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Gefährlicher Parasit: Wie der Fuchsbandwurm zum globalen Frühwarnsystem wird

Der Fuchsbandwurm war mal eine vernachlässigte Tropenkrankheit. Doch es gibt ihn auch in Deutschland.
Der Fuchsbandwurm war mal eine vernachlässigte Tropenkrankheit. Doch es gibt ihn auch in Deutschland. -  Copyright  Foto von Ronan Hello auf Unsplash
Copyright Foto von Ronan Hello auf Unsplash
Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am
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Die WHO hat ein Frühwarnsystem gefunden um drohende Pandemien früh zu erkennen. Tropenmediziner Dr. Dr. Carsten Köhler von der Universität Tübingen erklärt die Hintergründe im Interview mit Euronews.

Die Warnung vor dem Fuchsbandwurm hat in Deutschland mutmaßlich jeder schon einmal gehört, der im Wald Beeren pflücken oder Pilze sammeln wollte. Denn daran könnten die Eier des Fuchsbandwurms haften - ein Parasit, der die Leber angreift und eine potenziell lebensbedrohliche Erkrankung auslösen kann.

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Diese Erkrankung gehört zu 21 Krankheiten, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO auf die Liste der NTDs gesetzt wurden. Die sogenannten "Neglected Tropical Diseases (NTDs)", zu Deutsch "Vernachlässigte Tropenkrankheiten", gelten als weltweites Frühwarnsystem.

"Da, wo NTDs sind, sind unsere Schwachpunkte im globalen Gesundheitssystem, eben weil es da keins gibt", erklärt Dr. Dr. Carsten Köhler von der Universität Tübingen im Gespräch mit Euronews. Er leitet unter anderem das Institut für Tropenmedizin, Reisemedizin und Humanparasitologie und ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und globale Gesundheit.

NTDs können also aufzeigen, wo medizinische Versorgung, Krankheitsüberwachung und verlässliche Daten fehlen. Gerade dort können Infektionskrankheiten möglicherweise lange unentdeckt bleiben - mit Folgen, die über die betroffenen Regionen hinausreichen können.

Fuchsbandwurm: Ist die Gefahr noch aktuell?

Er ist nur zwei bis sechs Millimeter groß und kann bei Menschen eine schwere Leberkrankheit auslösen. Alveoläre Echinokokkose ist der medizinische Fachbegriff. Die erwachsenen Bandwürmer leben im Dünndarm von Füchsen, gelegentlich auch im Darm von Hunden und Katzen.

Diese sind dann die sogenannten "Endwirte" der Bandwürmer.

Zur Erklärung: Ein Endwirt ist in der Biologie und Medizin der Organismus, in dem ein Parasit geschlechtsreif wird und sich sexuell fortpflanzt. Denn viele Parasiten haben einen komplexen Lebenslauf und wechseln während ihres Lebens den Wohnort (den sogenannten „Wirt“). Beispiel: Eine Maus (Zwischenwirt) nimmt die Eier des Bandwurms auf. In der Maus entwickeln sich Larven. Ein Fuchs (Endwirt) frisst die Maus. Im Darm des Fuchses entwickeln sich aus den Larven erwachsene Bandwürmer, die sich dort paaren und neue Eier produzieren. Der Fuchs ist somit der Endwirt.

Der wichtigste Endwirt in Mitteleuropa ist dem bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) zufolge der Rotfuchs. Beim Menschen sei ein Befall sehr selten, kann in einem solchen Fall aber lebensgefährlich sein.

52 Infektions-Fälle wurden im Jahr 2024 beim Robert-Koch-Institut (RKI) registriert, in den Vorjahren lag die Zahl meist zwischen 40 und 45 Fällen bei Menschen. Der Großteil davon kommt laut der Deutschen Leberhilfe aus den südlichen Bundesländern Baden-Württemberg und Bayern. Je nach Region sind 33 bis 50 Prozent der Füchse mit dem Parasiten infiziert.

Die Echinokokkose ist eine der in Deutschland vorkommenden vernachlässigten Tropenkrankheiten. Doch laut Köhler stehen inzwischen auch Leishmaniosen vor den Türen. Die Infektionskrankheit kann sich auf verschiedene Art und Weise äußern wird durch winzige Sandmücken übertragen.

