Das Cover des Albums ist kein Hingucker. Doch abseits der Optik überraschen die Rolling Stones: Ihr Spätwerk blüht, die Energie ist ungebrochen.
Der Nostalgiesommer geht weiter. Oder doch nicht?
Nach Paul McCartneys sentimentalem Rückblick auf seine frühen Jahre mit ‘The Boys of Dungeon Lane’ und Madonnas Rückkehr auf die Tanzfläche 20 Jahre später mit ‘Confessions II’ meldet sich ein weiterer Klassiker zurück. Die Rolling Stones drehen mit ihrem neuen Album ‘Foreign Tongues’ aber nicht nostalgisch zurück, sondern klingen überraschend frisch, nach vorn gerichtet und weit entfernt von einem Ausflug in die eigenen Erinnerungen.
Bemerkenswert ist das für ein Album von Musikern, die inzwischen in ihren 80ern sind – Ronnie Wood ist mit seinen 79 Jahren der Jungspund der Band. Eigentlich hätten sie ihr 25. Studioalbum gut als Anlass nehmen können, um auf ihre über sieben Jahrzehnte währende Karriere zurückzuschauen, Bilanz zu ziehen und über ihr Vermächtnis zu sinnieren. ‘Foreign Tongues’ hält dagegen und fragt sinngemäß: „Ach was, hat jemand Lust auf Hooks, die jeden 50 Jahre jüngeren Kollegen vor Neid erblassen lassen?“
So beeindruckend diese Energie ist, noch erstaunlicher wirkt, wie gut Mick Jagger seine Stimme vor den Zumutungen des Alters bewahrt hat. Der fast 83-jährige Frontmann hat nichts von seinem Swagger und seinen typischen Schreien eingebüßt.
Wie er das schafft, werden wir wohl nie erfahren. Nach dem Hören von ‘Foreign Tongues’ scheint jedoch klar: Er und seine Truppe werden uns alle überleben.
Schon mit dem Doppelschlag aus ‘Rough And Twisted’ und ‘In The Stars’ zeigt die Band von Beginn an, dass dieser Nachfolger zu ‘Hackney Diamonds’ von 2023 reicher, frecher und deutlich einprägsamer ist als das Comeback-Album mit eigenen Songs von 2005.
Kein Seitenhieb gegen ‘Hackney Diamonds’, das eine willkommene kreative Wiederbelebung war. Im Vergleich wirken die Songs jedoch heute etwas kraftlos. Die Gitarren von Keith Richards und Ronnie Wood rücken in den Mittelpunkt, die bluesigen Riffs sitzen, die Melodien sind größer, und die Band klingt wirklich wie neu aufgeladen.
Es folgt eine kompakte, pulsierende Sammlung von Rock-Juwelen (‘Divine Intervention’), funkigem Pop (‘Never Wanna Lose You’), Stadion-Hymnen (‘Hit Me in the Head’) und einem sehr persönlichen Soloauftritt von Richards (‘Some Of Us’). Die Band teilt stellenweise sogar ordentlich aus.
Neben Seitenhieben auf den „verrückten Mogul Mr. Musk“ in ‘Mr. Charm’ und der Klage darüber, dass Autokraten „sich zu vermehren scheinen wie ein Schwarm dreckiger Ratten, mit ihren Raketen in Reih und Glied“ in ‘Covered In You’ liefern die Altrocker ein bemerkenswertes Honky-Tonk-Trennungslied mit dem Titel ‘Ringing Hollow’, in dem Jagger davon singt, dass er sich aus seiner Liebe zu den USA verabschiedet.
„Ich war hoffnungslos in dich verliebt, lange bevor wir uns getroffen haben / Hab all deine Filme gesehen, deine Zigaretten geraucht …“, heißt es darin, bevor Jagger feststellt, dass „immer irgendein Schurke versucht, die Menge aufzuhetzen“.
„Lady Liberty sieht nicht gut aus, wenn ein Riss durch ihr Kleid geht“, singt er weiter.
Niemand wird beim Namen genannt, doch wir wissen alle, wer mit dem Schurken gemeint ist.
Etwas enttäuschend geraten die groß angekündigten Gastauftritte: Paul McCartney spielt Bass auf ‘Covered In You’, Bruno Mars greift zur Kuhglocke auf ‘Never Wanna Lose You’, und Robert Smith von The Cure steuert Gitarre und Background-Gesang zu ‘Divine Intervention’ und ‘Never Wanna Lose You’ bei.
Die Songs sind stark, doch die Gastrollen wirken nicht unbedingt unverzichtbar. Ähnliches gilt für die beiden Coverversionen. Die Stones-Interpretationen von Amy Winehouses ‘You Know I’m No Good’ und Chuck Berrys ‘Beautiful Delilah’ sind zwar keineswegs Ausfälle, dennoch bleibt das Gefühl, dass das Album keinen Schaden genommen hätte, wären sie auf dem Schneidetisch gelandet.
Trotz dieser kleinen Wackler beeindruckt das Album durch seine Geschlossenheit, den Drive und den geschliffenen Sound. Ein großes Kompliment geht an den zurückgekehrten Produzenten Andrew Watt, der mit seinen 35 Jahren erneut zeigt, was er kann.
Der einzige echte Ausrutscher ist das zuckersüße ‘Jealous Lover’, das allzu krampfhaft versucht, das ‘Emotional Rescue’ dieses Albums zu sein – und daran scheitert. Allzu schwer wiegt das jedoch nicht, zumal Jagger auf ‘Back In Your Life’ seine stärkste Gesangsleistung seit Jahren hinlegt und ‘In The Stars’ als herausragender Track heraussticht. Es ist der ansteckendste Stones-Song seit ‘You Got Me Rocking’ von 1994.
„Willst du tanzen, bis das Dach einstürzt? / Ja, und die Gitarren schreien und der Chor singt weiter“, brüllt Jagger.
Die Gitarren schreien immer noch, die Chöre singen, und verblüffenderweise schaffen es die Stones weiterhin, dass man am liebsten wieder ein Dach zum Einsturz bringen würde.
‘Foreign Tongues’ ist nicht nur ein deutlicher Schritt nach vorn gegenüber ‘Hackney Diamonds’ von 2023, sondern auch eine eindringliche Erinnerung daran, dass es bei Jagger, Richards und Wood offenbar weder das Alter noch die abgespielten Kilometer sind, die zählen. Entscheidend ist ihr ungebrochener Wille, die eigene Begeisterung lebendig zu halten.
Eine Zeile in ‘Some Of Us’ wirkt allerdings etwas beunruhigend: Richards gesteht, dass „einige von uns auf den Knien sind“ … Doch wir müssen uns offenbar keine ernsthaften Sorgen machen. Angesichts der Tatsache, dass ‘Foreign Tongues’ vielleicht ihr bestes Album seit ‘Tattoo You’ von 1981 ist, steht fest: Die Band steht immer noch kerzengerade.
Die Rolling Stones: ‘Foreign Tongues’ ist jetzt erschienen.