IWF-Prognosen sagen bis 2030 in ganz Europa deutlich höhere Pro-Kopf-Einkommen in Euro voraus, doch die Rangfolge nach Kaufkraft bleibt weitgehend stabil.
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) je Einwohner zählt zu den wichtigsten Vergleichsmaßstäben für Volkswirtschaften. In großen Teilen Europas zeigt die Kurve nach oben.
Steigende Werte bedeuten jedoch nicht automatisch, dass ein Land seinen Konkurrenten davonläuft. Die Rangfolge verschiebt sich, wenn sich ganze Wirtschaftsregionen gemeinsam entwickeln. Oft sagt die Position in der Tabelle mehr aus als die nackte Zahl.
Welche europäischen Länder dürften bis 2030 beim BIP pro Kopf vorn liegen – und wo zeichnen sich größere Verschiebungen ab?
Euronews Business hat dafür die Prognosen des Internationalen Währungsfonds (World Economic Outlook) für 2025 und 2030 ausgewertet. Sie umfassen sowohl das nominale BIP je Kopf als auch Werte auf Basis der Kaufkraftparität (Purchasing Power Parity, PPP), die Preisunterschiede zwischen Ländern ausgleicht.
Irland überholt Luxemburg beim BIP je Kopf nach Kaufkraft
Von einundvierzig europäischen Ländern – EU-Staaten, Beitrittskandidaten, EFTA-Ländern und dem Vereinigten Königreich – dürfte Irland im Jahr 2030 beim BIP je Kopf nach Kaufkraft an der Spitze stehen. Irland verdrängt damit Luxemburg, das 2025 noch vorne liegt.
Diese Spitzenposition hat allerdings einen Haken. Irlands BIP gilt seit Langem als verzerrt, weil viele multinationale Konzerne dort ihren Sitz haben. Alan Barrett, Direktor des Economic and Social Research Institute, hält deshalb das Bruttonationaleinkommen (BNE) für einen deutlich besseren Indikator der tatsächlichen Wirtschaftsleistung des Landes.
Nach den BNE-Zahlen der Weltbank für 2024 taucht Irland in den Top vier gar nicht erst auf.
Norwegen, die Schweiz und Dänemark komplettieren voraussichtlich die Top fünf. Ihre Platzierungen bleiben zwischen 2025 und 2030 stabil.
Unter den fünf größten Volkswirtschaften Europas schneidet Deutschland am besten ab und liegt auf Rang zwölf. Es folgen Frankreich (Rang fünfzehn) und das Vereinigte Königreich (Rang sechzehn). Italien steht auf Platz achtzehn, Spanien bildet mit Rang zweiundzwanzig das Schlusslicht der fünf.
Beitrittskandidaten am Tabellenende – mit einer Ausnahme
Die unteren neun Plätze belegen überwiegend EU-Beitrittskandidaten; Ukraine, Kosovo und Moldau bilden das Schlussfeld. Eine Ausnahme ist die Türkei: Sie dürfte 2030 auf Rang neunundzwanzig landen und damit drei vollwertige EU-Mitglieder überholen – Bulgarien, Lettland und Griechenland.
Fünfzehn Länder dürften ihre Platzierung zwischen 2025 und 2030 halten. Griechenland verzeichnet den stärksten Rückgang und fällt von Rang neunundzwanzig auf Rang zweiunddreißig. Zypern macht den größten Sprung nach oben und klettert von Rang sechzehn auf Rang dreizehn.
Kein anderes Land verändert seine Position voraussichtlich um mehr als drei Ränge.
Die Differenz zwischen nominaler Rangliste und PPP-Ranking erzählt eine eigene Geschichte. Malta, Rumänien, Polen und die Türkei schneiden nach Kaufkraftparität deutlich besser ab als in nominalen Euro-Werten. Ihre reale Kaufkraft liegt also höher, als die bloßen Zahlen vermuten lassen.
Umgekehrt ist es in Estland, im Vereinigten Königreich, in Island und Lettland: Dort bleibt das PPP-Ranking spürbar hinter den nominalen Platzierungen zurück.
An der Tabellenspitze sind die Abstände besonders groß. Irland und Luxemburg fallen deutlich aus dem Rahmen. Für sie prognostiziert der IWF ein BIP je Kopf von rund 182.000 internationalen Dollar (etwa 168.000 Euro) beziehungsweise 167.000 internationalen Dollar (rund 154.000 Euro).
Es folgen Norwegen und die Schweiz, die bis 2030 jeweils die Marke von 115.000 internationalen Dollar (rund 106.000 Euro) überschreiten dürften.
Selbst ohne Irland und Luxemburg bleiben die Unterschiede innerhalb der EU deutlich. Dänemark liegt mit rund 100.000 internationalen Dollar (circa 92.000 Euro) pro Kopf vorn. Das ist fast doppelt so viel wie in Griechenland mit 54.000 internationalen Dollar (etwa 50.000 Euro) – dem niedrigsten Wert unter den EU-Staaten.
Unter den großen Volkswirtschaften weist Deutschland mit 86.000 internationalen Dollar (rund 79.000 Euro) die höchste Kaufkraft auf. Spanien bildet mit 66.000 internationalen Dollar (circa 61.000 Euro) das Schlusslicht – ein Abstand von rund 31 Prozent.
Außerhalb der EU ist das Bild noch deutlicher. Fast alle Beitrittskandidaten liegen voraussichtlich unter 50.000 internationalen Dollar (etwa 46.000 Euro) je Kopf, einige sogar deutlich darunter, mit Werten von unter 30.000 internationalen Dollar (rund 28.000 Euro) – also etwa der Hälfte des griechischen Niveaus. Der Abstand zwischen der EU und den Ländern, die auf einen Beitritt warten, bleibt enorm.
Lücke in Euro noch größer
In nominalen Euro-Beträgen klafft die Schere noch weiter auseinander. Laut IWF-Prognosen reicht das Spektrum des BIP je Kopf 2030 über alle einundvierzig Länder hinweg von 7.276 Euro in der Ukraine bis zu 152.417 Euro in Luxemburg – ein Abstand, der die PPP-Vergleiche deutlich übertrifft. In der EU steht Bulgarien mit 28.086 Euro am Ende der Tabelle.
Selbst ohne Luxemburg und Irland, das auf 137.819 Euro kommt, bleiben die Unterschiede im Binnenmarkt beachtlich.
Dänemark belegt unter den EU-Staaten Rang drei mit 84.128 Euro. Es folgen die Niederlande (79.613 Euro), Schweden (73.104 Euro) und Österreich (67.406 Euro).
Deutschland kommt auf 65.924 Euro und liegt damit insgesamt auf Rang zehn – als einziges der fünf größten europäischen Volkswirtschaften in den Top zehn. Das Vereinigte Königreich folgt dicht dahinter auf Platz elf mit 64.360 Euro.
Außerhalb der EU gehören die Schweiz (127.846 Euro), Island (108.366 Euro) und Norwegen (93.046 Euro) zu den Top fünf insgesamt. Sie liegen in der Rangliste zwischen Luxemburg und Irland an der Spitze.
Am übergeordneten Muster ändert das wenig: Länder in Nord- und Westeuropa drängen sich an der Spitze, während Osteuropa – vor allem die EU-Beitrittskandidaten – deutlich zurückliegt.