Taskents moderne Bauten verbinden neue Architekturideen mit lokalen Materialien und klimabewusster Gestaltung. Zehn Wahrzeichen gehören nun zum UNESCO-Welterbe.
Die Architektur Taschkents spiegelt viele Schichten der Stadtgeschichte wider. Nach dem Erdbeben von 1966 entstand eine neue Generation öffentlicher Bauten mit modernen Formen, experimentellen Materialien und Entwürfen, die auf das heiße Klima der Stadt abgestimmt waren.
Viele dieser Gebäude werden bis heute genutzt. Museen, Konzertsäle, ein Zirkus und Metrostationen erfüllen weiterhin ihre ursprüngliche Aufgabe; zugleich wächst die Anerkennung ihres architektonischen Werts.
Zehn modernistische Wahrzeichen aus dieser Zeit gehören inzwischen zu einem UNESCO-Welterbe.
Architektur im Dialog mit Taschkents Klima
Die in Taschkent entstandene modernistische Architektur entwickelte einen eigenen Charakter. Sie griff Elemente der lokalen Bauweise und des städtischen Lebens auf.
Nach Angaben von Saidaziz Ishankhodjaev, stellvertretender Vorsitzender der Art and Culture Development Foundation, brachten die Architektinnen und Architekten, die nach dem Erdbeben von 1966 nach Taschkent kamen, unterschiedliche Ansätze mit und passten ihre Entwürfe an die örtlichen Bedingungen an.
Innenhöfe, dekorative Muster und architektonische Lösungen, wie man sie aus traditionellen usbekischen Bauten kennt, flossen in manche modernistische Projekte ein.
Ein Beispiel ist das Staatliche Geschichtsmuseum. Hier verbindet die Architektur eine klare geometrische Form mit Elementen, die speziell auf Taschkents Klima ausgelegt sind.
Museum für die Stadt geplant
Das Staatliche Geschichtsmuseum entwarfen die Architekten Rozanov und Shestopalov 1968. Die weiße Marmorverkleidung, die erhöhte Lage und die markante Form machen es zu einem der bekanntesten Gebäude im Zentrum Taschkents.
Jannat Ismailova, Direktorin des Staatlichen Geschichtsmuseums, betont, dass der Bau gezielt auf die lokalen Bedingungen ausgerichtet wurde.
Dekorative Gitter schützen das Gebäude vor der intensiven Sommersonne. Die breite Treppe und der zentrale Eingang verleihen dem Bau eine starke Präsenz im umliegenden Stadtraum.
Auch lokales Handwerk ist integriert. Kunstschreiner aus Kokand gestalteten die geschnitzten Holztüren; im Inneren kam traditionelle Stuckarbeit, der sogenannte Ganch, zum Einsatz.
Das Gebäude wurde 1970 als Lenin-Museum fertiggestellt. 1992 zog das Staatliche Geschichtsmuseum Usbekistans ein und nutzt den Bau seither.
Ein großer Teil der ursprünglichen Struktur ist erhalten geblieben. Das Museum gilt daher als wichtiges Beispiel der modernistischen Architektur Taschkents.
Museum um die Kunst herum gebaut
Das Staatliche Kunstmuseum Usbekistans zeigt ein weiteres Beispiel dafür, wie Architektur sich konsequent an der Funktion eines Gebäudes orientiert.
Der Bau begann 1967 und endete 1974. Anders als Museen, die in umgenutzten Gebäuden untergebracht sind, entstand hier ein Haus, das von Anfang an als Museum konzipiert war – mit Ausstellungsräumen und Depots, die im ursprünglichen Entwurf vorgesehen waren.
Olga Udovenko, Leiterin der Abteilung für usbekische Volkskunst und angewandte Kunst, erinnert daran, dass der Bau für Taschkent zur Zeit seiner Entstehung als äußerst ungewöhnlich galt.
Die ursprüngliche Fassade bestand aus experimentellen Paneelen. Sie sollten direktes Sonnenlicht begrenzen und stabile Bedingungen für die Kunstwerke schaffen. Das Material wurde später ersetzt; inzwischen prüfen Fachleute, wie sich das ursprüngliche Erscheinungsbild wiederherstellen lässt.
Im Inneren gruppieren sich die Ausstellungsebenen um ein zentrales Atrium. Ein großer Teil des Innenraums ist weitgehend unverändert geblieben.
