Russlands Militärausgaben liegen auf Rekordhöhe, doch der Staat spart bei Krebspatienten. Medikamente müssen Betroffene oft selbst zahlen, obwohl sie laut Gesetz kostenlos sein sollten.
Der Entwurf für den russischen Staatshaushalt 2027 bis 2029 schränkt die Ausgaben zur "Bekämpfung von Krebserkrankungen" drastisch ein. Statt 44,9 Mrd. Rubel (etwa 471 Millionen Euro) wie bisher sollen im Jahr 2027 nur noch 3,87 Mrd. Rubel (etwa 40 Millionen Euro) im Jahr 2027 dafür ausgegeben werden. Die Finanzierung wird also fast auf ein Zwölftel gekürzt. Zum Vergleich: 2025 standen mehr als drei Mal so hohe Ausgaben wie 2026 zur Behandlung von Krebserkrankungen zur Verfügung.
Werden die Pläne umgesetzt, schrumpfen die Mittel des Kreml zur Krebsbekämpfung binnen zwei Jahren um fast 97 Prozent.
Ganz gestrichen wird das Programm nicht: ab 2028 sollten die Ausgaben zwar wieder steigen. Doch auch die dann anvisierten Summen bleiben deutlich unter dem heutigen Niveau.
Die Kürzungen erfolgen parallel zum Abbau mehrerer medizinischer Programme, etwa beim Ausbau der ärztlichen Infrastruktur und bei Sanitär‑ und Epidemieprojekten. Gleichzeitig sollen die Verteidigungsausgaben 2027 auf 17,1 Billionen Rubel (etwa 179 Milliarden Euro) steigen und damit rund 35 Prozent des Haushalts insgesamt ausmachen.
Krebsprogramm: Wo der Staat kürzt
Der Plan der russischen Regierung zur Bekämpfung von Krebserkrankungen galt als eines der zentralen Elemente der Modernisierung des Gesundheitswesens. Aus ihm wurden Diagnosegeräte finanziert, Onkologiezentren ausgebaut und Programme zur Füherkennung finanziert.
Im neuen Haushalt sollen die verbleibenden Mittel vor allem in diagnostische und radiologische Geräte fließen. Gleichzeitig wird die Förderung spezialisierter Abteilungen in kleineren Städten und auf dem Land zurückgefahren. Besonders schmerzhaft trifft das jene Regionen, in denen der Zugang zu onkologischer Versorgung schon heute schlechter ist als in den Metropol-Regionen.
Regierung spricht von Mittelverschiebung
Die Regierung in Moskau betont, die Kürzung der Projekte bedeute nicht automatisch weniger Geld für die Krebsbehandlung. Einige Fachleute und Patientenorganisationen gehen davon aus, dass bestimmte Ausgaben in das System der staatlichen Krankenversicherung (OMS) und andere Haushaltstitel verlagert wurden.
Ob das neue Modell funktioniert, hängt jedoch davon ab, ob die geplanten Finanzierungswege die wegfallenden Bundesmittel tatsächlich ausgleichen. Und es bleiben Zweifel an der Stabilität der Finanzierung: Je mehr Verantwortung auf die Regionen und die Krankenversicherung übergeht, desto stärker hängt die Qualität der onkologischen Versorgung von der Finanzkraft des jeweiligen Institution ab.
Krebspatienten zahlen jede siebte Packung selbst
Während der Kreml beim Budget neue Prioritäten setzt, liegen aktualisierte Daten zur Versorgung von Krebspatienten mit Medikamenten vor. Nach einer Studie der Initiative „Bewegung gegen Krebs“ mussten Patienten in Russland in den Jahren 2019 bis 2025 etwa jede sechste bis siebte Packung ihrer Krebsmedikamente aus der eigenen Tasche bezahlen.
Rund 94 Prozent der 2025 privat erworbenen Präparate stehen auf der Liste lebenswichtiger Arzneien und müssten eigentlich kostenlos abgegeben werden.
Die Autoren der Studie führen den Anstieg der selbst bezahlten Medikamente nicht auf eine Vorliebe für teure Originalpräparate zurück, sondern auf Lücken in der Arzneimittelversorgung. Den Großteil der Selbstkäufe machen Generika aus. Das deutet auf eine Unterfinanzierung und immer wiederkehrende Lieferprobleme bei dringend benötigten Medikamenten hin.
Warum Patienten für eigentlich kostenlose Medikamente zahlen
Formal garantiert die russische Gesetzgebung Krebspatienten eine kostenlose Versorgung mit den notwendigen Medikamenten. Patienten und Ärzte berichten jedoch seit Jahren von Lieferunterbrechungen und fehlenden Mitteln in den Regionalhaushalten.
Viele Betroffene stehen deshalb vor der Wahl, entweder wochen‑ oder monatelang auf ein Präparat zu warten oder es selbst zu bezahlen. Besonders belastend ist dies bei modernen zielgerichteten und immunologischen Therapien, deren Jahreskosten in die Millionen Rubel gehen können.
Selbst wenn der Staat teure Behandlungen teilweise übernimmt, sind viele Patienten darauf angewiesen, Spendenorganisationen um Hilfe zu bitten oder eigenständig Geld für ihre Therapie zu sammeln.
Demografische Herausforderung
Vor diesem Hintergrund wirkt die weitere Entwicklung der Gesellschaft besonders alarmierend: Die Bevölkerung altert, zugleich steckt das Land in einer demografischen Krise.
Krebserkrankungen gehören weiterhin zu den häufigsten Todesursachen in Russland. Die Regierung hat frühe Diagnosen und einen breiten Zugang zur Therapie jahrelang als nationale Priorität bezeichnet.
Genau dafür wurde das große onkologische Programm aufgelegt, dank dem neue Zentren entstanden und Technik modernisiert wurde. Jetzt steht die Frage im Raum, ob diese Fortschritte den drastischen Finanzkürzungen standhalten.
Wie es weitergeht
Von einem unmittelbaren Zusammenbruch des Systems kann derzeit keine Rede sein. Der Großteil der onkologischen Medikamente wird weiterhin über das OMS‑System beschafft. So wurden im Jahr 2025 durch staatliche Einkäufe 32,8 Millionen Packungen im Wert von 336 Mrd. Rubel erworben.
Die Statistik zeigt dennoch, dass die finanzielle Belastung der Patienten bereits zunimmt. Wenn der Abbau föderaler Programme dazu führt, dass immer mehr Menschen ihre Behandlung aus eigener Tasche finanzieren müssen, wird der Zugang zu medizinischer Hilfe noch ungleicher. Für viele russische Familien könnte der Kampf gegen Krebs dann immer häufiger zu einer finanziellen ebenso wie zu einer medizinischen Bewährungsprobe werden.
Geld fließt in den Krieg
Der seit mehr als vier Jahren andauernde Krieg in der Ukraine prägt die Struktur der russischen Staatsausgaben immer stärker. Mit steigenden Kosten für Armee und Rüstungsindustrie werden immer mehr Haushaltsmittel zugunsten militärischer Zwecke umgeschichtet.
Laut Haushaltsentwurf für 2027 sollen die Verteidigungsausgaben rund 35 Prozent aller Bundesmittel ausmachen – ein Höchstwert seit dem Zerfall der Sowjetunion. Gleichzeitig streicht die Regierung die Finanzierung zahlreicher ziviler Programme, darunter auch im Gesundheitswesen und bei der onkologischen Versorgung.