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Euroviews. Nach den Midterms: Jetzt könnte Trump für Europa erst recht gefährlich werden

Präsident Donald Trump mit First Lady Melania Trump, nachdem er in West Palm Beach, Florida, seine Stimme für die Zwischenwahlen 2026 abgegeben hat. (AP Photo/Mark Schiefelbei
Präsident Donald Trump mit First Lady Melania Trump, nachdem er in West Palm Beach, Florida, seine Stimme für die Zwischenwahlen 2026 abgegeben hat. (AP Photo/Mark Schiefelbei -  Copyright  (c) AP
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Von Dr. Josef Braml ist USA-Experte, Buchautor und Europäischer Direktor der Denkfabrik Trilaterale Kommission
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Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind die der Autoren und stellen in keiner Weise die redaktionelle Position von Euronews dar.

Nach den Midterms: Europa bekommt keinen schwächeren Trump, sondern einen Trump, der sich noch stärker der Weltpolitik zuwendet, warnt USA-Experte Josef Braml in einem Meinungsbeitrag für Euronews. Aussitzen könne Europa diesen Trump nicht. Im Gegenteil.

Die Zwischenwahlen beschneiden Donald Trump Donald Trump innenpolitisch. Doch daraus folgt keineswegs ein schwächerer amerikanischer Präsident. Im Gegenteil: Wenn der Kongress seine innenpolitischen Spielräume begrenzt, dürfte Trump seine Macht umso stärker dort demonstrieren, wo Präsidenten traditionell freier agieren können: in der Außen-, Handels- und Sicherheitspolitik. Für Europa beginnen deshalb womöglich erst jetzt die schwierigsten zwei Jahre seiner zweiten Amtszeit.

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Für Europa beginnen deshalb womöglich erst jetzt die schwierigsten zwei Jahre seiner zweiten Amtszeit.
Dr. Josef Braml
USA-Experte

Die Zwischenwahlen sind zunächst eine innenpolitische Abrechnung. Noch während Stimmen ausgezählt werden, zeichnet sich in beiden Kongresskammern ein deutlicher Umschwung zugunsten der Demokraten ab.

Für Trump ist das mehr als eine Niederlage seiner Partei. Diese Wahl war ein Referendum über seine zweite Amtszeit, über steigende Lebenshaltungskosten, die Folgen seiner Handelspolitik und nicht zuletzt über den Iran-Krieg.

Doch wer daraus ableitet, Trump werde nun politisch gelähmt, könnte sich täuschen. Vielmehr könnte ausgerechnet seine innenpolitische Schwächung seine außenpolitische Risikobereitschaft erhöhen.

Vom Kongress auf die Weltbühne

Ein von Demokraten kontrollierter Kongress kann Gesetzgebung blockieren, Haushaltsmittel beeinflussen, Untersuchungsausschüsse einsetzen und die Regierung mit Vorladungen überziehen. Ein demokratischer Senat kann darüber hinaus Trumps Personalpolitik empfindlich treffen. Die Phase weitgehend ungehinderter republikanischer Regierungsgewalt ist beendet.

Aber genau hier liegt das europäische Problem. Die amerikanische Gewaltenkontrolle begrenzt einen Präsidenten in der Innenpolitik stärker als in weiten Teilen der Außenpolitik. Wenn Trump innenpolitisch gegen Mauern läuft, wächst deshalb der politische Anreiz, sich auf jene Bühne zu verlagern, auf der er weiterhin Dominanz demonstrieren kann.

Wenn Trump innenpolitisch gegen Mauern läuft, wächst deshalb der politische Anreiz, sich auf jene Bühne zu verlagern, auf der er weiterhin Dominanz demonstrieren kann.
Dr. Josef Braml
USA-Experte

Das entspräche auch seinem narzisstischen Führungsstil. Trump akzeptiert Beschränkungen nicht gern als normalen Bestandteil institutioneller Machtteilung. Niederlagen werden personalisiert, Verantwortung wird anderen zugeschrieben, Stärke muss demonstriert werden. Außenpolitik bietet dafür eine ideale Bühne: Präsidenten verfügen über erhebliche Handlungsspielräume, internationale Krisen erzeugen maximale Aufmerksamkeit und erreichte oder vermeintliche Erfolge lassen sich dem eigenen Führungswillen zuschreiben.

Das bedeutet nicht, dass Trump nun zwangsläufig einen neuen Krieg beginnen wird. Aber Europa muss mit einem Präsidenten rechnen, der seine geschwächte Macht im Inneren durch umso sichtbarere Machtausübung nach außen kompensiert.

Die Zollwaffe trifft Europa zuerst

Das gilt zunächst für die Wirtschaftspolitik. Zölle versteht Trump nicht primär als ökonomisches Instrument, sondern als politisches Druckmittel. Das hat Europa bereits erfahren. Nach dem Handelsarrangement mit der EU gilt für die meisten europäischen Exporte in die USA eine Zollobergrenze von 15 Prozent; zugleich bestehen erhebliche Sonderbelastungen etwa bei Stahl und Aluminium fort.

