Zeckenbisse: Unbekannte Krankheit löst lebensbedrohliche Fleischallergie aus – das müssen Sie wissen und wie Sie sich schützen
Zecken sind dafür bekannt, Infektionen zu übertragen, die schwere Krankheiten auslösen können, darunter Borreliose und die durch Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).
Doch sie können auch eine weniger bekannte Erkrankung verursachen: das Alpha-Gal-Syndrom, eine potenziell lebensbedrohliche Fleischallergie.
Forschende brachten das Syndrom vor etwa fünfzehn Jahren erstmals mit einer bestimmten Zeckenart in Verbindung. Seither stellen Ärztinnen und Ärzte die Diagnose immer häufiger, weil das Bewusstsein wächst und mehr Menschen über allergische Reaktionen nach dem Verzehr von Fleisch und in manchen Fällen auch von Milchprodukten berichten.
Der Verzehr von Meeresfrüchten oder Geflügel wie Huhn, Pute und Eiern ist davon nicht betroffen.
Ursachen: Wie entsteht das Syndrom?
Anders als viele andere durch Zecken übertragene Krankheiten entsteht das Alpha-Gal-Syndrom nicht durch Bakterien oder Viren. Es tritt auf, wenn das menschliche Immunsystem auf eine bestimmte Zuckerart reagiert, das sogenannte Alpha-Gal, kurz für Galactose-α.
Dieser Zucker steckt im Fleisch der meisten Säugetiere wie Rindern, Schweinen und Schafen sowie im Speichel bestimmter Zecken, jedoch nicht im Menschen oder in anderen Primaten.
Über die Nahrung ist Alpha-Gal normalerweise harmlos. Bei einem Zeckenstich gelangt der Zucker jedoch direkt über die Haut in den Blutkreislauf. Der Körper bildet dann Antikörper – also Abwehrproteine des Immunsystems gegen fremde Stoffe –, die lernen, Alpha-Gal-Zuckermoleküle zu erkennen und zu bekämpfen.
Später können diese Alpha-Gal-Antikörper beim Verzehr von Säugetierfleisch eine allergische Reaktion auslösen.
„Es zeigt sich, dass die Haut ein hervorragender Weg ist, um eine allergische Reaktion auszulösen“, sagt Scott Commins, Mediziner und Alpha-Gal-Forscher an der University of North Carolina.
„Würde all das nur oral passieren, also wenn wir Alpha-Gal wie bei Steaks oder Grillfleisch zu uns nehmen, würden wir nicht allergisch werden.“
Symptome: Woran lässt sich Alpha-Gal erkennen?
Typisch für das Alpha-Gal-Syndrom ist, dass Beschwerden erst bis zu sechs Stunden nach dem Verzehr von rotem Fleisch auftreten. Bis sich die Allergie entwickelt, können Wochen oder Monate vergehen, und die Symptome verschlimmern sich oft mit der Zeit.
„Die Patientin oder der Patient hat vielleicht abends Fleisch gegessen und wacht dann in der Nacht mit schweren Beschwerden auf. Das macht es für Betroffene und Ärztinnen oder Ärzte schwer, die allergische Reaktion mit etwas in Verbindung zu bringen, das viele Stunden zuvor gegessen wurde“, sagt Marianne van Hage, Professorin für klinische Immunologie am Karolinska Institutet in Schweden.
Typische Symptome sind Hautausschlag, starker Juckreiz am ganzen Körper und Magen-Darm-Probleme wie Blähungen und Bauchschmerzen. In schweren Fällen kommt es zu einer Anaphylaxie mit Schwellungen, Atemnot und Kreislaufschock.
Zahlen steigen: Wird Alpha-Gal häufiger diagnostiziert?
Die Zahl der gemeldeten Fälle nimmt zu. Fachleute führen einen Teil dieses Anstiegs darauf zurück, dass Ärztinnen, Ärzte und Öffentlichkeit besser informiert sind.
„Ich glaube, ein Teil davon liegt daran, dass mehr Menschen davon erfahren haben und gezielt nach diesem Syndrom suchen“, sagt Maria Diuk-Wasser, Forscherin an der Columbia University, die zu durch Zecken übertragenen Krankheiten arbeitet.
Die steigenden Fallzahlen hängen auch mit der Ausbreitung der Lone-Star-Zecke zusammen, dem wichtigsten Überträger. Sie kommt bislang nur in Nordamerika vor.
Auch andere Arten wie Ixodes ricinus – in Europa als Schafs- oder Hirschzecke bekannt – können mit dem Alpha-Gal-Syndrom in Verbindung stehen, wenn auch seltener.
Diagnose: Wie weisen Ärztinnen und Ärzte Alpha-Gal nach?
Die Diagnose erfolgt über einen Bluttest, der nach dem Antikörper IgE sucht.
„Der Bluttest an sich ist sehr hilfreich, aber er reicht nicht allein für die Diagnose. Entscheidend sind auch die konkreten Beschwerden“, sagt Commins. „In der Allergologie haben wir große Probleme mit falsch-positiven Bluttests.“
Bei einigen Patientinnen und Patienten klingt die Allergie nach einigen Jahren wieder ab. Commins hat das bei etwa 15 bis 20 Prozent seiner Behandelten beobachtet. Trotzdem bleibt es entscheidend, weitere Zeckenstiche zu vermeiden, um einen Rückfall zu verhindern.