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Türkei blockiert 1.200 km langes Untersee-Stromkabel nach Zypern

Ein Kriegsschiff nimmt an einem gemeinsamen Manöver mit Streitkräften aus Griechenland und den Vereinigten Arabischen Emiraten nahe Kreta teil. September 2020.
Ein Kriegsschiff nimmt nahe Kreta an einem gemeinsamen Manöver mit Streitkräften aus Griechenland und den Vereinigten Arabischen Emiraten teil. September 2020. Copyright  AP/ Greek Defense Ministry
Copyright AP/ Greek Defense Ministry
Von Marta Pacheco
Zuerst veröffentlicht am
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Das knapp 2 Milliarden Euro teure Unterseekabel "Great Sea Interconnector" soll Zypern an das Stromnetz der EU anbinden und die Energieisolation Nikosias beenden. Doch türkische Ansprüche im Mittelmeer und Finanzierungsprobleme verzögern das Projekt über 2024 hinaus.

Der Vorstoß der Europäischen Union zu einem stärker vernetzten Stromnetz stößt auf ein immer vertrauteres Hindernis: die Geopolitik.

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Der "Great Sea Interconnector" (GSI), ein Projekt mit einem Umfang von 1,9 Milliarden Euro, soll die Stromnetze Griechenlands, Zyperns und Israels verbinden. Doch der Bau verzögert sich immer wieder, weil Streitigkeiten um Seegrenzen im östlichen Mittelmeer die Arbeiten an politisch sensiblen Abschnitten der Trasse erschweren.

Für Brüssel geht es um mehr als nur ein einzelnes Infrastrukturvorhaben. Das rund 1.200 Kilometer lange Seekabel würde Zypern den Status nehmen, als einziger EU-Mitgliedstaat ohne Stromanbindung an das Verbundnetz der Union dazustehen.

Das Projekt würde zudem die Energiesicherheit in der Region stärken und den Einsatz von erneuerbarer Energie ausweiten. Für Zypern könnten dadurch die Stromrechnungen sinken.

Die EU-Kommission hat bereits 657 Millionen Euro zugesagt und das Vorhaben als strategisch eingestuft, da die EU ihre alternden Stromnetze umfassend modernisieren und rasch wachsende Mengen an sauberer Energie integrieren will.

Doch der GSI steht nun vor einem Bündel geopolitischer, finanzieller und kommerzieller Hürden. Das zeigt, wie schwer es ist, Brüssels Vision eines stärker vernetzten europäischen Energiesystems in konkrete Infrastruktur zu übersetzen.

Europäisches Energieprojekt gerät in regionalen Streit

Die akuteste geopolitische Herausforderung kommt aus der Türkei, deren konkurrierende Ansprüche auf Hoheitsrechte zur See den geplanten Verlauf des Kabels überschneiden.

Der GSI würde durch Gewässer südlich und östlich der griechischen Inseln Kreta und Kasos verlaufen. Griechenland beansprucht dort auf Grundlage des Seerechtsübereinkommens der Vereinten Nationen souveräne Rechte über seinen Festlandsockel und die ausschließliche Wirtschaftszone.

Die Türkei, die dem Übereinkommen nicht beigetreten ist, stellt diese Auslegung infrage. Ankara argumentiert, Inseln dürften nicht automatisch vollständige Seezonen beanspruchen, wenn sich ihre Ansprüche mit dem Festlandsockel des Festlands überschneiden.

Der Konflikt hat bereits konkrete Folgen für das Vorhaben.

Im Jahr 2024 verschoben die griechischen Behörden Teile des Offshore-Erkundungsprogramms, nachdem die türkische Marine Schiffe in Gebiete entsandt hatte, in denen Vermessungsschiffe arbeiten sollten. Die Vorfälle eskalierten zwar nicht zu einer direkten Konfrontation, machten aber die Risiken für Infrastrukturprojekte in umstrittenen Seegebieten deutlich.

Klaus Dodds, Professor für Geopolitik und Dekan an der Royal Holloway, University of London, sagte, die Türkei werte den GSI als Herausforderung der Seegrenzen und ausschließlichen Wirtschaftszonen, die Griechenland und Zypern für sich beanspruchen.

„Der GSI ist, wenn er fertiggestellt wird, mehr als nur ein Stromkabel“, sagte Dodds Euronews. Er würde auch eine enge Abstimmung zwischen Griechenland, Zypern und Israel sichtbar machen – eine geopolitische Konstellation, auf die Ankara mit Misstrauen blickt, fügte der Wissenschaftler hinzu.

Die türkische Ablehnung hängt auch mit eigenen Vorstellungen zur Energievernetzung zusammen.

Dodds zufolge würde Ankara lieber eine konkurrierende Unterwasserstromverbindung zwischen der Türkei und der Türkischen Republik Nordzypern aufbauen, einem abtrünnigen Staat, den nur die Türkei anerkennt.

Die Kommission hat jedoch klargestellt, dass sie politisch und finanziell ausschließlich den GSI unterstützt, um Zyperns Stromisolation zu beenden. Dahinter steht ein größerer Konflikt über die energiepolitische Zukunft des östlichen Mittelmeers.