Die Erhaltung des Hauses ist Teil einer größeren Debatte: Wie lassen sich modernistische Bauwerke an heutige technische Standards anpassen, ohne ihren ursprünglichen architektonischen Charakter zu verlieren?
Palast für das öffentliche Leben
Der Modernismus prägte auch Räume für große öffentliche Veranstaltungen.
Im Palast der Volksfreundschaft finden seit Jahrzehnten Konzerte, Aufführungen, Kongresse und andere Großereignisse statt. Seine Architektur greift dekorative Elemente lokaler Traditionen auf, darunter Ornamente und Ganch-ähnliche Details, die in den Bau integriert sind.
Der Saal verfügt über 3.816 Sitzplätze. Die große Bühne ist auf umfangreiche Aufführungen und Großveranstaltungen ausgelegt.
Direktor Isroil Gulomov erklärt, der Palast sei mit zahlreichen Bezügen zur lokalen Architektur entworfen worden. Dazu gehören Elemente, die den Innenraum vor Taschkents stark schwankenden Temperaturen schützen sollen.
Entstanden ist ein öffentlicher Veranstaltungsort, in dem architektonischer Schmuck eng mit der praktischen Nutzung verbunden ist.
Zirkusbau mit eigenem Profil
Ein weiteres Wahrzeichen dieser Zeit ist ein Bau, der speziell für Zirkusaufführungen konzipiert wurde.
Der Bau des Usbekischen Staatszirkus begann 1968 und endete 1976. Das kreisförmige Gebäude bietet Räume für Vorstellungen und Trainings.
Kuppel und Fassadendetails nehmen Motive aus dem historischen Stadtbild Taschkents auf.
Derzeit wird der Zirkus restauriert. Die Behörden wollen das bisherige architektonische Erscheinungsbild und die historischen Elemente bewahren.
Für Rustam Majidov, Leiter des Usbekischen Staatszirkus, soll die Sanierung die Arbeitsbedingungen für die Artistinnen und Artisten verbessern und zugleich den Bau selbst erhalten.
Modernismus unter der Erde
Taschkents modernistische Architektur setzt sich auch unter der Straßenoberfläche fort.
Die Metrostation Kosmonavtlar ist im Stil der Raumfahrt gestaltet. Farben, Wände und Porträts spiegeln die Begeisterung für Wissenschaft und Weltraum wider, die das künstlerische Konzept der Station prägt.
Nach Angaben von Rustam Shafikov, Leiter des Elektrozug-Depots, besitzt jede Metrostation in Taschkent ein eigenes architektonisches und künstlerisches Konzept.
Die Metro selbst hat sich seit ihren Anfangsjahren stark verändert. Das Netz ist gewachsen; in den vergangenen Jahren kamen neue Linien und Stationen hinzu. Auch die Fahrgastzahlen stiegen und liegen inzwischen bei mehr als 1 Million Fahrten pro Tag.
Stationen wie Kosmonavtlar haben ihren ursprünglichen künstlerischen Charakter bewahrt und sind gleichzeitig Teil eines modernen Verkehrsnetzes.
Lebendige Stadträume bewahren
Die Anerkennung durch die UNESCO lenkt zusätzlichen Blick darauf, wie diese Gebäude künftig gepflegt und weiterentwickelt werden sollen.
Für Saidaziz Ishankhodjaev geht Bewahrung über die reine Fassadenerhaltung hinaus. Die Bauten müssen sicher, funktionsfähig und für eine zeitgemäße Nutzung geeignet bleiben; auch ihr städtisches Umfeld braucht sorgfältige Planung.
Dazu gehört, die statische und technische Substanz zu prüfen, den Brandschutz zu gewährleisten und zu klären, wie sich die Gebäude anpassen lassen, ohne ihre architektonische Identität zu verlieren.
Mehr als 50 Jahre nachdem Taschkents modernistische Architektur Gestalt annahm, prägen viele dieser Wahrzeichen den Alltag in der Stadt noch immer.
Ihre Bedeutung liegt in dem Zusammenspiel von Architektur, Klima, lokalem Handwerk und öffentlicher Nutzung in einer besonderen Phase der Stadtentwicklung. Die UNESCO-Anerkennung verschafft diesem Erbe zusätzlichen Schutz, und die fortgesetzte Nutzung hält es im täglichen Leben präsent.