Besonders instruktiv ist Audi. Trump erhöhte die Belastung für europäische Autos und Lastwagen zwischenzeitlich auf 25 Prozent und verband seine Politik offen mit der Forderung, Unternehmen sollten in den USA produzieren, um Zölle zu vermeiden. Audi kündigte schließlich Investitionen von rund vier Milliarden Dollar für ein US-Werk an. Gernot Döllner trat kurz vor den Midterms sogar gemeinsam mit Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Georgia auf.

Damit wird Trumps geoökonomische Strategie sichtbar: Nicht Freihandel entscheidet über Standortwahl, sondern politisch erzeugter Kostendruck. Deutsche und europäische Unternehmen sollen Kapital und Arbeitsplätze in die USA verlagern. Nach einer Wahlniederlage könnte Trump versucht sein, gerade hier nachzulegen, weil er handelspolitische Härte als Beweis seiner Handlungsfähigkeit verkaufen kann.

Ukraine und NATO werden zum Druckmittel

Noch schwerer wiegt die geopolitische Dimension. Europa sollte nicht darauf hoffen, dass ein geschwächter Trump automatisch kompromissbereiter wird. Gerade gegenüber der Ukraine besitzt Washington Möglichkeiten, europäischen Verbündeten Bedingungen aufzuzwingen, ohne dafür jedes Mal ein großes innenpolitisches Gesetzgebungsverfahren zu benötigen.

Ähnliches gilt für die NATO. Trump hat die amerikanische Unterstützung des Bündnisses wiederholt öffentlich infrage gestellt. Sein Grönland-Kurs zeigt zudem, wie weit seine transaktionale Vorstellung von Außenpolitik reicht. Noch beim NATO-Gipfel im Sommer verlangte er erneut amerikanische Kontrolle über Grönland, also über Territorium des NATO-Verbündeten Dänemark.

Das ist kein Nebenthema. Es zeigt einen fundamentalen Unterschied im Bündnisverständnis. Europa betrachtet NATO idealerweise als Werte- und Sicherheitsgemeinschaft. Trump denkt Bündnisse als Geschäfte: Wer zahlt was? Wer bekommt was? Und welchen Vorteil ziehen die Vereinigten Staaten daraus?

Iran: Die gefährlichste Flucht nach vorn

Noch größer ist das Risiko beim Iran. Trump wollte den Krieg begrenzen, doch mehr als ein halbes Jahr nach seinem Beginn war eine dauerhafte Beilegung nicht erreicht. Iran demonstrierte zudem, wie verwundbar die Weltwirtschaft an der Straße von Hormus ist.

Damit entsteht eine gefährliche Konstellation. Ein Präsident, der innenpolitisch geschwächt ist, könnte außenpolitische Stärke stärker inszenieren wollen. Zu behaupten, Trump werde deshalb den Konflikt eskalieren, wäre unseriös. Aber sein politischer Anreiz zur demonstrativen Härte nimmt nicht notwendigerweise ab, nur weil seine Partei bei den Midterms verliert.

Und die Rechnung würde auch Europa begleichen: über höhere Energiepreise, zusätzliche Flüchtlingsbewegungen, neue militärische Verpflichtungen und eine weitere Schwächung internationaler Nichtverbreitungsregime.

Trump gegen die EU, nicht nur gegen Europa

Hinzu kommt eine ideologische Dimension, die in Deutschland häufig unterschätzt wird. Trump stört sich nicht nur daran, dass europäische Staaten seiner Ansicht nach zu wenig für Verteidigung ausgeben. Sein politisches Umfeld betrachtet auch die supranationale Integration Europas mit großer Skepsis.

Deshalb muss Europa damit rechnen, dass Washington verstärkt bilaterale Beziehungen mit Regierungen und Parteien pflegt, die Kompetenzen von Brüssel zurückdrängen wollen. Eine zerstrittene EU ist für eine transaktionale amerikanische Machtpolitik leichter zu behandeln als ein geschlossen auftretender Wirtschaftsraum mit 450 Millionen Einwohnern.

Die Gefahr besteht daher nicht lediglich darin, dass Washington Europa weniger unterstützt. Die größere Herausforderung wäre ein Amerika, das europäische Uneinigkeit aktiv für eigene Interessen nutzt. Einen Vorgeschmack auf einen möglichen Kurs des divide et impera, der europäische Bruchlinien gezielt für amerikanische Interessen nutzt, gaben bereits Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio bei der Münchner Sicherheitskonferenz, wenn auch in sehr unterschiedlichen Tonlagen.

Vance oder Rubio: Der Kampf um das Erbe beginnt

Die Midterms eröffnen bereits den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2028. Zwei Namen stehen bei den Republikanern besonders im Mittelpunkt: Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio.

