Die Regierung verschiebt den Start des E-Rechnungssystems Verifactu. Firmen und Selbstständige gewinnen Zeit, doch die Umsetzung bleibt ungewiss.
Die spanische Regierung hat den Start von Verifactu, einem System für elektronische Rechnungsstellung zur stärkeren steuerlichen Kontrolle von Unternehmen und Selbstständigen, zunächst bis 2027 (Quelle auf Spanisch) und danach auf 2028 verschoben. Die Verschiebung verlängert den ursprünglich vorgesehenen Zeitplan um ein Jahr; nach den ersten Plänen sollte Verifactu bereits 2026 (Quelle auf Spanisch) verbindlich werden.
Nach dem neuen Kalender müssen Unternehmen, die der Körperschaftsteuer unterliegen, ab 2028 umstellen. Selbstständige und kleine Betriebe haben dafür bis zum ersten Juli desselben Jahres Zeit.
Das System verpflichtet alle Nutzer, Rechnungen über zertifizierte Software zu erstellen. Diese soll die Echtheit, Unveränderbarkeit und Nachverfolgbarkeit der Datensätze gewährleisten und Steuerbetrug erschweren.
Mehr Zeit, aber viele Fragen
Die Verlängerung verschafft Unternehmen und Selbstständigen mehr Zeit, ihre IT-Systeme und internen Abläufe anzupassen. Der unmittelbare Druck auf Millionen Kleinstfirmen und Geschäfte nimmt damit etwas ab.
Gleichzeitig berichten Branchenvertreter, dass der spätere Starttermin auch für Verunsicherung sorgt. Viele Vorgaben sind noch unklar, sowohl die technischen Anforderungen als auch die endgültigen Fristen für die Umsetzung.
Hinzu kommen Warnungen von Interessenverbänden der Selbstständigen und aus der Wirtschaft. Die Federación Nacional de Asociaciones de Trabajadores Autónomos (ATA) hatte seit Wochen eine Fristverlängerung gefordert (Quelle auf Spanisch), weil viele Betriebe Schwierigkeiten bei der Umstellung sehen und nach eigener Darstellung kaum verlässliche Informationen erhalten.
Der Verband der Steuerfachleute im Finanzministerium, Gestha (Quelle auf Spanisch), bezeichnet die zusätzliche Zeit dennoch als „ein zentrales Instrument“, das für Millionen Steuerpflichtige „nützlich“ sein könne.
Struktureller Umbau des Steuersystems steht noch bevor
Trotz der Verschiebung bleibt Verifactu ein grundlegender Einschnitt im spanischen Steuersystem, der die Mehrheit der Unternehmen betreffen wird. Die von der Steuerbehörde vorangetriebene Regelung ist Teil der Strategie zur Digitalisierung der Wirtschaft und zur Stärkung der steuerlichen Transparenz. Bei Verstößen drohen ab Inkrafttreten Sanktionen.
Nach Daten von Eurostat haben nur 58 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in der EU bislang ein grundlegendes Niveau digitaler Dienste erreicht. Das liegt deutlich unter dem Ziel von 90 Prozent bis 2030. Der Abstand zu Großunternehmen ist noch größer: Dort erreicht die Digitalisierung 91 Prozent. Das zeigt, wie schwer sich viele kleinere Firmen mit technologischen und regulatorischen Veränderungen tun.
In Spanien verweisen die Zahlen auf Fortschritte, zugleich aber auch auf Grenzen der digitalen Entwicklung in den Unternehmen. Laut einer Umfrage (Quelle auf Spanisch) des nationalen Statistikamts INE nutzen 44,3 Prozent der Firmen Cloud-Dienste und 21,1 Prozent künstliche Intelligenz, während 84,5 Prozent über eine eigene Website verfügen.
Die Nutzung modernerer Technologien bleibt jedoch ungleich verteilt, vor allem bei kleinen Unternehmen.
Offizielle Indikatoren sehen spanische Mittelständler im europäischen Vergleich im Mittelfeld: Rund 60 Prozent erreichen ein grundlegendes Digitalisierungsniveau und liegen damit etwa auf EU-Durchschnitt. Von den ehrgeizigen Zielen, die Brüssel für diese Dekade formuliert hat, bleibt Spanien aber noch deutlich entfernt.