Ein viel verspottetes KI-Startup behauptet, sein Chatbot erledige alles: von der Terminbuchung bis zum Merken wichtiger Momente.
Gute Nachrichten für schlechte Partner:innen: Wer Jahrestage vergisst, weil er lieber zockt, bekommt jetzt Unterstützung von einem neuen KI-Startup.
Orchid ist der jüngste „Disruptor“ aus dem Silicon Valley. Das Startup löst Probleme, die außerhalb der Tech-Blase kaum jemand hat. Die Firma bietet einen KI-Assistenten an, der Aufgaben per Textnachricht übernimmt, als wäre er ein Freund.
Doch das Produkt will mehr sein als ein Assistent. Orchid vermarktet sich als „zweites Gehirn“. Die KI soll Bildschirmmüden die schwierigsten Alltagsprobleme abnehmen – vom Buchen von Flügen bis zur Erinnerung daran, wann die Milch schlecht ist.
KI statt Kalender: Wo ein einfacher Eintrag reichen würde
Mit einem viel kritisierten Launch-Video, das Ende vergangener Woche erschien, zeigt Orchid seinen Einsatzzweck – in warm ausgeleuchteten Bildern und im Slang der Dauer-Online-Generation.
Der zweiminütige Spot zeigt, wie der KI-Bot den Tag rettet. Die Story sei „rund um eine echte Situation“ gebaut, erklärt das Team in einem Making-of-Video.
Diese echte Situation sieht so aus: Ein Mann Anfang zwanzig vergisst seinen Jahrestag, weil er zu sehr mit Gaming beschäftigt ist. Seine erstaunlich entspannte und zugleich streng geschäftlich gekleidete Partnerin schreibt Orchid eine Nachricht. Die KI soll ihn daran erinnern, dass heute ihr Jahrestag ist – und dass er vielleicht etwas unternehmen sollte. Orchid springt ein, bucht sofort ein Restaurant und bestellt Lilien. Die KI weiß nämlich, dass sie diese Blumen lieber mag als Rosen.
„ok. ok. ich schaff das“, tippt der Mann.
„du kannst es wirklich nicht. deshalb bin ich ja da“, antwortet Orchid. Die gesamte Unterhaltung läuft in Kleinschrift und Emojis.
Ein kurzer Blick in die Kommentare auf Instagram zeigt, wie sehr Nutzer:innen schon die Grundidee des Produkts ablehnen.
„Was bringt eine Beziehung, wenn man alle Mühe und Mitgefühl auslagert?“, schreibt eine Person, eine andere ergänzt: „Das ist so widerlich und dystopisch. Stell dir vor, du kannst jetzt eine Beziehung führen, ohne Einsatz und ohne Absicht. Das ist wirklich gefährlich.“
Eine weitere Stimme schreibt: „Das ist abstoßend, und wenn es nicht gestoppt wird, ist die Menschheit verloren.“
Orchid: Es wird noch schlimmer
Als wäre es nicht schon beunruhigend genug, Liebe und Zuneigung auszulagern, macht Orchid noch weitere abgehobene Vorschläge, wie der Assistent das Leben „optimieren“ könnte.
Orchid kann E-Mails von Marken beantworten, die mit dir kooperieren wollen, wenn du dich selbst nicht traust. Du kannst der KI auch Ideen zuspielen, wenn du feststeckst. Früher hatten diese Rolle Freund:innen, Kolleg:innen oder Nachbar:innen.
In einem noch problematischeren, inzwischen gelöschten Spot behauptete das Unternehmen zudem, sein Agent könne dein Essen scannen und vor dem Verzehr auf Allergene prüfen.
Im Spot heißt es: „Es könnte alles Mögliche sein. Und die Liste der Dinge, die mich ins Krankenhaus bringen, ist lang genug, dass alles ein Problem sein kann.“ Nutzer:innen in den sozialen Medien zerrissen die Werbung umgehend – angesichts der offensichtlichen Risiken, einer KI bei schweren Allergien die Prüfung von Lebensmitteln zu überlassen.
Trotz allen Kopfschüttelns zeigt Orchid einen Trend: Immer mehr Menschen setzen KI für banale Alltagsaufgaben ein.
Im vergangenen Jahr analysierten Ökonom:innen von OpenAI und Harvard 1,5 Millionen ChatGPT-Unterhaltungen über einen Zeitraum von drei Jahren zwischen 2022 und 2025. Sie stellten fest, dass 75 Prozent der Interaktionen nichts mit Arbeit zu tun hatten, sondern nicht berufliche Aufgaben (Quelle auf Englisch) betrafen – etwa praktische Tipps, Informationssuche oder Schreibhilfe. Dazu zählten sie alles von Kochrezepten bis zur Suche nach der nächsten Apotheke.
KI-Situationships: Beginn einer neuen Realität
KI dringt inzwischen in fast alle Lebensbereiche ein. Für manche Menschen ist sie längst mehr als nur ein Werkzeug.
Anfang des Jahres erklärte die französische Dating-App happn die „AI-Situationship“ zu einem neuen Trend. Ähnlich wie im plötzlich visionär wirkenden Film Her sind solche lockeren Beziehungen inzwischen verbreitet. Menschen nutzen Chatbots immer häufiger als „Form des emotionalen Trainings“ oder als „emotionale Spiegel, Räume für Dialog und aufmerksames Zuhören“.
Die zunehmende KI-Durchdringung von Liebesbeziehungen spiegelt auch wachsende Sorgen über Einsamkeit wider.
Eine YouGov-Umfrage (Quelle auf Englisch) aus dem vergangenen Jahr ergab, dass drei von zehn Australier:innen emotional verletzlich gegenüber einem KI-Chatbot waren.
Eine Studie des Austrian Safer Internet Centre (Quelle auf Englisch) zeigte Ähnliches für Europa. Rund ein Fünftel der Erwachsenen nutzt KI-Chatbots für romantische Gespräche. Mehr als ein Viertel glaubt, dass sich junge Menschen in so einen Chatbot verlieben könnten.
Ob jemand sich in einen Chatbot verliebt, seinen Jahrestag vergisst und dann genau diesem Chatbot anvertraut, „alles zu regeln“, wie Orchid verspricht, bleibt offen.