Finden Sie uns
Werbung

Urteil gegen Frank S. erwartet: Vergewaltigung mit "chemischer unterwerfung" in Dutzenden Fällen

Am Landgericht Berlin soll über den Fall Frank S. geurteilt werden. Er ist wegen sexuellen Missbrauchs unter Betäubung angeklagt.
Am Landgericht Berlin soll über den Fall Frank S. geurteilt werden. Er ist wegen sexuellen Missbrauchs unter Betäubung angeklagt. -  Copyright  By Fridolin freudenfett (Peter Kuley) - Own work, CC BY-SA 3.0
Copyright By Fridolin freudenfett (Peter Kuley) - Own work, CC BY-SA 3.0
Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am •Zuletzt aktualisiert
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Frank S. soll 59 Frauen betäubt und vergewaltigt haben. Heute wird sein Urteil am Landgericht Berlin erwartet.

Ein 68-Jähriger wird heute erneut dem Landgericht Berlin vorgeführt. Der Mann soll über mehrere Jahre hinweg Frauen betäubt, vergewaltigt und und sich dabei gefilmt haben. Frank S. ist wegen 22 Taten gegen 14 Frauen angeklagt.

WERBUNG
WERBUNG

Diese Frauen soll er in dem Zeitraum von 2016 bis 2022 vergewaltigt haben. Die tatsächliche Zahl der mutmaßlichen Opfer beläuft sich auf 59 Frauen, doch viele der Fälle sind bereits verjährt.

Wegen Vergewaltigung unter Betäubung angeklagt

Sein Vorgehen hatte System: Frank S. soll seine Opfer über Internetplattformen kennen gelernt und sie anschließend zu sich nach Hause eingeladen haben. In seiner Lichtenberger Wohnung habe er den Frauen alkoholische Drinks angeboten, versetzt mit betäubenden und sedierenden Mitteln. Das geht aus der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft hervor.

Nachdem die Substanzen gewirkt haben, soll Frank S. die Frauen in seinem Schlafzimmer mehrfach vergewaltigt und Filmaufnahmen der mutmaßlichen Taten angefertigt haben. Laut Anklageschrift befanden sich die Fragen "mindestens in einem nahezu bewusstlosen Zustand".

Zu Widerstand sollen die Frauen nicht in der Lage gewesen sein. In einigen Videos soll lediglich zu hören sein, wie sich die Frauen verbal wehren wollten, dazu körperlich allerdings nicht fähig waren. Aufgrund der Substanzen sollen sich die Frauen nach den Taten auch selbst nicht mehr erinnert haben können, wie Ermittler und medizinische Sachverständige erklärten. Von den mutmaßlichen Taten erfuhren viele Frauen erst durch die Ermittlungen.

Polizei geht von Online-Netzwerken aus

Der Fall ist letztendlich nur durch Zusammenarbeit der Polizei ans Licht gekommen. Demnach soll Frank S. mit einem mutmaßlichen Täter in Niedersachsen in Kontakt gestanden und sich über die Taten ausgetauscht haben. Die niedersächsischen Kollegen haben die Berliner Polizei im März 2025 darauf aufmerksam gemacht.

Eine externe Auswertung der Videoaufnahmen, die beim Angeklagten Frank S. gefunden wurden, hat fast ein gesamtes Jahr gedauert. Im Märt 2026 wurde der mutmaßliche Serientäter verhaftet und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Aufgrund der vielzähligen Aufnahmen, die der Angeklagte in seiner Wohnung aufbewahrte, konnten Beweismittel festgestellt werden. Die Ermittler stufen sie als Vergewaltigungsvideos ein und haben während des Prozesses detailliert beschrieben, wie Frank S. vorgegangen sein soll.

Die Taten sollen nach Auswertung der Videodaten bis ins Jahr 2010 zurückreichen. Die Staatsanwaltschaft geht insgesamt von 58 Betroffenen aus, von denen zehn mutmaßliche Opfer auch während des Prozesses noch nicht identifiert worden seien.

Mutmaßlicher Täter räumt Vergewaltigungsvorwürfe teilweise ein

Zum Prozessauftakt hatte Frank S. über seinen Verteidiger vor dem Gericht mitteilen lassen, dass er die Vergewaltigungsvorwürfe gegen 14 Frauen einräume. Zu den Vorwürfen der Verwendung sedierender und betäubender Mittel hatte er sich vorerst nicht geäußert.

