Ermittlungen der italienischen Staatsanwaltschaft decken unmenschliche Bedingungen für Dutzende nicht angemeldete Landarbeiter in Süd-Italien auf. Acht Personen sind wegen illegaler Vermittlung und Ausbeutung angeklagt.
Den italienischen Behörden ist ein Schlag gegen die organisierte Kriminalität gelungen. Acht Personen wurden nach fast zwei-jährigen Ermittlungen angeklagt. Ihnen wird vorgeworfen asylsuchende Erntehelfer über Jahre systematisch unterdrückt, ausgebeutet und misshandelt zu haben.
Zugetragen haben sich die Vorkommnisse im Süden Italiens in Caserta, nördlich von Neapel.
Die meist ausländischen Erntehelfer mussten auf den Feldern bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten. Pro Kiste Obst oder Gemüse erhielten sie zwischen 80 Cent und einem Euro fünfzig. Es gab keinen wöchentlichen Ruhetag, keine Hilfe im Krankheitsfall.
Ein Teil der Beschäftigten erhielt zwischen drei und vier Euro pro Stunde. Andere, meist Neuankömmlinge, bekamen rund 30 Euro pro Tag. Für diejenigen, die schon länger eingesetzt wurden, stieg der Tageslohn höchstens auf 50 Euro.
Das geht aus der Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft von Santa Maria Capua Vetere hervor. Über zwei Jahre hinweg rekonstruierten die Ermittler mit Observationen und Aussagen mehrerer Betroffener die Lage der Landarbeiter ohne Aufenthaltsgenehmigung.
Hinter all dem illegalen Machenschaften standen die sogenanten "Carporali" - illegale Arbeits-Vermittler.
Möglich waren die Ermittlungen nur, weil ehemalige Erntehelfer trotz Angst um ihr Leben ausgesagt hatten. Einige von ihnen leben inzwischen an sicheren Orten und erhalten Schutz sowie Unterstützung bei der Eingliederung.
Caserta: Erntehelfer arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen
Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft rekrutierten die Caporali täglich bis zu 80 Erntehelfer direkt auf der Straße und brachten sie zu den Feldern. Dort mussten sie unter extremen Bedingungen arbeiten. Sie durften ihre Handys nicht benutzen und mussten bei Kontrollen der Polizei fliehen, sonst verloren sie ihre Arbeit. Ein Jobverlust drohte auch bei als zu gering bewerteter Leistung. Es gab keine Toiletten, keine ärztlichen Untersuchungen und keine Pausenräume.
Der tragische Fall von Satnam Singh
Der Fall ist nur der jüngste in einer langen Reihe, bei denen in Italien Drittstaatsangehörige ausgebeutet werden. Ohne rechtlichen Schutz enden diese Fälle nicht selten tragisch. Besonders in Erinnerung ist die Geschichte von Satnam Singh, der zum Symbol des Kampfes gegen das System des „caporalato“ geworden ist.
Singh, ein Erntehelfer indischer Herkunft ohne regulären Arbeitsvertrag und ohne Aufenthaltsgenehmigung, starb, nachdem ihn sein Arbeitgeber auf der Straße zurückließ, nachdem sein rechter Arm bei der Arbeit von einer Maschine abgetrennt worden war. Der Unfall ereignete sich im Juli 2024 auf Feldern in der Provinz Latina. Der Krankenwagen wurde erst gerufen, als der Mann zu seiner Wohnung gebracht worden war. Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft in Latina hätte Singh mit rechtzeitiger Hilfe überleben können.
Wegen des Todes von Singh verurteilte das Gericht im Juli den Betriebsinhaber Antonello Lovato in erster Instanz zu 16 Jahren Haft.
Nach dem Bericht des nationalen Arbeitsinspektorats wurden im vergangenen Jahr 895 illegal Beschäftigte festgestellt, davon 227 in der Landwirtschaft. Für 2023 meldete das Statistikamt Istat rund 200.000 irregulär Beschäftigte im Agrarsektor in ganz Italien.