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Wie Hamburger Familie: Kind stirbt nach Schädlingsbekämpfung in der Türkei an Vergiftung

Eine Aluminiumphosphid-Tablette
Eine Aluminiumphosphid-Tablette Copyright  Wikimedia commons
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Von Cagla Uren & Euronews
Zuerst veröffentlicht am
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Ein 9-jähriger Junge ist in der Türkei an den Folgen einer Vergiftung gestorben. Im Verdacht: Ein Mittel zur Schädlingsbekämpfung. Ermittler prüfen Verbindungen zu dem Fall der Hamburger Familie, die 2025 in einem Hotel ebenfalls vergiftet wurde.

Im vergangenen Jahr war die vierköpfige Familie Böcek aus Deutschland zum Urlaub in die Türkei gereist und dort aufgrund einer Vergiftung gestorben. Das als Ursache des Todes geltende "Aluminiumphosphid" soll nun auch den Tod des neunjährigen Yusuf Talha Çanlı ausgelöst haben.

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Der neunjährige Çanlı soll in Çanakkale durch eine Schädlingsbekämpfung in der Nachbarwohnung vergiftet worden sein. Er ist trotz Behandlung im Krankenhaus gestorben und wurde am Montag beerdigt.

Der Vater, Uğur Çanlı, schildert den Ablauf des Vorfalls, der sich am fünften August im obersten Stock eines Wohnhauses im Stadtteil Barbaros ereignete. Er sagt, die Familie sei über die Schädlingsbekämpfung in der Nachbarwohnung nicht informiert worden.

Auch in dem Hotel, in dem die Familie Böcek übernachtete, war ein Zimmer im Erdgeschoss zur Bekämpfung von Bettwanzen behandelt worden. Die aluminiumphosphidhaltige Substanz soll über die Lüftung im Badschacht in das Zimmer der Familie gelangt und die dort Schlafenden vergiftet haben.

Vater findet Sohn benommen, Vögel reglos

Nach Angaben des Senders NTV kam Uğur Çanlı am Morgen des Unglückstags von der Arbeit nach Hause. Er fand seinen Sohn Yusuf Talha und seine Frau Sevda erschöpft auf dem Sofa. Die Vögel in der Wohnung waren reglos, weshalb er sofort an eine Vergiftung dachte.

Wie Çanlı berichtet, kontrollierte er zunächst die Gasleitungen in der Wohnung und öffnete die Fenster. Als er gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn die Wohnung verließ, klingelte er beim Nachbarn gegenüber. Dort war niemand anzutreffen, und er bemerkte, dass um die Wohnungstür herum Absperrband angebracht war.

Uğur Çanlı brachte seine Frau und seinen Sohn in die Notaufnahme. Auf Bitten der Ärzte rief er anschließend den Nachbarn und die zuständige Schädlingsbekämpfungsfirma an. So erfuhr er, dass in der betreffenden Wohnung Aluminiumphosphid eingesetzt worden war.

Vergiftungsfall in Çanakkale: Verfahren gegen Nachbarn läuft

Die Ermittlungen zum Tod des Kindes und das gegen den Nachbarn eingeleitete juristische Verfahren dauern an.

Uğur Çanlı betont, niemand habe ihn über die Schädlingsbekämpfung in der Nachbarwohnung informiert. Er kündigt an, für Aufklärung zu kämpfen, damit keine andere Familie dieselbe Tragödie erlebt. Unterdessen wird die Mutter, Sevda Çanlı, weiter medizinisch behandelt.

Aluminiumphosphid: Hochgiftige Verbindung

Aluminiumphosphid ist eine hochgiftige, anorganische Verbindung mit der Formel AlP. Im festen Zustand ist der Stoff meist dunkelgrau oder dunkelgelb gefärbt. Entscheidend ist: Bei Kontakt mit Wasser oder Feuchtigkeit setzt Aluminiumphosphid das sehr giftige Gas Phosphin (PH₃) frei.

Dieses Gas hat eine ausgeprägt toxische Wirkung auf den menschlichen Körper.

Wichtige Einsatzbereiche von Aluminiumphosphid sind die Behandlung von Getreide, Hülsenfrüchten und gelagerten Agrarprodukten, um Fäulnis sowie Schädlings- und Nagerbefall zu verhindern.

Außerdem setzen professionelle Schädlingsbekämpfungsteams den Stoff in speziell abgeschlossenen Räumen ein.