"Viele Deutsche fahren gerne ins Mittelmeergebiet, um dort Urlaub zu machen und können das dann auch mitbringen", erklärt Köhler im Interview mit Euronews. Die Erkrankung ist oft heilbar, wenn sie früh erkannt und behandelt wird, heißt es laut dem Gesundheitsmagazin der Krankenkasse AOK. Laut WHO erkranken jährlich etwa 700.000 bis eine Million Menschen weltweit an Leishmaniosen.

Die meisten der 21 vernachlässigten Tropenkrankheiten treten allerdings vor allem in Regionen der Welt auf, die ein weniger ausgebautes Gesundheitssystem als Deutschland.

Neue vernachlässigte Krankheit identifiziert

So hat beispielsweise der Staat Gabun in Zentralafrika im Jahr 2026 einen Antrag bei der Weltgesundheitsorganisation WHO gestellt, um eine weitere Krankheit auf die Liste der NTDs setzen zu lassen. "Nur endemische Länder dürfen Anträge stellen", erklärt Köhler. Dabei handelt es sich um die Loa-Loa-Krankheit, einen sogenannten Augenwurm. Köhler zufolge wird die WHO hierzu beraten.

Der Parasit wird durch Bremsen übertragen. Die Würmer können sich durch das Unterhautgewebe bewegen und mitunter unter der Bindehaut des Auges sichtbar werden. Die Infektion kann mit Juckreiz, Schwellungen und weiteren Beschwerden einhergehen.

Köhler zufolge sollte die WHO über den Antrag beraten. Allerdings hat der zuständige WHO-Beratungsausschuss im Oktober 2026 eine vorübergehende Pause bei der Aufnahme neuer Krankheiten empfohlen. Zunächst sollen die Kriterien und das Verfahren für die Aufnahme auf die Liste grundsätzlich überprüft werden.

"NTDs kommen in Regionen vor, wo das Gesundheitssystem nicht existent ist oder nur rudimentär besteht", so Köhler weiter. Die Krankheiten selbst sind dabei nicht automatisch eine Gefahr für die Weltbevölkerung. Entscheidend ist vielmehr, was sie über die Bedingungen verraten, unter denen sich Infektionen verbreiten können: fehlende medizinische Versorgung, unzureichende Überwachung und Lücken bei der Erfassung von Krankheitsfällen. Dort besteht auch das Risiko, dass Erkrankungen mit pandemischen Potenzial aufkeimen und sich ausbreiten.

NTDs als Frühwarnsystem für potenzielle Endemien

In solchen Regionen arbeiten sogenannte Community Health Worker. Sie gehen durch Gemeinden, informieren die Bevölkerung und beobachten die gesundheitliche Lage vor Ort. "Der Community Health Worker, der nach einer Wurmerkrankung schaut, die zwar kein pandemisches Potenzial hat, würde mitbekommen, wenn auf einmal eine ganze Familie verstorben ist und könnte das direkt melden", so Tropenmediziner Köhler.

Sie können Erkrankungen erkennen, Menschen an medizinische Einrichtungen vermitteln und auffällige Entwicklungen an die zuständigen Stellen melden. "Deshalb sagen wir, das kann man als Frühwarnsystem nutzen, wenn solche einfachen Strukturen schon für die NTDs aufgebaut sind", erklärt er im Interview mit Euronews auf dem World Health Summit weiter.

Der Vorteil: Die Helfer sind bereits in den Gemeinden präsent. Wenn man in diesen Regionen bereits mit NTD-Programmen unterwegs sei, dann würden Krankheiten mit Pandemie-Potenzial früher entdeckt.

Hilfsstrukturen müssen nicht erst aufgebaut werden, wenn eine neue Infektionskrankheit auftritt. Wenn sie ohnehin Menschen mit vernachlässigten Tropenkrankheiten betreuen, können sie zugleich Veränderungen beobachten, die auf andere Gesundheitsgefahren hindeuten. Es gehe bei der Arbeit der Health Worker also auch darum, möglichst flächendeckend Daten zu sammeln.

Die WHO setzt deshalb in ihrer Strategie zur Bekämpfung vernachlässigter Tropenkrankheiten bis 2030 auch auf integrierte Ansätze: Maßnahmen sollen stärker in bestehende Gesundheitssysteme eingebunden und mit anderen Bereichen der öffentlichen Gesundheit verknüpft werden.

