In 27 Regionen Russlands breitet sich das HI-Virus laut Rospotrebnadsor inzwischen in der gesamten Bevölkerung aus. Menschen stecken einander immer häufiger an – oft, ohne von ihrer Infektion zu wissen.
In 27 russischen Regionen herrscht eine generalisierte HIV-Epidemie. Das berichtet das Zentrale Forschungsinstitut für Epidemiologie von Rospotrebnadsor. Forscher verwenden diesen Begriff für eine Phase, in der sich das HI-Virus in der gesamten Bevölkerung verbreitet und nicht mehr nur in Gruppen mit erhöhtem Risiko.
In diesen Regionen wird HIV bei mehr als ein Prozent der schwangeren Frauen diagnostiziert. Besonders schwierig ist die Lage in den Gebieten Kemerowo, Irkutsk und Swerdlowsk.
Nach Angaben des Zentralen Forschungsinstituts für Prävention und Bekämpfung von AIDS wurden 2025 in Russland 45 000 neue HIV-Infektionen festgestellt, 13,4 Prozent weniger als 2024. Zugleich verzeichnete das Land im vergangenen Jahr einen Rekord bei HIV- und Hepatitis-Infektionen in medizinischen Einrichtungen, wie die vom Fachportal Medvestnik zusammengetragenen Statistiken zeigen.
Experten melden höchste HIV- und Hepatitis-Infektionen in Kliniken seit 15 Jahren
Es geht um die höchsten Werte der vergangenen 15 Jahre. Vor allem Ausbrüche von Hepatitis C und kombinierte Infektionen mit HIV und Hepatitiden dominieren, erklärte die Leiterin der Abteilung für epidemiologisches Wohlbefinden der Bevölkerung bei Rospotrebnadsor, Jelena Igonina. Im Jahr 2025 wurden acht Ausbrüche in medizinischen Einrichtungen der Russischen Föderation registriert, 104 Patienten infizierten sich.
Nach Daten von Rospotrebnadsor laufen 2026 Ermittlungen zu elf Ausbrüchen in zehn Regionen der Russischen Föderation, in denen eine Verbreitung von HIV und Hepatitiden in medizinischen Organisationen vermutet wird. In Moskau untersuchen die Behörden einen Ausbruch mit 22 Fällen von Hepatitis C.
Einer der größten bestätigten Ausbrüche der vergangenen zwei Jahre ist die Infektion von 82 Menschen in einem Sanatorium in Kabardino-Balkarien. Bei der medizinischen Versorgung infizierten sich 76 Patienten mit Hepatitis C, bei sechs wurden kombinierte Infektionen festgestellt. In onkologischen Stationen im Gebiet Kamtschatka und in Burjatien erkrankten 147 beziehungsweise 42 Patienten an Hepatitis. Drei weitere Hepatitis-C-Ausbrüche wurden in Dialysezentren der Regionen Samara und Kursk registriert, dort waren 26 Menschen betroffen.
Als Hauptursache nennen Experten Verstöße gegen den sanitären und epidemiologischen Modus, etwa wenn eigentlich individuelle Katheter oder Blutzuckermessgeräte bei mehreren Patienten eingesetzt werden. In solchen Situationen stammen die Infektionen meist von Patienten mit bislang nicht erkannten Erkrankungen.
Jelena Igonina betont, dass diese „systemischen und groben Verstöße“ im heutigen Russland dauerhaft vorkommen. Blutspender sowie Spender von Komponenten, Organen und Gewebe sind zwar gut durch eine gleichzeitige Testung auf Antikörper und RNA von Hepatitis C erfasst. Bei anderen Gruppen, die ebenfalls getestet werden müssten, Patienten in Hämodialyse-, Hämatologie- und Transplantationsabteilungen, Kontaktpersonen in Hepatitis-Ausbrüchen, Kinder bis zu einem Jahr, die von HIV-infizierten Müttern geboren wurden, und Patienten mit Immundefekten, bleibt die Untersuchung auf RNA deutlich zurück.
Außerdem wurden 2026 erstmals seit sechs Jahren zwei HIV-Infektionen nach Transfusion von Blutkomponenten festgestellt, teilte das Zentrale Institut für Epidemiologie von Rospotrebnadsor mit.
Wenn Krankenhäuser massenhaft Menschen mit nicht erkannten Infektionen aufnehmen, erklärte der internationale HIV-Berater Alexej Werter gegenüber Current Time, bedeutet das, dass „der Infektionsprozess im Land latent und verborgen abläuft“ und sehr viele Menschen nicht wissen, dass sie infiziert sind.