Bekannt ist aber, dass AlP zu gefährlich ist, um überall frei verwendet zu werden. Insbesondere ein unkontrollierter Zugang für die breite Öffentlichkeit birgt erhebliche Risiken.

"Nicht in schlecht gelüfteten Räumen einsetzen"

Der türkische Verbraucherschutzverband TÜSODER warnt im Zusammenhang mit Aluminiumphosphid: "Eine Schädlingsbekämpfung in schlecht belüfteten Räumen und ohne Beachtung der Warnhinweise bereitet den Boden für eine Tragödie. In ungeübten Händen wird die Anwendung zu einer tödlichen Handlung", heißt es.

Der Verband gibt zu dem Stoff folgende Empfehlungen:

  • Schützen Sie sich selbst. Wird in einer Wohnung oder einem Bereich eines Wohnhauses eine Schädlingsbekämpfung durchgeführt, müssen alle Bewohner des Gebäudes und gegebenenfalls auch nahegelegene Häuser Vorsichtsmaßnahmen treffen.
  • Bei Verdacht sofort den Notruf unter 112 oder andere zuständige Nummern wählen.
  • Die Gesundheitsbehörden müssen verhindern, dass Gifte mit so hoher Letalität leicht zugänglich sind, und dafür sorgen, dass sie nur registriert, verpackt und kontrolliert verwendet werden.

Auch die US-Umweltschutzbehörde (EPA) weist in einem Leitfaden auf Einschränkungen hin:

"Zu den Anwendungsbeschränkungen der EPA gehört ein Verbot der direkten Ausbringung in Wasser oder Feuchtgebiete, in Bereiche mit Oberflächenwasser oder Gezeitenzonen unterhalb des mittleren Hochwasserstandes. Einige Etiketten verlangen außerdem, dass das Produkt von Seen, Flüssen, Teichen, Gezeitensümpfen und Ästuaren ferngehalten wird und können zusätzliche Auflagen zum Schutz gefährdeter Arten enthalten. Eine Verunreinigung von Wasser, Lebensmitteln oder Futtermitteln ist ebenfalls untersagt."

Vergiftung: Wie Aluminiumphosphid wirkt

Wenn AlP-Tabletten mit Wasser, Feuchtigkeit oder Magensäure in Kontakt kommen, entsteht Phosphin-Gas. Gelangt dieses Gas über die Atemwege in den Körper, breitet es sich rasch über Lunge und Blutkreislauf aus und stört die Sauerstoffnutzung in den Zellen. Es schädigt die Mitochondrien und kann zu Schock, Herzversagen und zum Versagen mehrerer Organe führen.

Beim Verschlucken von AlP können Übelkeit, teils blutiges Erbrechen, Engegefühl in der Brust, Atemnot, niedriger Blutdruck und eine schnelle Verschlechterung des Allgemeinzustands auftreten.

Bei einer Begasung in geschlossenen Räumen können Menschen durch Undichtigkeiten oder unzureichende Lüftung Phosphin einatmen. In solchen Fällen drohen Lungenödeme, Herzrhythmusstörungen und tödliche Verläufe.

Wie man sich vor einer Vergiftung schützt

Um sich vor den mit AlP verbundenen Risiken zu schützen, sind folgende Maßnahmen wichtig:

Professionelle Anwendung: Soll ein Raum mit Aluminiumphosphid begast werden, dürfen das nur autorisierte, lizenzierte und geschulte Schädlingsbekämpfungsexperten übernehmen.

Keine illegalen Produkte: Aluminiumphosphid-Geräte oder -Tabletten aus nicht zugelassenen Quellen sollten keinesfalls verwendet werden. In einer Warnung der Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate heißt es dazu: "In Wohngebäuden ist ein wahlloser Einsatz von AlP im Inneren nicht erlaubt."

Gute Lüftung und Dichtungskontrolle: Räume, in denen eine Begasung stattfindet, müssen gründlich gelüftet werden. Vor Beginn der Behandlung sind Warnhinweise nötig, und es muss geprüft werden, ob das Gas in benachbarte Bereiche entweichen kann.

Sofort reagieren bei Symptomen: Treten Anzeichen wie Übelkeit, Erbrechen, Schwindel oder Atemnot auf, sollte man umgehend ins Freie gehen und ärztliche Hilfe holen.

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