Vance verkörpert stärker die ideologische Fortführung des MAGA-Projekts: nationalistisch, migrationskritisch, skeptisch gegenüber der traditionellen transatlantischen Ordnung. Rubio könnte sich dagegen als außenpolitisch erfahrenerer und institutionellerer Republikaner präsentieren.

Präsident Donald Trump im Weißen Haus in Washington, 21. June, 2025, mit Vizepräsident Vance, Außenminister Marco Rubio und Verteidigungsminister Peter Hegseth
Präsident Donald Trump im Weißen Haus in Washington, 21. June, 2025, mit Vizepräsident Vance, Außenminister Marco Rubio und Verteidigungsminister Peter Hegseth AP Photo

Gerade eine deutliche Wahlniederlage macht diese Auseinandersetzung interessant. Der Kampf um die Deutungshoheit hat begonnen: Hat MAGA verloren, weil die Republikaner Trump nicht konsequent genug gefolgt sind? Dann profitiert eher Vance. Oder haben sie verloren, weil Trump Wähler der politischen Mitte verschreckt hat? Dann eröffnet sich für Rubio Raum.

Entscheidend aber bleibt vorerst Trump selbst. Er dürfte beide im Rennen halten, weil Konkurrenz ihre Loyalität sichert. Das entspricht seiner bewährten Personalführung: Nicht frühzeitig einen Nachfolger aufbauen, sondern mehrere Aspiranten vom eigenen Wohlwollen abhängig machen.

Rücken die USA jetzt nach links?

Auch bei den Demokraten wäre es voreilig, aus dem Ergebnis eine simple Linksverschiebung abzuleiten. Der Aufstieg von New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani und zahlreiche Siege progressiver Demokraten bei den Kongresswahlen zeigen zwar, dass insbesondere jüngere Wähler für eine stärker sozialdemokratische Agenda mobilisierbar sind. Von ihm unterstützte Kandidaten konnten bereits demokratische Vorwahlen gegen Vertreter des Parteiestablishments gewinnen.

Aber Mamdanis Bedeutung liegt weniger darin, dass ganz Amerika nun demokratisch-sozialistisch wird. Interessanter ist, warum seine Botschaften funktionieren: Wohnkosten, Gesundheitsversorgung und die alltägliche finanzielle Überforderung vieler Amerikaner. Er beantwortet materielle Unsicherheit nicht mit Identitätspolitik, sondern mit einer Verteilungsfrage.

New York Citys Bürgermeister Zohran Mamdani 21. September 2026, in New York. (AP Photo/Adam Gray, File)
New York Citys Bürgermeister Zohran Mamdani 21. September 2026, in New York. (AP Photo/Adam Gray, File) Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved.

Das könnte für die Demokraten zum strategischen Konflikt werden. Ein Teil der Partei wird aus dem Midterm-Erfolg die Forderung nach einem progressiveren wirtschaftspolitischen Kurs ableiten; andere werden darauf hinweisen, dass Mehrheiten in Swing States gerade durch moderate Kandidaten gewonnen werden. Schon vor der Wahl zeichnete sich ein Machtkampf zwischen Parteiführung und erstarkten Progressiven ab.

Europas gefährlichster Irrtum

Aus europäischer Sicht wäre deshalb der größte Fehler, erleichtert auf Trumps innenpolitische Niederlage zu reagieren. Checks and Balances funktionieren nicht überall gleich stark.

Je stärker der Kongress Trump innenpolitisch kontrolliert, desto stärker dürfte er jene Machtinstrumente nutzen, über die er weiterhin selbst verfügt. Dazu gehören Zölle, Sanktionen, militärische Drohungen, diplomatischer Druck und die politische Konditionierung amerikanischer Sicherheitsgarantien.

Europa bekommt deshalb womöglich keinen schwächeren Trump, sondern einen Trump, der sich noch stärker der Weltpolitik zuwendet.
Dr. Josef Braml
USA-Experte

Europa bekommt deshalb womöglich keinen schwächeren Trump, sondern einen Trump, der sich noch stärker der Weltpolitik zuwendet.

Für Deutschland und die EU folgt daraus eine unangenehme Konsequenz: Sie dürfen ihre strategische Vorbereitung nicht darauf ausrichten, Trump politisch auszusitzen. Europa muss wirtschaftlich gegenüber amerikanischem Zolldruck widerstandsfähiger, militärisch innerhalb der NATO eigenständiger und politisch gegenüber Versuchen der Spaltung geschlossener werden.

Dr. Josef Braml ist USA-Experte, Buchautor und Europäischer Direktor der Denkfabrik Trilaterale Kommission. Er verfügt über 20 Jahre Erfahrung in angewandter Forschung und Beratung weltweit führender Think Tanks, unter anderem bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), dem Aspen Institut, der Brookings Institution, der Weltbank und als legislativer Berater im US-Abgeordnetenhaus. Soeben ist sein Buch „Die narzisstische Nation. Amerika, Europa und die Psychologie der Macht“ erschienen.

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