Finden Sie uns
Werbung

18.082 Meldungen: Warschau verliert den Kampf gegen Wildschweine

Łomianki bei Warschau: Wildschweine unterwegs
Wildschweine in Łomianki bei Warschau -  Copyright  Czarek Sokolowski/Copyright 2019 The AP. All rights reserved.
Copyright Czarek Sokolowski/Copyright 2019 The AP. All rights reserved.
Von Sroczynski Wojciech
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

In Warschau leben Wildschweine zwischen Wohnblöcken, wühlen im Müll und greifen Menschen an. Der Stadtpräsident fordert neue Regeln.

Das Kernproblem: Trotz Einschläferung und Abschuss geht die Zahl der Wildschweine in Warschau nicht zurück, sie nimmt sogar zu. Nach Angaben der städtischen Forstbetriebe sind allein in diesem Jahr 18.082 Meldungen zu Wildschweinen eingegangen, darunter Verkehrsunfälle mit ihrer Beteiligung und direkte Angriffe auf Menschen. Im Jahr 2025 schätzte die Stadt die Wildschweinpopulation in Warschau auf rund 3.031 Tiere.

WERBUNG
WERBUNG

Der Warschauer Stadtpräsident Rafał Trzaskowski räumt ein, dass das Problem inzwischen so gravierend ist, dass die Stadt es nicht länger ignorieren kann.

"Die Sicherheit der Einwohner ist für mich das Wichtigste. Wenn ein Wildschwein an einer Kita, auf einem Spielplatz oder an einer stark befahrenen Straße auftaucht, muss die Stadt reagieren, und sie reagiert. Das fällt mir schwer, denn ich sage es offen: Tiere zu töten ist für mich weder einfach noch bequem. Aber ich trage Verantwortung für die Sicherheit der Menschen und kann nicht so tun, als gäbe es das Problem nicht", betont Trzaskowski.

Der Stadtpräsident weist zugleich darauf hin, dass das geltende Recht den Kommunen nur sehr begrenzte Handlungsspielräume lässt. Warschau drängt seit Jahren auf eine Änderung der nationalen und europäischen Vorschriften zur Afrikanischen Schweinepest (ASF), die eine Rückkehr zur Umsiedlung der Tiere verhindern. Im Jahr 2025 wandte sich das Rathaus deshalb an das Landwirtschaftsministerium, doch das Ressort lehnte Schritte zur Änderung der Regeln ab. Diese Entscheidung gilt bis heute unverändert.

Wildschwein wird immer öfter zum gebürtigen Warschauer

Die Warschauer Wildschweine sind längst nicht mehr Tiere, die gelegentlich aus den umliegenden Wäldern in die Stadt ziehen. Stadtökologen weisen seit Jahren darauf hin, dass immer neue Generationen bereits im urbanen Umfeld geboren werden und sich an das Leben unter Menschen anpassen. Deshalb trifft man sie heute nicht nur am Stadtrand, sondern auch zwischen den Wohnblöcken, an Müllcontainern, auf Spielplätzen oder in der Nähe von Schulen.

Diese Wildschweine suchen ihr Futter längst nicht mehr im Waldboden, sondern wühlen in aller Ruhe Leckerbissen aus den Mülltonnen der Wohnsiedlungen. Bereits 2017 machte die Stadt darauf aufmerksam, dass das Wachstum der Population unter anderem auf den leichten Zugang zu Nahrung zurückgeht, etwa auf ungesicherte Abfallbehälter und das Zufüttern durch Anwohner.

Wildschweine meiden Menschen nicht mehr

Wildschweine, die seit vielen Generationen in Ballungsräumen leben, ändern nicht nur ihre Ernährungsgewohnheiten. Sie verlieren auch die natürliche Scheu vor dem Menschen. Immer häufiger betrachten sie Wohnsiedlungen, Parks, Grünanlagen oder die Umgebung von Einkaufszentren als eigenes Territorium. Genau hier beginnt das Problem: Mit dem schwindenden Respekt vor Menschen steigt die Zahl der Angriffe auf Menschen und Hunde sowie die Zahl der Vorfälle auf der Fahrbahn. In Warschau wurden von Anfang 2026 bis Ende August 186 Meldungen über Angriffe auf Menschen und 302 Verkehrsunfälle mit Wildschweinen registriert.

Im September 2026 griff in Bielany ein Wildschwein eine 36-jährige Frau an, die mit ihrem Hund spazieren ging. Der Aufprall war so heftig, dass die Frau durch die Luft geschleudert wurde. Sie kam mit einem Bruch des Hüftknochens ins Krankenhaus. Nach Angaben der Anwohner tauchen die Tiere dort regelmäßig zwischen den Wohnblöcken auf und suchen an den Müllplätzen nach Futter.

Einige Monate zuvor, im April 2026, attackierte ein Wildschwein einen Mann im Bereich des Forts Bema. Der Mann kam mit einer schweren Beinwunde ins Krankenhaus. Im Juli 2026 griff in Wawer ein Wildschwein einen Mann auf einem Privatgrundstück an. Der Vorfall ereignete sich an der Mülltonne, als der Eigentümer versuchte, das Tier zu vertreiben. Dies sind nur einige der gefährlichen Situationen mit Wildschweinen in der Stadt.

Die Behörden verzeichnen zudem Risiken, die nicht auf direkte Angriffe zurückgehen. Im September 2026 löste die Präsenz von Wildschweinen auf der Schnellstraße S2, der Umfahrung von Warschau, eine Massenkarambolage mit fünf Autos aus. Allein im Jahr 2025 registrierte Warschau 341 Verkehrsunfälle mit Beteiligung dieser Tiere.

Wildschweine: Umsiedlung in den Wald verboten

Die Stadt betont, dass Wildschweine bis 2017 gefangen und außerhalb der Stadtgrenzen ausgesetzt wurden. Mit dem Auftreten der Afrikanischen Schweinepest entfiel diese Möglichkeit. Die Verantwortlichen erhielten nicht nur keine Genehmigung mehr, Tiere aus der Stadt zu bringen, sie dürfen auch keine Geburtenkontrolle einsetzen. Begründung: Derzeit ist weder in Polen noch in der gesamten Europäischen Union ein Verhütungsmittel für Wildschweine zugelassen.

In dieser Lage entschieden sich die Verantwortlichen der Hauptstadt für Abschuss und Fang mit anschließender Tötung. Sie betonen jedoch, dass sie diese Maßnahmen nur als letztes Mittel sehen. Trotzdem kamen von 2022 bis Ende August 2026 in der Stadt 1.876 Wildschweine ums Leben, davon wurden 1.326 gefangen und 550 abgeschossen.

"Das ist ein grausames Paradox", sagt ein städtischer Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte. "Die Vorschriften erlauben es nicht, ein Wildschwein aus Warschau an einen anderen Ort zu bringen, aber sie erlauben, es zu töten. Gleichzeitig wächst die Zahl der Tiere in der Stadt, und damit steigt die Zahl der Situationen, in denen Wildschweine nicht mehr Teil der urbanen Natur sind, sondern zu einer realen Gefahr für die Sicherheit der Einwohner werden. Wir müssen reagieren, und wir können es nur auf eine Weise: indem wir die Tiere töten. Auch für uns ist das furchtbar, und wir sind überzeugt, dass diese Regeln sofort geändert werden müssen."

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

3.500 Wölfe, 19 Angriffe: Was hinter der Wolfs-Panik in Italien steckt

Wildschweine erobern Portugals Straßen - und nutzen sogar Zebrastreifen

Wildschweine am Strand: Hier klauen die Tiere das Picknick von Touristen