Bildungswesen, die Vertretung jeder Lehrkraft im Krankheitsfall sowie eine Reform der Internet-Plattform Parcoursup, auf der Schüler ihre Studienwahl nach dem Abi angeben und die viele als intransparent und ungerecht kritisieren.
Die Regierung bezeichnet einige der Forderungen als legitim, verurteilt aber das, was sie als „urbane Gewalt“ einstuft.
Inzwischen hat die Regierung eine Plattform eingerichtet, um alle Beschwerden der Schülerinnen und Schüler zu sammeln. Sie heißt Agora, ist bis zum 23. Oktober geöffnet, und in den ersten Stunden hatten bereits mehr als 1 700 User ihre Anliegen vorgebracht. Auf der Webseite werden die wichtigsten Schwierigkeiten abgefragt, denen Schülerinnen und Schüler begegnen, und was sich in den Einrichtungen ändern müsste, damit sich ihr Schulalltag verbessert.
Verdacht auf sexuellen Übergriff bei Festnahme
Seit Beginn der Protestbewegung wurden nach Angaben des Regierungssitzes Matignon 85 Beschäftigte im Bildungsbereich, darunter 34 Schulleiterinnen und Schulleiter sowie Stellvertretungen, außerdem 715 Polizistinnen, Polizisten und Gendarmen sowie 215 Schülerinnen und Schüler verletzt. Das Büro des Premierministers betonte, die „allermeisten“ Verletzungen seien „entweder bei Unfällen“ oder „durch das Handeln außenstehender Dritter“ entstanden.
Mehr als 6 000 Menschen wurden seit Beginn der Bewegung festgenommen, die große Mehrheit davon Minderjährige, wie aus einer am Montagabend veröffentlichten Bilanz der Behörden hervorgeht.
In Metz hat die Staatsanwaltschaft am Dienstag Ermittlungen wegen des Verdachts eines sexuellen Übergriffs eingeleitet, nachdem in sozialen Netzwerken ein Video von der Festnahme einer Schülerin verbreitet worden war. Darauf ist zu sehen, wie ein Polizist der am Boden liegenden Jugendlichen über Kopf und Brust streicht. Die Ermittlungen sollen „die Umstände der Festnahme klären und feststellen, ob Handlungen vorliegen, die einen sexuellen Übergriff auf eine minderjährige Person unter 15 Jahren darstellen oder nicht“, erklärte der Staatsanwalt.