„Die EU hat ein strategisches Interesse an einem stabilen und sicheren Umfeld im östlichen Mittelmeer und bleibt entschlossen, ihre Interessen und die ihrer Mitgliedstaaten zu verteidigen sowie die Stabilität in der Region zu wahren“, sagte ein Kommissionssprecher Euronews.

Die türkische Doktrin „Blue Homeland“ betont stark Ankaras maritime Ansprüche und souveränen Rechte in der Region. Die wachsende Zusammenarbeit zwischen Griechenland, Zypern und Israel hat die Rivalität zusätzlich angeheizt.

Seit dem Sturz des Assad-Regimes in Syrien im Dezember 2024 betrachten sich die Türkei und Israel zunehmend gegenseitig als Bedrohung für die nationale Sicherheit, erklärt Haşim Tekineş, Politikforscher am Institute for Diplomacy and Economy.

Vor diesem Hintergrund verstärkt die zunehmende Annäherung zwischen Griechenland und Israel Ankaras Sorgen noch. Tekineş zufolge sieht die Türkei die enger werdende Partnerschaft zwischen Griechenland und Israel als möglichen Versuch, sie einzukreisen und zu isolieren.

Zugleich könnte Ankara die Fertigstellung des GSI als Verlust geopolitischen Einflusses und wirtschaftlicher Chancen werten. Die Türkei will sich als Energiebrücke zwischen Europa, dem Nahen Osten und weiteren Regionen etablieren.

Brüssel versucht Projekt auf Kurs zu halten

Für die EU geht es nicht nur darum, wie sie ein Kabel durch das Mittelmeer verlegt. Sie muss ein strategisches Energieprojekt in einer der umstrittensten Meeresregionen Europas voranbringen.

Energiekommissar Dan Jørgensen betont die Bedeutung des Völkerrechts und des Multilateralismus, um im östlichen Mittelmeer ein stabiles Umfeld zu sichern und die Zusammenarbeit zwischen EU und Türkei zu vertiefen.

Die Kommission warnte zudem vor türkischen Plänen für eine separate Unterwasserverbindung zwischen Zypern und Nordzypern.

Parallel dazu arbeitet die Türkei an einer überarbeiteten Marinedoktrin. Ankara kündigte im Mai an, diese in Gesetzesform zu gießen, doch die parlamentarische Beratung wurde anschließend auf Oktober verschoben.

Wie die endgültige Fassung aussehen wird, ist offen. Forscher Tekineş geht davon aus, dass selbst engere Beziehungen der Türkei zur EU oder zu den USA die Zusammenarbeit zwischen Griechenland und Israel – und Projekte wie den GSI – für Ankara kaum akzeptabler machen würden.

Damit bleibt das Kabel einem breiteren geopolitischen Streit ausgesetzt, der seine Umsetzung weiter erschweren könnte.

Zweites Problem: Wer zahlt?

Die Türkei ist jedoch nur eines der Hindernisse für das Projekt.

Auch Griechenland und Zypern ringen seit Jahren darum, wie der milliardenschwere Interkonnektor finanziert werden soll und wie die Kosten am Ende auf die Stromkundinnen und -kunden umgelegt werden.

Neben EU-Zuschüssen in Millionenhöhe soll der griechische Übertragungsnetzbetreiber Independent Power Transmission Operator (IPTO) den Rest der Summe stemmen. IPTO hat das Projekt vom bisherigen GSI-Träger übernommen, der früher EuroAsia Interconnector hieß. Ursprünglich sollte die Verbindung bereits 2024 in Betrieb gehen.

Nach der jüngsten Vereinbarung sollte Zypern 63 % der Kosten tragen, rund 786 Millionen Euro. Griechenland sollte 37 % übernehmen, also etwa 460 Millionen Euro.

Athen argumentiert, Zypern profitiere am stärksten und sei zudem der letzte vom EU-Stromverbund isolierte Markt, und müsse deshalb einen größeren Teil der Last schultern. Zypern wiederum fordert Zusicherungen, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht schon vor der Inbetriebnahme des Kabels hohe Kosten tragen müssen.

Athen und Nikosia baten die Europäische Investitionsbank (EIB) im April, die Tragfähigkeit des Projekts, die Kostenschätzungen und die Einbindung in den Strommarkt neu zu prüfen. Sollte die EIB zu dem Schluss kommen, dass die ursprüngliche Schätzung von 1,9 Milliarden Euro gestiegen ist, könnten zusätzliche Finanzierungen oder neue Investoren gesucht werden.

Damit wird das Vorhaben faktisch neu bewertet, nachdem ein früherer Finanzierungsplan gescheitert war. Dieser hatte auf EU-Zuschüsse, EIB-Kredite und Mittel der Projektträger gesetzt, doch die Bank hatte bereits damals Zweifel an der Wirtschaftlichkeit angemeldet.

Ein EIB-Sprecher sagte Euronews, die Gespräche über die Finanzierung des GSI „laufen noch“ und ein möglicher Finanzierungsantrag werde im Einklang mit den Richtlinien und Verfahren der Bank geprüft.

„In diesem Stadium ist noch keine Entscheidung gefallen, ob eine Finanzierung überhaupt in Betracht kommt, und wir äußern uns vor Abschluss der Prüfung nicht im Detail zum Bewertungsprozess“, ergänzte der EIB-Sprecher.

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