Von August bis Oktober fanden mehr als ein Dutzend Verhandlungstage statt. Am 14. Oktober hat die Staatsanwaltschaft ihr Plädoyer verlesen, sie fordert 13 Jahre Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Die Urteilsverkündung wurde bereits zwei Mal nach hinten verschoben, ursprünglich war sie am 1. Oktober geplant gewesen, dann am 14. Oktober. Inzwischen wurden mehrere zusätzliche Verhandlungstage für die Fälle eingeräumt. Das Urteil wird für den heutigen 28. Oktober 2026 erwartet.

Unter anderem wurden die 14 Geschädigten vor Gericht angehört - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Vier der Frauen treten in dem Fall als Nebenklägerinnen auf. Auch die Ex-Partnerin von Frank S. gehört zu den Geschädigten.

Seit Pelicot Vielzahl an Fällen aufgeklärt

Fälle, in denen Vergewaltiger ihre Opfer mit Medikamenten oder Substanzen sedieren, sind in den vergangenen Jahren des Öfteren vor Gericht geendet. Nachdem die Geschichte von Gisèle Pelicot in Frankreich bekannt wurde, sind auch in Deutschland mehrere Fälle in ähnlicher Art aufgeklärt worden.

Über mehr als ein Jahrzehnt hat Pelicots Ehemann seine eigene Frau betäubt und vergewaltigt und anderen Männern ohne ihr Wissen angeboten, sie ebenfalls zu vergewaltigen. Dafür ist er zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt worden, andere Männer haben ebenfalls Strafen erhalten.

Seither wird diskutiert, wie mit dem Tatbestand einer sogenannten "chemischen Unterwerfung" (soumission chimique) umgegangen werden soll. In Frankreich erstattet die Krankenversicherung seit Anfang 2026 in drei Regionen Tests zum Nachweis von sexueller Nötigung unter Drogeneinfluss.

In Deutschland gab es für Fälle von Vergewaltigung durch chemische Unterwerfung ebenso hohe Strafen. Auch Claudia Wuttke soll von ihrem Ex-Partner betäubt, mehrfach vergewaltigt und gefilmt worden sein. Wuttke kämpft nun gegen eine gesetzliche Verjährungsfrist. Ein 28-Jähriger Student wurde vom Landgericht München zu elf Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Er hatte seine damalige Freundin unter Substanzeinfluss sediert und sie bewusstlos vergewaltigt.

Auch in Berlin wurde bereits ein Mann zu fünf Jahren verurteilt, weil er ähnliche Taten begangen hat. Der Mann war promovierter Arzt und hatte in einer Chatgruppe mit sieben Mitgliedern Tipps zur unbemerkten Sedierung weitergegeben. Mindestens ein Chat-Mitglied soll seinen Tipps gefolgt und unter anderem für die Vergewaltigung einer Frau im Jahr 2024 zu 14 Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt worden sein. Auch in Hannover läuft ein Gerichtsverfahren gegen Grzegorz C., der seine damalige Freundin nach demselben Schema misshandelt haben soll, in der Anklage stehen 103 einzelne Vergewaltigungen.

Außerdem hat der Fall von Collien Fernandes in Deutschland Aufsehen erregt. Demnach soll ihr Ex-Mann Deepfakes, also von künstlicher Intelligenz manipulierte Bilder, im Netz verbreitet haben. Inzwischen soll auch das deutsche Gesetz an die aktuellen Gegebenheiten angepasst werden, so etwa durch Strafverschärfung beim Einsatz von KO-Tropfen und dem Besitz von Tatvideos.

Betroffene Menschen von sexueller Gewalt können sich bei einem Verdacht inzwischen an verschiedene Beratungsstellen wenden. So bietet die Bundesbeauftragte gegen Missbrauch ein eigenes Portal an und stellt eine deutschlandweite Datenbank zu Verfügung, in denen Beratungsstellen und Krisendienste gelistet werden.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Deutscher "Pelicot-Fall"? Debatte um zu kurze Fristen bei sexueller Gewalt

Vergewaltigungsprozess: Jetzt spricht Gisèle Pelicot über ihr zweites Leben

Von Gisèle Pelicot bis Pharrell Williams: Sie bekommen die französische Ehrenlegion