Trotz sinkender Sterblichkeit steigt Zahl der HIV-Infizierten
Die Autoren von Medvestnik weisen darauf hin, dass die Zahl der Infizierten in Russland trotz sinkender HIV-Inzidenz und Sterblichkeit weiter wächst. Statistisch kommen auf jeden Todesfall eineinhalb neue Infektionen. „Die Zahl der Menschen, die mit HIV leben, steigt damit kontinuierlich“, erläutert Natalja Ladnaja.
Dem Rückgang ging eine lange Phase steigender Erkrankungsraten voraus. In den vergangenen drei Jahren sanken die Werte für Inzidenz und Sterblichkeit unter HIV-Infizierten, und nach ihren vorläufigen Daten setzt sich dieser Trend 2026 fort. Trotzdem warnt die Expertin davor, sich auszuruhen, denn „die Dynamik kann sich sehr schnell ändern“.
In den letzten Jahren lag die Zahl der Todesfälle durch HIV in Russland bei 30 bis 34 000 Fällen jährlich. Das sei ein äußerst hoher Wert, betont die Leiterin der Forschungsabteilung für Prävention und Bekämpfung von AIDS am Zentralen Institut von Rospotrebnadsor: "Unter allen Ländern der Welt gibt es nur 15 Staaten, in denen mehr als 15 000 Todesfälle von HIV-Infizierten registriert werden, darunter Russland.“ Der Direktor des Zentralen Forschungsinstituts für Epidemiologie von Rospotrebnadsor, Akademiemitglied Wassili Akimkin, ergänzt: "Die höchsten HIV-Inzidenzen pro 100 000 Einwohner im europäischen Raum verzeichnen Russland, die Ukraine und Nordmazedonien.“
HIV ist inzwischen die häufigste Todesursache bei erwerbsfähigen Russen. In der Gruppe der Männer im Alter von 40 bis 49 Jahren sind mehr als drei Prozent infiziert, erläutert Natalja Ladnaja. Das Durchschnittsalter der Infizierten in Russland ist in den vergangenen 15 Jahren von 32 auf 44 Jahre gestiegen. Auffällig ist auch, dass zwei Drittel der neuen HIV-Übertragungen auf heterosexuelle Kontakte zurückgehen.
In Russland leben derzeit mehr als 1,232 Millionen Menschen mit bestätigter HIV-Diagnose, das entspricht 0,8 Prozent der Bevölkerung, so Akimkin. Rospotrebnadsor warnt, dass die Zahl der Menschen, die mit HIV leben, bei gleichbleibender Prävention und Therapieansätzen bis 2030 auf 1,47 Millionen steigen könnte, wie eine mathematische Modellrechnung der Behörde zeigt. Die jährliche Zahl neuer Fälle würde in diesem Szenario 31 bis 51 000 erreichen. Die Zahl der Todesfälle, die im Modell berücksichtigt werden, könnte auf bis zu 51 000 pro Jahr anwachsen, auch wegen der Alterung der Bevölkerung.
In den vergangenen sieben Jahren haben sich zudem die Hauptursachen für den Tod von Kindern mit HIV verändert. Ein Anstieg der Sterblichkeit in dieser Patientengruppe wurde 2025 in allen föderalen Bezirken registriert, mit Ausnahme des Zentralen und des Ural-Bezirks.
Nach Analysen mehrerer russischer Medien erfassen Rospotrebnadsor und das Gesundheitsministerium die Epidemie unterschiedlich. Die Daten von Rospotrebnadsor gelten als umfassender, sie basieren auf Laborberichten zu jedem positiven Immunoblot. Die Zahlen des Gesundheitsministeriums orientieren sich an Personen, die in die ambulante Betreuung aufgenommen wurden. Dadurch entsteht eine Differenz zwischen der Gesamtzahl der Menschen mit bestätigter Diagnose, 1,23 Millionen laut Rospotrebnadsor, und den Patienten, die tatsächlich unter ärztlicher Kontrolle stehen, 846 500 laut Gesundheitsministerium. Die Lücke beträgt 385 555 Menschen.
