Russland hat inzwischen weniger Schulen als Deutschland, trotz doppelter Einwohnerzahl. Ein neuer Bericht zeigt, wie ein Sparprogramm ganze Landregionen entleert, während neue Lehrbücher den Krieg gegen die Ukraine rechtfertigen.
In Russland ist die Zahl der Schulen seit Beginn des Jahrhunderts um 45 Prozent gesunken. Besonders hart trifft es ländliche Regionen, wie ein Bericht der Hochschule für Wirtschaftswissenschaften zeigt, der in diesem Monat veröffentlicht wurde.
Das Netz der weiterführenden Schulen schrumpfte von 68.800 Einrichtungen im Jahr 2000 auf knapp 38.000 im Jahr 2026. Auch die Zahl der schulpflichtigen Kinder ging zurück, von 20,5 Millionen auf 17,7 Millionen, ein Minus von rund 13,5 Prozent.
Russland hat inzwischen weniger Schulen als Deutschland, obwohl das Land ungefähr doppelt so viele Einwohner hat. In Deutschland gibt es 2026 mehr als 40.000 Schulen.
Die Schließungen konzentrieren sich auf das Land. Dort sank die Zahl der staatlichen Schulen von über 45.000 auf rund 21.000 und damit auf weniger als die Hälfte.
Auch in den Städten gibt es deutlich weniger Schulen, von 22.700 im Jahr 2000 auf 16.300 heute. Gleichzeitig betreuen die verbliebenen Einrichtungen deutlich mehr Kinder: Vor fünfzehn Jahren besuchte im Schnitt rund 300 Schülerinnen und Schüler eine Schule, heute sind es etwa 470.
Privatschulen legten zahlenmäßig zu, von 635 im Jahr 2000 auf 982 im Jahr 2026, machen aber nur 2,5 Prozent des gesamten Angebots aus.
Die Hochschule für Wirtschaft gehört zu den führenden Universitäten Russlands und ist in Osteuropa und Eurasien führend in den Bereichen Wirtschaftswissenschaften und Sozialwissenschaften.
Größer gleich besser?
Auslöser der Entwicklung ist ein Optimierungsprogramm, das 2001 gestartet wurde und bis heute läuft. Seit der Umstellung auf eine Finanzierung pro Kopf gelten kleine Schulen als wirtschaftlich nicht tragfähig: Je weniger Kinder eine Schule hat, desto weniger staatliche Mittel erhält sie. Viele Einrichtungen wurden mit Nachbarschulen zusammengelegt, andere ganz geschlossen.
Bis 2010 verschwanden 26 Prozent aller russischen Schulen. In den 2010er-Jahren kamen rund 10.000 weitere Schließungen hinzu, seit Beginn der 2020er-Jahre noch einmal 2.300.
Lehrkräfte und Eltern protestierten gegen die Fusionen. Sie warnen, dass große Sammelschulen schwerer zu führen sind, dass gewachsene Nachbarschaftsschulen mit eigenem Profil verschwinden und überfüllte Klassen die Qualität des Unterrichts senken.
Soziologinnen und Soziologen sehen einen direkten Zusammenhang zwischen Schulschließungen und der Entvölkerung von Dörfern, wie eine Studie aus dem Jahr 2026 in der russischen Zeitschrift "Nozh" berichtet. Demnach zerbrechen Familien häufig, wenn die Dorfschule wegfällt: Ein Elternteil zieht mit den Kindern in eine Stadt, der andere bleibt wegen der Arbeit zurück, meist dauerhaft.
"Wenn man bei einem Klassenraum und einer Lehrkraft spart, kann man damit eine ganze lokale Wirtschaft auslöschen", heißt es in der Studie.
Ein Beispiel ist das Dorf Atary im Rayon Lebjaschski der Region Kirow. Nachdem die örtliche Schule als unrentabel eingestuft wurde, wanderten junge Menschen ab, heute ist der Ort weitgehend verwaist.
Der kommunistische Abgeordnete Dmitri Nowikow fordert, Schulen auf dem Land als strategische soziale Infrastruktur zu finanzieren, nicht allein nach der Zahl der Kinder. Er schlägt ein Moratorium für die Schließung von Oberstufenklassen in Dörfern vor und verlangt, dass bei unvermeidbaren Schließungen ganzjähriger Transport zu Schulen in Nachbarorten garantiert wird.
Staatstreue Ideologie im Klassenzimmer
Seit September 2022 gibt es an allen Schulen in Russland eine verpflichtende Wochenstunde mit dem Titel "Gespräche über das Wesentliche". Die Unterrichtskonzepte kommen direkt aus dem Bildungsministerium.
Behandelt werden Themen wie traditionelle russische Werte, die Rolle Russlands in der Welt und der Krieg gegen die Ukraine, in den offiziellen Materialien durchgängig als "spezielle Militäroperation" bezeichnet, der einzig zulässige Begriff der Regierung, der den Angriffskrieg verharmlost. Dazu kommen Motive wie "Dienst an der Heimat" und "Selbstaufopferung".
Neue einheitliche Geschichtsbücher wurden für die oberen Klassenstufen 2023 eingeführt, für die Mittelstufe folgen sie seit den Schuljahren 2024/25.
Das Geschichtsbuch von 2023 beschreibt die Ukraine als "aggressiven antirussischen Brückenkopf". Die russische Invasion, Besetzung und Annexion der ukrainischen Krim 2014 erscheint darin als Korrektur eines "historischen Unrechts", westliche Sanktionen werden als Versuch dargestellt, Russlands Wirtschaft zu zerstören.
Anna Wright, Osteuropa- und Zentralasien-Expertin von Amnesty International, sagt, die Bücher "verbergen die Wahrheit und verdrehen Fakten über gravierende Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen nach internationalem Recht, die russische Truppen an Ukrainerinnen und Ukrainern begangen haben". Wright nennt die Indoktrinierung von Kindern "einen zynischen Versuch, die ukrainische Kultur, das kulturelle Erbe und die Identität der Ukraine auszulöschen".
Die Lehrbücher fordern Schülerinnen und Schüler auf, Informationen aus dem Internet grundsätzlich zu misstrauen. Im Sommer wurden sie überarbeitet: Die Kapitel zum Krieg sind erweitert, außerdem kam ein Abschnitt über das Treffen zwischen Trump und Putin in Alaska hinzu.
An der Überarbeitung war auch Wladimir Medinski beteiligt, Berater von Präsident Wladimir Putin, früherer Kulturminister und Leiter der russischen Delegation bei den Waffenstillstandsgesprächen mit der Ukraine. Nach seinem Wechsel direkt in die Präsidialverwaltung übernahm er den Vorsitz der 2021 eingerichteten Interministeriellen Kommission für historische Bildung, die nach offizieller Lesart gegen historische "Fälschung" ankämpfen soll.
Medinskis Ansatz gilt als pseudohistorische Rhetorik, mit der eine loyale staatliche Ideologie geschaffen werden soll. Gegen ihn bestehen Sanktionen der EU, der USA und Kanadas.