Der Dokumentarfilm „NAZA“, ausgezeichnet mit dem Spezialpreis der Jury in Venedig, beleuchtet Israels Zielpraxis in Gaza und wirft vor, zivile Massentote fest einzuplanen.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat die Macher der Dokumentation NAZA scharf angegriffen und dem preisgekrönten Film vorgeworfen, zu „weltweiter antisemitischer Hetze“ beizutragen.
„Das ist schockierend. Wir kämpfen gegen antisemitische Hetze weltweit, und wenn sie aus unseren eigenen Reihen kommt, ist das unerträglich“, sagte Netanjahu in einem auf Telegram veröffentlichten Video. „Und jetzt bekommen zwei israelische Regisseure Beifall bei den Filmfestspielen von Venedig, weil sie die IDF (Israel Defense Forces) als Kriegsverbrecher darstellen.“
NAZA gewann in diesem Jahr bei den Filmfestspielen von Venedig den Spezialpreis der Jury und löste dort eine rekordbrechende 25-minütige stehende Ovation aus. Laut offizieller Synopsis zeigt der Film „im Detail die Systeme hinter Israels kalkulierter Massentötung palästinensischer Zivilisten im Gazastreifen“.
Netanjahus Äußerungen folgten auf scharfe Kritik des israelischen Kulturministers Miki Zohar, der jede Kritik an Israels Vorgehen mit Antisemitismus gleichsetzte und ankündigte, er werde „unverzüglich handeln, um den israelischen Regisseuren Yuval Abraham und Rachel Szor die Staatsbürgerschaft zu entziehen“.
Zohar nannte NAZA „verabscheuungswürdig“ und die Auszeichnung in Venedig „schockierend“. Er fügte hinzu: „Der Selbsthass, der in den Köpfen der Macher lodert, die bereit sind, ihrem Heimatland zu schaden, nur um Applaus von Antisemiten in aller Welt zu bekommen, ist unbegreiflich und stellt einen Verrat am Staat dar.“
Auch der nationale Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir bezeichnete Abraham und Szor als „Schande und Blamage“ und forderte sie auf, das Land zu verlassen. „Ich bin sicher, dass eure Freunde, sprich unsere Feinde von der Hamas in Gaza, euch mit offenen Armen empfangen werden“, schrieb er auf X.
Die 80-minütige, hochbrisante Doku entstand heimlich nachts auf den Dächern von Tel Aviv während des anhaltenden Kriegs in Gaza. Darin kommen 24 israelische Offiziere des Militärgeheimdienstes, Soldaten und Whistleblower zu Wort. Sie schildern, wie das Militär Palästinenser ins Visier nimmt und Angriffe ausführt, obwohl Israel weiß, dass sich in den Zielgebieten Zivilisten aufhalten. Daher der Titel des Films: Er basiert auf einem militärischen Kürzel der israelischen Streitkräfte für die Zahl der erwarteten zivilen Todesopfer bei einem Luftangriff im Gazastreifen. „NAZA“ steht für „Nezek Agavi“, auf Deutsch etwa „Kollateralschaden“.
Die Filmemacher verfremdeten Gesichter und Stimmen der Gesprächspartner digital, um ihre Identität zu schützen.
Bei der Entgegennahme des Spezialpreises der Jury sagte Yuval Abraham in seiner Dankesrede: „Wir glauben, dass das Leugnen eines Verbrechens dessen Fortbestehen ermöglicht. Deshalb ist es uns besonders wichtig, dass Israelis diesen Film sehen, denn unser Land begeht diese Verbrechen.“
Der vorherige Film von Yuval Abraham und Rachel Szor, No Other Land, kam 2024 in die Kinos und dokumentiert die Gewalt israelischer Siedler gegen palästinensische Gemeinden im Westjordanland. Er gewann den Oscar für den besten Dokumentarfilm.
Die Hamas griff Israel am siebten Oktober 2023 an. Das Gesundheitsministerium in Gaza meldet seither mehr als 73.000 Tote durch israelische Luftangriffe in den vergangenen drei Jahren. Organisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch und die Vereinten Nationen sprechen von „Völkermord“. Auch ein im Juni veröffentlichter Bericht einer unabhängigen UN-Kommission (Quelle auf Englisch) kommt zu diesem Ergebnis. Demnach haben „israelische Behörden und Sicherheitskräfte palästinensische Kinder gezielt ins Visier genommen“ und damit Völkermord und Gräueltaten im Gazastreifen sowie Kriegsverbrechen im Westjordanland begangen.
NAZA knüpft an Recherchen aus den Jahren 2023 bis 2025 an, die das israelisch-palästinensische Magazin +972, die hebräischsprachige Plattform Local Call und der Guardian veröffentlichten. Der Film läuft in Spanien beim Internationalen Filmfestival von San Sebastián am 23. September und anschließend am 26. September beim New York Film Festival.
Einen offiziellen Kinostart gibt es bislang nicht. Die Weltvertriebsrechte liegen beim französischen Verleih MK2 Films.