600 000 Infizierte tragen zur weiteren HIV-Übertragung bei
Nur die Hälfte der Menschen, die in Russland mit HIV leben, hatte bis Ende 2025 eine unterdrückte Viruslast, berichtete Natalja Ladnaja auf der Konferenz "Epidemiologische Überwachung der HIV-Infektion“, zitiert vom Medvestnik. In der Praxis bedeutet dies, dass mindestens 600 000 Infizierte "weiterhin aktiv an der Übertragung des Virus teilnehmen“, so die Expertin.
Im vergangenen Jahr erreichten 77,9 Prozent der Menschen mit HIV, die eine antiretrovirale Therapie erhalten, eine unterdrückte Viruslast. "Diesen Wert können wir bislang nicht übertreffen“, sagt sie. Dabei setzt die Weltgesundheitsorganisation für eine Kontrolle der Epidemie den Zielwert 95-95-95. Das heißt: 95 Prozent der Menschen mit HIV kennen ihren Status, 95 Prozent von ihnen erhalten eine antiretrovirale Therapie, bei 95 Prozent der Behandelten wird die Replikation von HIV unterdrückt.
Was die medizinische Versorgung der Menschen betrifft, die in Russland mit HIV leben, standen im vergangenen Jahr 72 Prozent der Infizierten unter ambulanter Beobachtung. Trotz der hohen Testquote, die in den letzten zehn Jahren um 75 Prozent gestiegen ist und im vergangenen Jahr 54 Millionen Tests erreichte, sinkt die Effizienz der Arbeit. Nach Ansicht des Direktors des Zentralen Forschungsinstituts für Epidemiologie von Rospotrebnadsor müssen die Ansätze geändert werden, indem stärker jene Menschen getestet werden, die besonders gefährdet sind und bisher unzureichend erfasst werden. Ihr Anteil ist fast halbiert worden, von 5,8 Prozent im Jahr 2014 auf drei Prozent 2023.
Die Effizienz sinkt also, es werden mehr Tests durchgeführt, doch gesucht wird immer weiter entfernt von den Gruppen, in denen die Wahrscheinlichkeit, HIV zu finden, am höchsten ist.
Staatliche Unterfinanzierung
Dass die Belastung durch HIV trotz sinkender Inzidenz nicht abnimmt, schlägt sich in den Kosten des Gesundheitswesens nieder, betont Natalja Ladnaja. 2025 wurden die HIV-bedingten Ausgaben auf 279 Milliarden Rubel geschätzt.
Nach Ansicht der Expertin gibt es keine Anzeichen für eine Entspannung. Im Gegenteil, eine verstärkte Verbreitung des Virus unter traditionell besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppen ist möglich, ebenso in Grenzregionen zur Ukraine mit hoher Migration. Nach Angaben von Rospotrebnadsor droht ein Anstieg von Inzidenz und Sterblichkeit auch in den fernöstlichen, südlichen und nordkaukasischen Föderalbezirken.
Über die Verbreitung von Viren, darunter HIV, in den Reihen der Kämpfer gegen die Ukraine berichteten zudem mehrere Blogger. Nach Worten von Anastassija Kaschewarowa sollten die russischen Behörden „ernsthaft nachdenken, denn es droht eine Epidemie sozial gefährlicher Krankheiten“. Hepatitis, HIV und Tuberkulose breiteten sich derzeit in der Armee und in Frontgebieten aus, „und später dringen sie in das Landesinnere Russlands vor“.
The Insider berichtete bereits zuvor, dass Patienten mit HIV nach der russischen Besetzung von Teilen der Gebiete Donezk und Luhansk mit einem Mangel an lebenswichtigen Medikamenten konfrontiert waren. Das russische Gesundheitsministerium nahm sie nicht in die zentralisierten Arzneimittelkäufe auf, einigen Patienten wurden Medikamente mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum ausgehändigt.
Beobachter erklären den Mangel an sterilen Verbrauchsmaterialien in staatlichen Krankenhäusern auch damit, dass das Budget für das Gesundheitswesen schrumpft und Mittel in den Krieg fließen.
Andere russische Medien heben hervor, dass sich die meisten Geldgeber, die Programme zur HIV-Prävention in der Bevölkerung und bei besonders gefährdeten Gruppen finanzierten, aus Russland zurückgezogen haben. Russland selbst stellt für diese Projekte nicht genug Mittel bereit, zitiert Current Time den Chefredakteur des queeren Mediums "Parni+“ Jewgenij Pisemski. Bei 45 000 neu entdeckten HIV-Infektionen im Jahr 2025 sieht der russische Haushaltsentwurf für 2027 zusätzliche Mittel für Medikamente nur für 30 000 neue Träger des Virus vor.