Ebola-Ausbruch: Datenlücke zu spät erkannt

Beim Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo sei genau das ein Problem gewesen, sagt Köhler. "Es waren eigentlich andere Hotspots, wo wir einen Ausbruch befürchtet haben", erklärte der Direktor des Kompetenzzentrums Tropenmedizin. "Dann mussten wir feststellen, die Daten für die Demokratische Republik Kongo waren veraltet."

Wenn aktuelle Informationen aus einer Region fehlen, können Gesundheitsbehörden die Gefahr falsch einschätzen. Auch Kontaktverfolgung und die gezielte Bereitstellung von medizinischem Personal und Material werden dadurch erschwert.

Die Arbeit lokaler Gesundheitshelfer ist deshalb nicht nur für die Behandlung einzelner Krankheiten wichtig, sondern hilft auch, Krankheitsausbrüche früher zu erkennen und die Reaktion darauf besser zu koordinieren.

Mitunter erschwert auch der Rückzug der USA aus der Gesundheitsförderung die Datensammlung in betroffenen Gebieten. "Da die Förderung durch die USA so stark zurückgegangen ist, sind diese Strukturen mit Community Health Worker, die über die letzten Jahrzehnte aufgebaut worden sind, massiv weggebrochen", erklärt Köhler.

Die fehlenden Gelder führten unter anderem dazu, dass ehemalige Health Worker ihre Jobs aufgeben mussten. Nach Angaben von UNAIDS waren infolge der US-Finanzierungskürzungen 2025 unter anderem Tausende Community Health Worker in Malawi von Vertragsbeendigungen betroffen. Zudem berichtete die Organisation von Einschränkungen bei der elektronischen Erfassung von Gesundheitsdaten.

Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung aus Sambia beschreibt ebenfalls, wie Kürzungen internationaler Entwicklungshilfe die Arbeit von Gesundheitseinrichtungen beeinträchtigten. Beschäftigte berichteten von Entlassungen, fehlenden diagnostischen Tests und Schwierigkeiten bei der Nutzung elektronischer Patientenakten. Das Resultat: weniger flächendeckende Gesundheitsdaten.

Nächste Pandemie: Die Erkrankung X

Eine neue Pandemie durch Ebola sei nicht zu befürchten, denn das unterscheide sich je nach Krankheit deutlich. Während bei Corona beispielsweise eine Tröpfcheninfektion genügte, sind bei Ebola die Menschen gefährdet, die mit den Körperflüssigkeiten von Erkrankten in Berührung kommen.

Auch vernachlässigte Tropenkrankheiten haben nicht automatisch pandemisches Potenzial. Eine hohe Zahl von NTD-Fällen ist vielmehr ein möglicher Hinweis darauf, dass die medizinische Versorgung und Überwachung in einer Region gestärkt werden müssen.

"Auf die nächste Pandemie, die WHO nennt sie die Erkrankung X, sollte man sich vorbereiten, was auch immer das ist", mahnt Köhler. Denn es sei davon auszugehen, dass Covid-19 nicht die letzte Pandemie gewesen ist. Lediglich der Zeitpunkt sei nicht vorherzusagen.

Vorbereitung bedeutet deshalb nicht nur, Impfstoffe und Medikamente zu entwickeln. Dazu gehört auch, Labore, Fachpersonal, Dateninfrastrukturen und internationale Netzwerke bereitzuhalten, die im Ernstfall schnell zusammenarbeiten können. Köhler verweist auf die Bedeutung europäischer und internationaler Kooperation.

"Deshalb hoffe ich auch, dass weiterhin solche Programme wie der European Vaccine Hub for Pandemie Preparedness (EvH) oder The European & Developing Countries Clinical Trials Partnership (EDCTP) gefördert werden", sagt Köhler im Euronews-Interview. Durch diese Programme würden Forschungsstrukturen, Laborkapazitäten und Experten vereint.

"Es ist wichtig sich jetzt eine Plattform zu bauen, mit der ganz schnell agiert werden kann und funktionierende kooperative Strukturen zu haben, wenn diese Erkrankung X kommt", macht Köhler deutlich. Dafür braucht es ein Netzwerk. Gesundheit kennt keine Grenzen oder und auch Krankheitserreger kennen keine Grenzen."

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