Netanjahu fordert Strafverfolgung gegen Soldaten und Offiziere, die in einem preisgekrönten Dokumentarfilm zu Wort kommen.
Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu hat die Generalstaatsanwältin des Landes und den Chef des Inlandsgeheimdienstes Shin Bet angewiesen, die Identität jener Offiziere offenzulegen, die in dem preisgekrönten Film NAZA zu Wort kommen.
Netanjahu drängt darauf, die Filmemacher, den Oscar-gekrönten israelischen Regisseur Yuval Abraham und die Regisseurin Rachel Szor, strafrechtlich zu verfolgen. Ihnen wirft er vor, „Israels diplomatischen und sicherheitspolitischen Interessen zu schaden“.
Er forderte Generalstaatsanwältin Gali Baharav-Miara, den Generalstabschef der israelischen Armee, Generalleutnant Eyal Zamir, und Shin-Bet-Chef David Zini auf, „dringend zu handeln, um die Identität aller aufzudecken, die an dem verleumderischen Film beteiligt sind oder darin auftreten“.
NAZA feierte seine Premiere in Venedig und erhielt dort den Spezialpreis der Jury. Der Film läuft derzeit in Kinos in mehr als 50 Ländern und zeigt nach offizieller Synopsis „im Detail die Mechanismen hinter Israels kalkulierten Massentötungen palästinensischer Zivilistinnen und Zivilisten im Gazastreifen“.
Der Film entstand heimlich nachts auf den Dächern von Tel Aviv, mitten im laufenden Gaza-Krieg. Er enthält Gespräche mit 24 israelischen Offizieren des Militärgeheimdienstes, Soldaten und Whistleblowern. Sie schildern, wie das israelische Militär Palästinenserinnen und Palästinenser ins Visier nimmt und Angriffe mit Hilfe von KI und automatisierter Überwachung in Zielerfassungssystemen ausführt – obwohl Israel weiß, dass sich in den anvisierten Gebieten Zivilpersonen aufhalten. Die Filmemacher verfremdeten Gesichter und Stimmen der Beteiligten digital, um ihre Identität zu schützen.
Die 80-minütige, hoch umstrittene Dokumentation knüpft an Recherchen aus den Jahren 2023 bis 2025 an, die das israelisch-palästinensische Online-Medium +972 Magazine, das hebräischsprachige Portal Local Call und der Guardian veröffentlicht haben.
Bei den Filmfestspielen von Venedig erhielt der Film einen rekordverdächtigen, 25-minütigen stehenden Applaus – den längsten in der Geschichte des Festivals.
Die israelische Regierung hat Abraham und Szor bereits zuvor scharf attackiert und ihnen sogar damit gedroht, ihnen die Staatsbürgerschaft zu entziehen.
Wie der Guardian (Quelle auf Englisch) berichtet, erklärte Ricardo Gutiérrez, Generalsekretär der Europäischen Journalistenföderation: „Diese Drohungen sind ein offenkundiger Einschüchterungsversuch gegen Journalistinnen und Journalisten, die schlicht ihre Arbeit machen – strikt im Einklang mit berufsethischen Standards und im öffentlichen Interesse.“
Mit Blick auf Netanjahus Drohungen fügte er hinzu: „Mich überrascht dieser Ausbruch nicht. Er zeigt, dass dieses Regime zu allem bereit ist, um seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den anhaltenden Völkermord im Gazastreifen zu vertuschen.“
NAZA ist inzwischen in ausgewählten Kinos in mehr als 50 Territorien angelaufen. Ab November stellt der Guardian den Film kostenlos auf seiner Website zur Verfügung.