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Wie Sport das Leben von Menschen mit Autismus in Zentralasien verändert

Im Saryarka-Nationalvelodrom in Astana gehört das adaptive Radfahren inzwischen zu den wichtigsten Programmen, die Kinder mit Autismus mit gezieltem Training fördern.
Im Saryarka-Nationalvelodrom in Astana ist adaptives Radfahren zu einem zentralen Angebot für Kinder mit Autismus geworden, das auf strukturiertes Training setzt. Copyright  Copyright: Euronews
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Von Tomiris Bilyal
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Kann Sport das Leben von Kindern mit Autismus verbessern? Angebote wie angepasstes Radfahren oder inklusive Läufe fördern Kommunikation, Konzentration und Gefühlsregulation.

Weltweit leben mehr als 75 Millionen Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation erhält eines von hundert Kindern diese Diagnose.

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Autismus lässt sich nicht mit Medikamenten heilen. Kinder brauchen andere Formen der Unterstützung, damit sie sich entwickeln können.

Für viele Kinder mit Autismus gehören Kommunikation und soziale Kontakte zu den größten Hürden. Viele Eltern setzen deshalb auf Sport, um ihre Entwicklung zu fördern.

Ob Radfahren oder Laufen: Gezielte Bewegung hilft Kindern mit Autismus, sich besser zu konzentrieren, Gefühle zu regulieren und ihre Kommunikationsfähigkeit zu stärken. Besonders gefragt ist dabei das sogenannte adaptive Radfahren.

Der Sohn von Fatima Amerzhanova aus Astana in Kasachstan erhielt mit vier Jahren die Diagnose Autismus. Heute ist Amir zehn Jahre alt und spricht nicht, doch durch Sport macht er Fortschritte.

„Mit sechs Jahren haben wir unseren Schwerpunkt auf Sport gelegt – und sofort Veränderungen gesehen. Wir merkten, dass sich das Kind durch Bewegung beruhigt. Aggression und Autoaggression gingen zurück“, erzählt Fatima Amerzhanova.

„Über Bewegung lernt das Kind, seinen Körper besser zu spüren und zu verstehen. Auch das Gehirn arbeitet dann anders. Selbst mein Sohn beißt sich manchmal. Ich weiß, dass ihm nicht bewusst ist, dass er sich wehtut.“

Fatima Amerzhanova und ihr zehnjähriger Sohn Amir betreiben seit zwei Jahren adaptives Radfahren.
Fatima Amerzhanova und ihr zehnjähriger Sohn Amir betreiben seit zwei Jahren adaptives Radfahren. Copyright: Euronews

Auf einem Sommercamp in der Türkei entdeckte Fatima zum ersten Mal adaptives Radfahren für ihren Sohn. Zurück in Kasachstan setzten sie das Training fort. Später wechselte Amir von Einzelstunden in eine Gruppe, in der Hoffnung, dass er dort leichter Kontakt zu anderen findet.

In einer Gruppe sind zehn bis zwölf Kinder. Das ist nicht nur für Kinder mit Autismus anstrengend, sondern auch für neurotypische Kinder. In der dreiundzwanzigsten Stunde setzte er sich zum ersten Mal auf ein Rennrad, und ich habe geweint, weil wir es endlich geschafft hatten“, sagt Fatima Amerzhanova.

Radsporttrainer Kairat Khaldybek arbeitet täglich mit Kindern mit Autismus. Seit zwei Jahren trainiert er sie im Velolegend-Zentrum in Astana. Es gehört zu den wenigen Einrichtungen in Zentralasien, die solche Programme anbieten.

„Autismus hat viele Ausprägungen, aber wir sortieren keine Kinder aus. Wir arbeiten mit allen von den ersten Schritten an, und einige starten inzwischen sogar bei Wettkämpfen“, sagt Kairat Khaldybek.

Noch arbeiten wir nur in Astana in Kasachstan. Aus vielen Städten in ganz Zentralasien erreichen uns jedoch Anfragen, Filialen zu eröffnen.“

Neben dem Radfahren entdecken Kinder mit Autismus zunehmend auch Schwimmen, Tennis und Laufgruppen für sich.

Trotz des wachsenden Interesses bleibt der Zugang zu inklusiven Sportangeboten in der Region ungleich verteilt. Die meisten Programme konzentrieren sich auf Großstädte, Familien in kleineren Orten haben oft nur wenige Möglichkeiten.

Mehr als ein Lauf

Im vergangenen Monat fand in Astana einer der größten inklusiven Laufwettbewerbe Zentralasiens statt. Beim „Run for Autism“ gingen rund 5 000 Menschen an den Start.

„Als wir das Projekt gestartet haben, wollten wir vor allem die Öffentlichkeit für Autismus und seelische Gesundheit sensibilisieren“, sagte Dinara Gaplan, Vorsitzende der Bolashak-Stiftung.

„Heute stehen Tausende gemeinsam mit uns an der Startlinie. Das zeigt, dass die Gesellschaft offener wird, bewusster und bereit, wichtige soziale Initiativen zu unterstützen.“

Tausende laufen beim Run-for-Autism-Rennen in Astana für mehr Inklusion mit.
Tausende laufen beim Run-for-Autism-Rennen in Astana für mehr Inklusion mit. Copyright: Bolashak Corporate Fund

Die Bolashak-Stiftung hat die Initiative 2023 in Kasachstan gestartet. Seither haben sich mehr als 6 400 Menschen beteiligt, rund 80 000 Euro, also mehr als 42 Millionen Tenge, kamen zusammen.

„Die Kinder werden älter, und unsere Programme wachsen mit ihnen. Wir bauen derzeit das Angebot an beruflicher Bildung für Jugendliche und junge Erwachsene mit Autismus aus“, sagte Gaplan.

Alle Spenden fließen in berufliche Bildungsprogramme für Jugendliche mit Autismus und mit Down-Syndrom.

Die Bolashak-Stiftung hat zudem bereits 25 Inklusionsräume an Schulen und Hochschulen in ganz Kasachstan mit aufgebaut.

In vielen Familien in Zentralasien ist Sport längst mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung für Kinder. Er hilft, Ängste abzubauen, Selbstständigkeit zu fördern und schenkt Kindern mit Autismus in manchen Fällen ihre erste echte Verbindung zur Welt um sie herum.

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