Ein präzises Verfahren zur Genbearbeitung an menschlichen Embryonen sorgt in Wissenschaft und Gesellschaft für Aufmerksamkeit. Doch Sicherheit und Ethik sind weiter umstritten.
Im Sommer 2026 haben zwei Studien die Debatte über die Genbearbeitung an Embryonen neu entfacht. Dabei verändern Forschende die DNA eines menschlichen Embryos – um die frühe Entwicklung besser zu verstehen oder um zu verhindern, dass Kinder bestimmte Krankheiten entwickeln.
Eine Studie leitete Kathy Niakan an der Universität Cambridge im Vereinigten Königreich, die andere kam von Dieter Egli an der Columbia University in den Vereinigten Staaten.
Beide Teams nutzten das sogenannte Base Editing, eine Technik aus dem Jahr 2016, mit der sich genetisches Material deutlich präziser verändern lässt als mit älteren Methoden. Sie arbeiteten direkt mit menschlichen Embryonen statt mit Mäusen – und legten Ergebnisse vor, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgten.
Von einer medizinischen Anwendung ist die Genbearbeitung an Embryonen jedoch noch weit entfernt. Schon technisch ist es äußerst schwierig, die Gene eines menschlichen Embryos gezielt zu verändern. Hinzu kommt: Kein Land erlaubt bisher Eingriffe in Keimbahnzellen, die an spätere Generationen weitergegeben werden könnten.
Rückt die Gesellschaft mit diesen Studien der Möglichkeit näher, genetisch veränderte Babys sicher zu erzeugen? Und welche ethischen Fragen wirft das auf?
Die Studien
Im Projekt aus Cambridge nahmen die Forschenden mit Base Editing das Gen NANOG ins Visier. Es gilt als entscheidend dafür, dass sich aus einem Embryo später ein vollständiger Körper bilden kann.
„Base Editing ist ein wichtiger Fortschritt gegenüber dem klassischen CRISPR-Cas9-System, weil es mit deutlich geringerem Risiko für unbeabsichtigte Chromosomenschäden einhergeht“, erklärte Kathy Niakan in einer Pressemitteilung (Quelle auf Englisch).
Auf der anderen Seite des Atlantiks testete das Columbia-Team Base Editing an drei Genen: einem, das mit hohem Cholesterinspiegel und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden ist, sowie zwei Genen, die an der Produktion von Hämoglobin beteiligt sind.
„Indem wir solche Schäden mithilfe von Editoren gezielt auslösen, beginnen wir zu verstehen, wie menschliche Embryonen mit Defekten in ihrem Erbgut umgehen. Langfristig hoffen wir zu lernen, wie sich genetische und entwicklungsbedingte Störungen während einer IVF-Behandlung verhindern lassen – um effizientere, sicherere und erschwinglichere Fruchtbarkeitsbehandlungen zu ermöglichen“, sagte Dieter Egli in einer Pressemitteilung (Quelle auf Englisch).
Für Robin Lovell-Badge, Gruppenleiter und Leiter des Labors für Stammzellbiologie und Entwicklungsgenetik am Francis Crick Institute in London, weisen beide Arbeiten in die richtige Richtung, bleiben aber verbesserungsfähig.
„Die Methoden wirken deutlich sicherer. Aber es bleibt noch einiges zu tun“, sagte er gegenüber Euronews Next. „Die Mosaikbildung scheint auf niedrigem Niveau aufzutreten, aber sie ist nicht verschwunden. Daran muss weiter gearbeitet werden“, ergänzte er.
Mosaikbildung gehört zu den größten Hürden der Genbearbeitung. Sie entsteht, wenn Base-Editing-Moleküle bestimmte Zellen nicht finden oder nicht verändern. Das kann dazu führen, dass sich Krankheiten entwickeln.
Die ethische Debatte
Auch wenn die Forschung zur Genbearbeitung an Embryonen vorankommt, bleiben zahlreiche ethische Fragen offen.
„Eine Frage, die sehr häufig gestellt wird, betrifft den Gegensatz zwischen Therapie und Verbesserung“, sagte Pascal Borry, Professor für Bioethik an der Universität Leuven in Belgien, gegenüber Euronews Next. „Wo ziehen wir die Grenze? Was ist noch Therapie, was gilt bereits als Optimierung?“
Borry verwies zudem auf weitere ethische Spannungsfelder – vom fehlenden Einverständnis der künftigen Kinder bis zur Gefahr, Gemeinschaften zu stigmatisieren, die bereits mit einer bestimmten Erkrankung leben.
Außerdem betonte er, dass Genbearbeitung am Embryo nicht zwingend nötig sei: „Es gibt viele Alternativen zu dieser Technologie, und darüber sollten wir nachdenken. Ich denke dabei an die genetische Testung vor der Implantation“, sagte er.
Die Präimplantationsdiagnostik ist ein medizinischer Test im Rahmen einer In-vitro-Fertilisation. Ärztinnen und Ärzte überprüfen dabei Embryonen auf genetische Auffälligkeiten.
Björn Heindryckx, Professor an der Universität Gent in Belgien und leitender Forscher im Bereich Unfruchtbarkeit, teilt Borrys Einschätzung, dass sich viele genetische Risiken auch ohne Genbearbeitung am Embryo vermeiden lassen.
Trotzdem sieht er in der Technik Chancen: „Wenn wir mit diesem Werkzeug die Embryonalentwicklung besser untersuchen können und mehr darüber verstehen, gewinnen wir auch neue Einblicke in bestimmte Formen der Unfruchtbarkeit.“
Lovell-Badge wiederum sorgt sich weniger um die ethischen Folgen der Methode. „Ich hätte kein Problem damit, sie anzuwenden, wenn sie sicher ist und es einen guten ethischen Grund dafür gibt. Ich halte es eher für unethisch, Menschen Kinder mit einer genetischen Erkrankung bekommen zu lassen, wenn sich das verhindern lässt“, sagte er.
Nach seiner Ansicht sollten Staaten den Einsatz regulieren, aber nicht mit einem strengen Verbot belegen. „Angenommen, jemand möchte zum Mars fliegen. Die Person wäre lange im All und einer Umgebung mit sehr hoher Strahlung ausgesetzt. Vielleicht möchte sie dann genetisch so verändert werden, dass ihr Körper besser mit dieser Belastung umgehen kann“, sagte er zu Euronews Next.
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